«So läuft das beim FCZ»

Für Marco Bernet ist der Abstieg kein Zufall: Er arbeitete beim FC Zürich – bis Präsident Ancillo Canepa glaubte, auf das Fachwissen des Technischen Direktors verzichten zu können.

Canepa habe den Leuten in seinem Club nicht immer genügend Wertschätzung entgegengebracht, sagt Bernet. Foto: Keystone

Canepa habe den Leuten in seinem Club nicht immer genügend Wertschätzung entgegengebracht, sagt Bernet. Foto: Keystone

Der FCZ ist abgestiegen. Wie ist das zu erklären?
Ein Club steigt nicht einfach so ab, es gibt immer eine Vorlaufzeit. Beim FCZ dauert die schon mehrere Jahre. So gesehen ist der Abstieg kein Zufall.

Seit wann geht es abwärts?
Der FCZ war einmal auf sehr gutem Weg. Er war nicht nur im sportlichen Sektor, sondern auch in anderen Bereichen breit und kompetent abgestützt.

Was ist danach geschehen?
Der FCZ hat seinen Kurs nicht beibehalten. Er hat sukzessive Fachkräfte ver­loren. Im sportlichen Bereich ging viel Know-how verloren, Positionen wurden gestrichen, Stellen abgebaut, immer wieder Budgetreduktionen angeordnet. Nachdem ich 2012 zum Technischen Leiter ernannt worden war, habe ich versucht, die guten Strukturen zu erhalten und auf diesen aufzubauen. Ich erhielt zu wenig Zeit. Und konnte viele neue Ideen nicht umsetzen.

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Welche Ideen?
Ich wollte Schwerpunkte verschieben, den medizinischen Bereich ausbauen, einen Athletiktrainer, einen zusätzlichen Konditionstrainer anstellen und weiteres auch. Ich wollte Fachleute aus allen wichtigen Gebieten. Ich verliess den Verein, als sich abzeichnete, dass die von mir geforderten Strukturen nicht realisiert werden und der Club lieber anderweitig investiert – zum Beispiel in teure Spieler. Meine Ideen waren nicht besonders willkommen.

Werden wir konkret: Nicht willkommen bei Präsident Ancillo Canepa?
Nicht nur. Einige Leute im sportlichen Bereich fürchteten um ihren Einfluss, sie dachten, ihre Kompetenzen würden beschnitten, wenn Fachleute in einzelnen Bereichen mitredeten. Zum Beispiel sollte meiner Meinung nach ein Spieler nicht eingesetzt werden, wenn sich der Arzt dagegen ausspricht.

Welche Veränderungen trafen den FCZ am stärksten?
Ganz sicher die Abgänge von Fredy ­Bickel (Sportchef, 2012) und von Ernst Graf (Leiter der FCZ-Academy, 2013). Dieser Verlust an Fachkenntnis war nicht zu kompensieren. Die beiden sind für Schweizer Verhältnisse Spitzenleute.

Sie konnten Bickel also nicht ­ersetzen?
Das war auch nie die Absicht. Die Position des Technischen Direktors war mit anderen Pflichten verbunden. Wir wollten auf dem Fundament der FCZ-Academy aufbauen und den Club mit der Philosophie eines Ausbildungsvereins fit machen für die Zukunft. Ich schloss beispielsweise nie einen Transfer im Alleingang ab. Das war immer eine Entscheidung der Sportkommission mit Canepa, Urs Meier (Trainer), Massimo Rizzo ­(Assistenztrainer) und mir. Wir hatten eine gute Diskussionskultur.

Der Abstiegsabend des FCZ im Video.

Es gab damals also ein Korrektiv?
Ja. Es gab auch einmal eine Gegenstimme, ein «ja, aber . . .» Ich versuchte immer, meine Philosophie einzubringen, den Verein breit und stabil abzustützen. Ich fand es einfach falsch, die meisten finanziellen Mittel ins Kader zu investieren und die Rahmenbedingungen zusehend zu vernachlässigen.

Das zur Verfügung stehende Geld wurde also Ihrer Meinung nach falsch investiert?
Ja. Und meine Position wurde vor zwei Jahren auch abgebaut, weil der Club den eingeschlagenen Weg nicht weiterverfolgen wollte. Aber daran trug nicht allein der Präsident die Schuld, es gibt doch auch noch einen Verwaltungsrat, der ein Korrektiv sein könnte.

