«Beat Feuz ist das grosse Fundament im Schweizer Team»

Pirmin Zurbriggen schreibt in seiner Kolumne über die WM-Abfahrt, Beat Feuz’ Unmut und eine bittere Niederlage.

Für Feuz ist die Situation als alleiniger Leader im Schweizer Team sehr schwierig: Beat Feuz nach der Abfahrt in Are. Foto: Keystone

Für Feuz ist die Situation als alleiniger Leader im Schweizer Team sehr schwierig: Beat Feuz nach der Abfahrt in Are. Foto: Keystone Bild: Keystone

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Ich habe am Samstag bei der Abfahrt mit den Athleten mitgefühlt, als sie am Start standen, das Wetter Kapriolen machte und das Rennen immer wieder verschoben wurde. Wie kommen sie damit zurecht? Ältere Athleten mit viel Erfahrung können damit besser umgehen, gelassener.

Die Jungen aber sind in einer solchen Situation richtig gefordert, erst recht an einer Weltmeisterschaft. Sich aufputschen, sich wieder beruhigen, wieder aufputschen – das hinzukriegen ist etwas, was ein Sportler mit den Jahren lernt. Wie er seinen Kopf und seinen Körper am besten schont und auf den Punkt doch wieder bereit ist.

Gab es eine Verschiebung, ging ich jeweils erst einmal weg vom Hang, abschalten, etwas trinken, das Rennen für einen Moment aus dem Blick verlieren. Als der Start näherrückte, ging ich wieder Richtung Hang, suchte die Konzentration. Diejenigen, die am Samstag vorne waren, haben das perfekt hingekriegt. Und ich muss auch sagen: Die Besten des Tages standen auf dem Podest.

«Jeder wünscht sich für einen Grossanlass neutrale und zu hundert Prozent korrekte Verhältnisse. Nur wird es das nie geben.»Pirmin Zurbriggen

Ich verstehe die Enttäuschung der Schweizer, vor allem von Beat Feuz, dass er davon spricht, die Verhältnisse mit dem Schneefall und der schlechten Sicht seien einer WM nicht würdig gewesen. Jeder wünscht sich für einen Grossanlass neutrale und zu hundert Prozent korrekte Verhältnisse. Nur wird es das nie geben. Denken wir an die WM in Morioka 1993, da war es ja extrem. Dort waren die Schweizer mit Urs Lehmann die Glücklichen. Glück, das braucht es auch bei solch garstigen Verhältnissen.

Pirmin Zurbriggen in Aktion in Bormio beim Kombinationsslalom der WM 1985. Bild: Keystone

Das fehlte mir bei Olympia 1988 in Calgary. Ich stand in allen Super-G davor auf dem Podest. Doch bei diesem Rennen erwischte mich im Mittelteil eine heftige Windböe, ich spürte sofort: Dieses Rennen habe ich verloren. Ich wurde Fünfter. Es nervt, wenn man für seine Niederlage nichts kann. Diese Situation sorgt bei einem aber auch für Demut. Und ich wusste: Wenn ich weiter­kämpfe, kommt das Glück zu mir zurück, das gleicht sich alles aus. Ich kann Feuz’ Frust also verstehen, bin mir aber sicher, dass sich dieser bald legen wird und er noch eine grosse Chance hat auf den Sieg im Abfahrtsweltcup.

«Schon zu Feuz' Juniorenzeiten habe ich bemerkt, dass er ein wahnsinniges Gleichgewichtsgefühl und ein Gespür für die Beschleunigung hatte, wie ich das nur sehr, sehr selten erlebt habe.»Pirmin Zurbriggen

Ja, Beat Feuz. Seine Karriere beeindruckt mich. Ich habe einmal einen Arzt getroffen, der bei einer der vielen Operationen an seinem linken Knie dabei war. Er schilderte mir, in welch schlechtem Zustand dieses war, und ich kann nur sagen: Es ist ein Wunder, was er da leistet auf der Piste. Dass er ein riesiges Talent ist, habe ich schon zu seinen Juniorenzeiten bemerkt, er konnte in allen Disziplinen brutal schnell fahren, hatte ein wahnsinniges Gleichgewichtsgefühl und ein Gespür für die Beschleunigung, wie ich das nur sehr, sehr selten erlebt habe. Was er mit seiner Geschichte geschafft hat, da kann ich nur sagen: Er ist einer der besten Skirennfahrer, die es je gab.

Er ist der unbestrittene Leader im Schweizer Team, das grosse Fundament. Dann gibt es noch einen Caviezel, der von der technischen Seite her kommt und dabei ist, sich der Weltspitze anzunähern. Und das muss auch der Weg für die Jungen sein. Wenn einer technisch nicht absolut top aufgestellt ist, hat er heute in der Abfahrt keine Chance mehr. Diese wichtige Tatsache wurde in der Schweiz in den vergangenen Jahren etwas vernachlässigt. Es braucht daher noch Zeit, bis alles richtig wachsen kann, bis wieder ein breites Abfahrtsteam steht. So einen wie Feuz kriegt man nicht geschenkt.

Für ihn ist die Situation als alleiniger Leader sehr schwierig. Dafür haben die Athleten hinter ihm die Chance, in Ruhe etwas aufzubauen. Dass wir zu meiner Zeit eine derart starke Mannschaft beisammen hatten, half. Ich wusste, wenn ich den Lauf nicht hinunterbringe, tut es ein anderer, das gab Ruhe – dafür herrschte im Training umso mehr Druck. Schon dort musste ich alles aus mir herausholen, damit ich dabei war. Es war abnormal, wie wir uns gegenseitig antrieben.

So war es auch bei den Norwegern, erst mit Aamodt und Kjus, und bis Samstag mit Jansrud und Svindal, deshalb gewannen sie Gold und Silber. Sie wuchsen als Team zusammen, arbeiteten sich gemeinsam hoch, diese Dynamik bei den Norwegern: phänomenal! Sie sind Kollegen, gehen zusammen durch dick und dünn, sitzen im gleichen Boot. Sie tragen das Gefühl in sich: Wir können vorne mitmischen. Und tut das dann einer, schraubt sich das Ganze in horrendem Tempo nach oben. Die Norweger haben mich schon immer beeindruckt. Es sind ruhige Menschen, bescheiden und doch bereit, alles zu geben. So gesehen, hat die Abfahrt ­absolut die richtigen Sieger hervorgebracht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2019, 13:17 Uhr

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