Geld allein ist ihnen nicht so wichtig

Am Sonntag werden das Schwägalp-Fest im Livestream und der Schlussgang live auf SRF 2 gezeigt. Längst ist der Hosenlupf erfolgreich mediatisiert.

Triumph vor 830'000 TV-Zuschauern: Matthias Glarner (oben) krönt sich in Estavayer zum Schwingerkönig 2016. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Triumph vor 830'000 TV-Zuschauern: Matthias Glarner (oben) krönt sich in Estavayer zum Schwingerkönig 2016. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

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Matthias Glarner und Armon ­Orlik schreiten in die Arena, ­beseelt von den Eindrücken, beschallt von «Conquest of Paradise» und begleitet von Kameras des Schweizer Fernsehens. «Was für eine Bühne für den Kampf des ­Lebens», sagt Kommentator Stefan Hofmänner. Ein bisschen Pathos darf sein, muss sein, am 28. August 2016, vor dem Schlussgang des Eidgenössischen Schwingfests in ­Estavayer. 830'000 Zuschauer erleben Glarners Triumph live auf SRF 2.

Drei Jahre zuvor war für den Schlussgang des Eidgenössischen in Burgdorf zwischen Matthias Sempach und Christian Stucki fast eine Million Zuschauer zugeschaltet, was 78 Prozent Marktanteil entsprach.

Schwingen im Schweizer Fernsehen: Grossereignis, Quoten­garant, Höhepunkt.

Was, wenn das Schweizer Fernsehen kurz vor dem ersten «Guet!» des Kampfrichters auf Formel 1 umgeschaltet hätte? Unvorstellbar? Nein, so geschehen am Eidgenössischen 1998 in Bern. Im Wankdorfstadion wurde der 19 Jahre alte Toggenburger Jörg Abderhalden dank seinem Sieg über Werner Vitali zum jüngsten Schwingerkönig. SF DRS aber ­hatte just vor dem Schlussgang zur Formel 1 gewechselt.

Der grosse Flop von SF DRS

Profiteur war der Lokalsender ­TeleBärn, welcher sich die Übertragungsrechte für gerade einmal 4000 Franken gesichert hatte. Und während beim Staatsfern­sehen die Boliden ihre Runden drehten, stieg der Marktanteilbei TeleBärn im Spitzentempo von 8 auf knapp 50 Prozent.

Beim Schweizer Fernsehen wird auch Jahre danach von einem der grössten Flops gesprochen. Derjenige, der für das ­Malheur die Verantwortung trug, musste später bei einem Treffen der TV-Sportredaktion spasseshalber zu einem Gang gegen ­König Abderhalden antreten. Der Mann verletzte sich beim Schaukampf und war mehrere Monate lang arbeitsunfähig.

Grosser Preis von Belgien statt Eidgenössisches in Bern: So stand es um den Stellenwert des Schwingsports vor der Jahrtausendwende. Bald danach setzte die Mediatisierung des Hosenlupfs ein – und das Fernsehen schlüpfte in die zentrale Rolle. Den Schlussgang von Nyon 2001 verfolgte bereits eine halbe Million Zuschauer. Vom Eidgenössischen 2004 in Luzern berichtete das Schweizer Fernsehen zum ersten Mal zwei Tage live. Und in Estavayer 2016 reiste das SRF mit zehn Tonnen Material an, verwendete elf Kameras, darunter eine Spider-Cam aus der Luft und eine Hyper­motion-Cam für spektakuläre Super-Zeitlupe.

Zuschauerwerte wie bei WM-Final im Eishockey

Schlussgänge von eidgenössischen Anlässen erreichen mittlerweile Zuschauerwerte, die auf vergleichbarer Stufe sind mit einem WM-Final des Eishockey-Nationalteams oder bedeutenden Skirennen. Wesentlich mehr Publikum ziehen nur die Schweizer Fussballer an.

Wer mit seiner Sportart derart die Massen zu mobilisieren weiss, der dürfte in den Verhandlungen um TV-Rechte den Partner fest im Griff haben. Aber weit gefehlt. Im Juni wurde publik, dass sich SRF nach Verhandlungen mit dem Eidgenössischen Schwingerverband (ESV) die Rechte für sämtliche eidgenössischen Anlässe ­sowie für alle fünf ­Teilverbands- und die sechs Bergkranzfeste ­gesichert hat. Die Vertragsdauer: fünf Jahre. Die Summe: 172'000 Franken jährlich. Zum Vergleich: Der Verband Swiss Ice Hockey erhält für die TV-Rechte von Anbieter UPC jährlich über 35 (!) Millionen Franken.