Was will der Verwaltungsrat schon ausrichten, wenn die Canepas ­neunzig Prozent der Aktien halten?
Ein Verwaltungsrat mit starken Mitgliedern könnte eingreifen!

Hat Canepa also nur Leute in den VR geholt, die ihm zunicken?
Das lasse ich unkommentiert.

Hat Canepa nicht begriffen, wie wichtig gute Mitarbeiter sind?
Ich will es so sagen: Er hat den Leuten nicht immer genügend Wertschätzung entgegengebracht.

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Nach dem Cupsieg 2014 hat der Präsident gesagt, es brauche keinen Technischen Direktor mehr, es laufe ja alles bestens. Wieso löste er funktionierende Strukturen auf? Aus Selbstüberschätzung?
Fehleinschätzung ist wohl das geeignetere Wort. Der FCZ hat den eingeschlagenen Weg für einen anderen eingetauscht, der jetzt leider nicht zum Erfolg geführt hat.

Ende 2013 übernahm auch Heliane Canepa eine tragende Rolle im Club. Wie funktionieren die beiden?
Sie sind ein unzertrennliches Duo, das alles gemeinsam macht, diskutiert und entscheidet. Es kann in solchen Situationen schwierig sein, Einfluss zu nehmen.

Wie kann es passieren, dass im Wirtschaftsleben erfolgreiche ­Leute wie die Canepas im Fussball so viele Fehler machen?
Es fehlt ihnen das fussballtechnische Know-how. Es handelt sich beim FCZ um einen von sehr vielen Leuten ­geschätzten Club und nicht um ein normales Unternehmen.

Konkret gesagt: Man kann einen Fussballclub nicht wie eine Firma für Zahnimplantate führen?
(lacht) Ich weiss nicht, wie man ein Unternehmen für Zahnimplantate führt. Ich weiss nur, wie man mit den Leuten in einem Unternehmen umgehen und diese weiterentwickeln könnte. Und was für mich klar ist: Wer einen professionellen Fussballclub erfolgreich führen will, der braucht fähige und kompetente Leute an seiner Seite.

Der Sturm der FCZ-Chaoten im Stadion.

Wurde durch Heliane Canepas Eintritt in die Geschäftsleitung des FCZ die Situation verschlechtert?
Der interne Druck im Verein nahm zu, die Mitarbeiter konnten weniger frei entscheiden und wurden schärfer kontrolliert, Heliane Canepa ist eine starke und fordernde Persönlichkeit. Das Arbeitsklima ist mit ihr sicher rauer geworden.

Wieso hat sich Canepa mit so vielen ehemaligen Begleitern, Trainern, Verwaltungsräten zerstritten?
(denkt lange nach) Nehmen wir das Beispiel von Trainer Sami Hyypiä: Er bekam von Canepa das absolute Vertrauen als Fachperson, er bekam alle Kompetenzen, ja sogar eine Carte blanche. So läuft das beim FCZ: Zuerst wird einer mit allen Kompetenzen ausgestattet, um dann doch fallen gelassen zu werden, wenn sich die Dinge nicht so entwickeln, wie es sich die Führung vorgestellt hat.

Was muss beim FCZ nun geschehen?
Er muss wieder tragfähige Strukturen schaffen, und er muss die wichtigen Positionen mit Fachleuten besetzen.

Das kostet viel Geld.
Nein, mittelfristig zahlt sich das sicher aus. Teure Spielerlöhne wie damals für den unbeständigen Chikhaoui (er dürfte nach seiner letzten Vertragsverlängerung rund 700'000 Franken verdient haben, die Red.) kann man intelligenter investieren: in gute Trainer, in den ­Nachwuchs, in eine funktionierende ­medizinische Abteilung, in Reha- und Konditionstrainer . . .

. . . und in einen Sportchef.
Dieser muss eine Persönlichkeit sein, eine Person, die Strategien entwickelt und nicht nur an den nächsten Match denkt, sondern den Verein ganzheitlich weiterentwickelt.

Gibt es in der Schweiz Leute, die das können?
Die Szene ist klein. Entscheidend für die Kandidaten ist wohl, was jetzt beim FCZ auf Führungsebene geschieht.

Wie ist Ihre Prognose?
Das ist sehr spekulativ. Es sind für mich viele Szenarien denkbar. Sogar, dass ­Ancillo Canepa zurücktritt.

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