5 Gründe für den Bacsinszky-Coup gegen Williams – einer dagegen

Kann die Schweizerin die Weltnummer 1 schlagen? Ja, sagt Tennisexperte René Stauffer. Und es ist nicht nur die starke Rückhand Bacsinszkys.

Bacsinszky muss sich heute auf eine geballte Ladung Tennis-Power gefasst machen: Serena Williams schlägt eine Vorhand.

Bacsinszky muss sich heute auf eine geballte Ladung Tennis-Power gefasst machen: Serena Williams schlägt eine Vorhand.

(Bild: Keystone)

René Stauffer@staffsky

Für die Buchmacher ist die Lage klar: Serena Williams ist die klare Favoritin. Wer auf sie setzt, kann bei einem Sieg über Timea Bacsinszky nur etwa das 1,3-Fache des Einsatzes zurückholen. Wer hingegen auf die Lausannerin tippt, könnte, sollte sie den Final erreichen, seinen Wettbetrag mit bis 500 Prozent Gewinn wiedersehen. Dabei ist die Lage der Aussenseiterin alles andere als hoffnungslos. Und dafür gibt es einen Hauptgrund und vier weitere Faktoren.

1. Der Sand

Die in den USA auf Hartplätzen gross gewordene Powerspielerin Williams hat nur 2 ihrer 19 Grand-Slam-Titel in Paris geholt, den ersten 2002, den zweiten 2013. Die Spielerinnen, gegen die sie in Roland Garros zuletzt verlor, hiessen Muguruza, Razzano, Stosur, Kusnezowa und Srebotnik. Was zeigt: Nirgendwo ist die 33-Jährige so schlagbar wie auf Sand. Denn dieser entschärft ihre Offensivschläge, allen voran den Aufschlag. Den Gegnerinnen werden so jene kleinen Sekundenbruchteile geschenkt, die oft darüber entscheiden, ob ein Ball noch retourniert werden kann oder nicht. Zudem ist der rutschige Sand für Williams als schwere und kraftvolle Athletin auch bezüglich Fussarbeit am wenigsten geeignet.

2. Das Selbstvertrauen

Timea Bacsinszkys Weg in diesem Jahr geht praktisch nur aufwärts. Mit dem Halbfinal in Paris hat sie ihr zuvor bestes Grand-Slam-Resultat bereits um drei Siege übertroffen, dabei mit Petra Kvitova und Madison Keys zwei ähnliche Spielertypen geschlagen wie Williams – harte Aufschlägerinnen, die den raschen Punktgewinn suchen. Williams dagegen stolperte bisher durch die Runden, gleich dreimal gab sie den ersten Satz ab (gegen Friedsam, Asarenka und Stephens). Darunter hat ihr Selbstvertrauen gelitten, was sich auch in einigen ihrer Aussagen spiegelt. Bacsinszky hat dieses Jahr sogar mehr Partien gewonnen als Williams (32:30).

3. Die Frische

Die Waadtländerin stand bisher eineinviertel Stunden weniger lang im Einsatz als Williams. 6:49 Stunden reichten ihr für ihre fünf Siege, wobei sie nur einen Satz abgab. Dabei waren ihre Gegnerinnen mit einem Durchschnitts-Ranking von 51 sogar klar besser klassiert als jene von Williams (76), die drei Sätze abgab und 8:05 Stunden zu kämpfen hatte. Die Westschweizerin gab bisher erst 33 Games ab, 15 weniger als Williams.

4. Die ersten zwei Duelle

Auch die bisherigen Partien gegen Williams dürfen der Überraschungsfrau Hoffnung geben. Schon beim ersten Duell, 2010 in Rom, hatte sie die Amerikanerin in ein Tiebreak gedrängt (6:7, 1:6). Beim zweiten, im vergangenen März im kalifornischen Indian Wells, hielt sie bis zum 5:5 mühelos mit, hatte sogar einen Breakball zum 6:5, ehe sie 5:7, 3:6 verlor. Damals fehlte ihr aber die nötige Frische und Spritzigkeit, nachdem sie in den drei Wochen zuvor 15 Siege und zwei Titel in Mexiko errungen hatte. Ihre körperliche Ausgangslage ist heute ungleich besser.

5. Die Rückhand

Um die zweite Schweizer Finalistin in Paris nach Martina Hingis zu werden, die 1997 und 1999 im Endspiel verlor, muss Bacsinszky vor allem verhindern, dass Williams zu viele Freipunkte mit ihrem Aufschlag erhält oder dank ihm zu vielen leichten Winnern mit dem zweiten oder dritten Schlag kommt. Neben dem Return wird aber auch ihre Rückhand von kapitaler Bedeutung sein: Schlägt sie diese ähnlich wirkungsvoll wie im Viertelfinal, als ihr damit über zwei Dutzend Winner gelangen, wird sie ihr auch gegen die Nummer 1 viele Freipunkte bringen. Bacsinszky wird, wie gewohnt, variieren mit der Länge und Höhe ihrer Schläge, dem Drall und den Winkeln und versuchen, Williams zum Laufen zu bringen. Wenn sie dazu die Fehlerquote tief halten und ihre Chancen nützen kann, wenn sie denn kommen, wartet auf Williams ein harter Tag.

Was gegen Bacsinszky spricht

Serena Williams hat in dieser Saison erst eines ihrer 31 Spiele verloren und gilt als mental stärkste Spielerin. Das warme Wetter in Paris wird für relativ schnelle Bedingungen sorgen und ihren Offensivschlägen helfen. Auch die Routine spricht für die Nummer 1. Sie bestreitet bereits ihren 26. Grand-Slam-Halbfinal und hat erst drei davon verloren. Ein Sieg Bacsinszkys wäre deshalb wenn auch keine Sensation, so doch immer noch eine sehr grosse Überraschung.

DerBund.ch/Newsnet

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