Selbst wenn der Vergleich mit Eishockey aus diversen Gründen auf beiden Beinen hinkt, stellt sich die Frage, weshalb sich der ESV in den Verhandlungen offensichtlich traditionell unter Wert verkauft. 2001 zahlte das Schweizer Fernsehen für die TV-Rechte am Schwingen pro Jahr 40'000 Franken. 2010 waren es 70'000, zuletzt 130'000, nun 172'000. Eine stete Steigerung zwar, aber der Betrag ist immer noch zu tief, oder nicht, Rolf ­Gasser? Der Geschäftsführer des ESV sagt: «Das mag vielleicht überheblich klingen: Aber uns ist es wichtiger, dass wir möglichst viel Präsenz haben, statt den letzten Franken auszureizen.»

«In den letzten Jahren hatte es zu viele Kameras um die Sägemehlringe herum. Für die Zuschauer war die Sicht eingeschränkt.» Rolf ­Gasser, Geschäftsführer des ESV

Bei den Bewegtbildern unterscheidet der ESV drei Stufen: Für die erste, jene mit den eidgenössischen Anlässen, hat das Schweizer Fernsehen seit Jahren das Monopol. Der neue Vertrag sichert dem SRF nun auch für die zweite Stufe Exklusivität zu (Teilverbands-/Bergfeste). Für die dritte Stufe, dazu gehören die Gauverbandsfeste, hält der ESV die Rechte. Auch dort strebt er punkto Produktion von Bewegtbildern eine einheitliche Lösung an.

Hinter dem Wunsch der Bündelung der Rechte steht die Absicht, «den Wildwuchs auf den Schwingplätzen einzudämmen», wie es Gasser formuliert. Es sollen nicht mehr Kameras en ­masse von unterschiedlichen TV-­Anbietern aufgestellt werden. «In den letzten Jahren hatte es zu viele Leute und Kameras um die Sägemehlringe herum. Für die Zuschauer war die Sicht eingeschränkt. Nun haben wir wieder Ordnung.» Zudem verringere eine einheitliche Produktions­lösung den Aufwand der ­Organisatoren, hält Gasser fest.

Obwohl das SRF nun die Rechte an sämtlichen bedeutenden Festen hält, strahlt es weiterhin nur einen Anlass pro Jahr live im TV aus. 2018 handelte es sich um den Brünig-Schwinget. Die Auswirkungen der neuen Vereinbarung zeigen sich vielmehr beim Online-Auftritt, werden doch auf der Homepage und der App von SRF Sport diese Saison sieben Feste als kommentierte Live­streams in voller Länge gezeigt. Die Schlussgänge werden punktuell auf SRF 2 oder SRF Info ausgestrahlt – so wie dies am Sonntag beim Schwägalp-Schwinget der Fall sein wird.

Profitieren mit Sublizenzen

Die Gewichtung des SRF missfällt Adrian Grob, Chefredaktor des Lokalsenders TeleBärn, der zur AZ-Mediengruppe gehört. «Bei der Vergabe der Rechte wären wir gerne am Tisch gesessen. Wir verfügen über eine Palette an ­nationalen und regionalen ­Sendern, hätten eine breite Abdeckung garantiert und auch mehr Feste im Fernsehen ausgestrahlt», sagt Grob. «Aber dem SRF scheint es sehr gut zu gehen, wenn es sich diese Exklusivität leistet, nur um den Grossteil der Wettkämpfe online zu verbreiten.»

Trotzdem spricht Grob von einer guten Lösung. Interessenten können vom SRF sogenannte Sublizenzen erwerben. Auf diese Weise übernahm Tele M1 die ­produzierten Livebilder vom Innerschweizerischen und Tele­Bärn letzten Sonntag jene vom Berner Kantonalen. Für die Sublizenz überwies der Regionalsender 7500 Franken an das SRF, die Gesamtkosten der Produktion beliefen sich auf 50'000. «Letztlich profitieren alle», sagt Grob. Der lokale TV-Sender erhält eine gute Einschaltquote, das SRF neben den Homepage- und App-Zugriffen einen Zustupf, der ESV die Präsenz, die Schwinger die Aufmerksamkeit. Bleiben die Organisatoren, die vom Verband keine ­Defizitgarantie erhalten, wegen der Fernsehübertragungen aber einen Mehraufwand bei der ­Infrastruktur leisten müssen. Deshalb gibt der ESV laut Gasser «einen definierten Teil der Einnahmen aus dem TV-Vertrag an die Organisatoren weiter».

Gasser ist ein ehemaliger Kranzschwinger. Sein Vater Hans­ueli ist fünffacher «Eidgenosse» und Unspunnensieger. Der Geschäftsführer des ESV verfolgt die Mediatisierung des Schwingens seit Jahren und sagt: «Wir haben rund 3000 Aktiv- und 3000 Jungschwinger, zählen demnach nicht zu den grössten Verbänden. Aber unsere Präsenz in den Printmedien und im Fernsehen ist überdurchschnittlich. Dessen sind wir uns bewusst. Für die Nachwuchsrekrutierung ist dieser Umstand unbezahlbar.»

Unbezahlbare Wirkung für die einen, erschwingliche Kosten für die anderen – Schwingen und Fernsehen: ein «Gestellter» mit zwei Siegern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2018, 23:37 Uhr

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