Als es Bomben hagelte

Die Rugby-Rivalität zwischen Neuseeland und Südafrika ist 100 Jahre alt. Heute prallen die Gegner an der WM in Japan aufeinander.

Bilder eines faszinierenden, endlosen Duells: Francois Pienaar (Mitte) bejubelt 1995 den WM-Titel. Foto: Getty

Bilder eines faszinierenden, endlosen Duells: Francois Pienaar (Mitte) bejubelt 1995 den WM-Titel. Foto: Getty

David Wiederkehr@DavidWiederkehr
Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Wenn ein Spiel zur Belastungsprobe wird

Und dann kommt das Flugzeug. Im Tiefflug braust es über das Stadion, so tief, dass Spieler und Zuschauer fürchten, es könnte an den Torpfosten hängen bleiben. Mehlbomben und brennende Seenotfackeln werden von oben auf den Rasen geworfen, ein Spieler der Süd­afrikaner, Gary Knight, bleibt ­getroffen liegen. Ausserhalb des Stadions: wüste Keilereien ­zwischen Protestierenden und Polizisten. Der Eden Park in Auckland ist das grösste und traditionsreichste Stadion Neuseelands. Der Stolz der Sportseele des Landes. Es liegt in einer Senke, unterhalb eines Bahntrassees, rundherum Wohnhäuser. Vorortsidyll. Am 12. September 1981 ist hier der Teufel los. Weil drinnen, im Eden Park, Rugby gespielt wird. Die Ereignisse rund um diesen Match sollten das Verhältnis zwischen Neuseeland und Südafrika nachhaltig prägen. Sprich: belasten.

Vor 38 Jahren tourte die südafrikanische Nationalmannschaft der Springboks durch Neuseeland. 16 Spiele waren geplant, 13 gegen Regionalauswahlen, 3 gegen die All Blacks. Es war nicht die erste Tour dieser Art, seit 1921 spielen die beiden Teams regelmässig gegeneinander. Es ist nicht einmal die umstrittenste, denn als Neuseeland 1960 in Südafrika antrat, hatte die Apartheid-Regierung den All Blacks den Einsatz von Spielern mit ­Maori-Abstammung verboten.

Aber inzwischen, 1981 also, haben viele Neuseeländer genug von Spielen gegen die Südafrikaner mit ihrer Rassentrennung. Seit Mitte Juli sind die Springboks im Land. Wo immer sie ankommen, wird gegen sie protestiert. Aus Sicherheitsgründen können sie nicht im Hotel übernachten, sondern werden in Sporthallen einquartiert, gewisse Nächte verbringen sie in Gefängniszellen. In der Kleinstadt Hamilton wird die Begegnung gegen eine Regionalauswahl abgesagt, nachdem Fans den Rasen gestürmt haben.

150'000 protestieren

Die Stimmung im Land ist aufgeheizt, die Tour trennt Familien. In der südafrikanischen Zeitung «The Star» erzählt der frühere All Black John Graham, dass er angeekelt gewesen sei vom Besuch der Südafrikaner und kein einziges Spiel gesehen habe – im Gegensatz zu seiner Frau, die sich eine Trennung von Sport und Politik wünschte. Die Serie wird selbst zur Belastungsprobe für das neuseeländische Rugby: Auf den Strassen passen Fans Protestierenden ab, die aus Polizeigewahrsam entlassen werden.

Am 12. September 1981 also kommt es zum grossen Finale in Auckland, dem letzten Spiel der Springboks in Neuseeland. Und es kommt zu Szenen, die das Land noch nie erlebt hat. 150'000 Menschen protestieren ausserhalb des Eden Parks, Tausende Polizisten schützen das Stadion. Das Bahntrassee markiert die Grenze: Wer ein Ticket hat, muss eine Stunde vor Spielbeginn an seinem Platz sein. Neuseeland gewinnt Match und Serie.

Wirklich gewonnen hat in jenen Wochen aber niemand. (wie)


Mit der Kraft von Mandela und der Nummer 6

Maboneng heisst das Viertel mitten in Johannesburg. Früher war es eine No-go-Area, eine Ecke in dieser von der Apartheid zerrissenen Stadt, die man besser mied. Maboneng war kein «Platz des Lichts», wie es übersetzt heisst.

Heute ist es ein Trendviertel, voller Leben und Licht. Es gibt viele Läden, Bars, Märkte und eine starke Graffiti-Szene. An der Beacon Street zieht sich eine Zeichnung neun Stockwerke hoch. Sie zeigt Nelson Mandela als Boxer, der er einst war. Um die Ecke ist die Agog-Gallery, auf dem Dach gibt es eine Bar und von hier den freien Blick auf den nahen Ellis Park. Das ist ein Stadion für Fussball und Rugby, nicht modern, aber bedeutsam, denn es ist ein Ort, der für die jüngere Geschichte Südafrikas steht, für das Südafrika Mandelas.

27 Jahre war Mandela von den Weissen in Gefängnissen gehalten worden, 1990 kam er frei. Vier Jahre später, bereits 76-jährig, wurde er zum Staatspräsidenten gewählt. Er wollte das Land versöhnen und umgestalten, und um sein Ziel zu erreichen, entdeckte er das Rugby. 1995 fand im Land die WM statt, die erste für die südafrikanische Mannschaft überhaupt, nachdem sie bei den ersten beiden Austragungen wegen der Rassentrennung noch geächtet worden war.

Rugby war der Sport der Buren, der Weissen. Nur ein Spieler war schwarz, als sich die Mannschaft auf die WM vorbereitete. Mandela rief Francois Pienaar zu sich, um ihm seinen Plan zu erklären. Der Plan war: Südafrika sollte den Titel gewinnen. Pienaar trug als Captain der Springboks die Nummer 6. Zum Zeichen der Verbundenheit tat das auch Mandela, als Südafrika am 24. Juni 1995 im Final auf Neuseeland prallte. Inzwischen hatten auch die Schwarzen den Sport entdeckt. 60'000 füllten den Ellis Park, und Millionen schauten am Fernseher zu, als die Springboks den Favoriten 15:12 bezwangen. «Danke, was Sie für Südafrika gemacht haben», sagte Mandela zu Pienaar. «Nein, Sie irren sich», entgegnete der Spieler, «danke Ihnen für das, was Sie für Südafrika gemacht haben.»

Kolisis Motivation

Clint Eastwood erzählt die Geschichte dieser epischen Tage in «Invictus». Der Film heisst wie das Gedicht, das Mandela während seiner Gefangenschaft Kraft gab. Darin heisst es: «Ich bin der Meister meines Los’ / Ich bin der Kapitän meiner Seele.» Wenn Südafrika heute in Japan wieder auf Neuseeland trifft, trägt Siya Kolisi die legendäre Nummer 6. Kolisi ist Captain wie einst Pienaar, aber anders als Pienaar hat er eine schwere Jugend hinter sich. Seine Mutter war 15, als er auf die Welt kam, und er wuchs bei einer Grossmutter auf, die kaum Geld für die Schule hatte. «Mir ist bewusst, dass meine Geschichte eine typisch südafrikanische Geschichte ist», sagte Kolisi im «Guardian», «aber sie ist meine Motivation.»

Kolisi ist der erste schwarze Captain der Springboks. (ths.)

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