«Shiffrin hat alles gewonnen – das ist bitter»

Gold- und Silbermedaillengewinnerin Wendy Holdener spricht nach der WM über die Amerikanerin, Erfolge und ihren leidenden Vater.

Noch ein Meilenstein: Wendy Holdener mit ihrer Silbermedaille. Foto: Reto Oeschger

Noch ein Meilenstein: Wendy Holdener mit ihrer Silbermedaille. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ist mit dem Gewinn von Slalomsilber eine Last von Ihnen abgefallen?
Ja, vor allem eine psychische. Ich habe mich bestmöglich auf diesen Slalom vorbereitet und geschaut, dass ich körperlich bereit bin. Aber der Druck machte mich müde. In der Vorbereitung hatte ich manchmal das Gefühl, dass ich kaum mehr Kraft in den Beinen habe – und dann sah ich bei Messungen, dass ich körperlich eigentlich topfit war.

Der Kopf machte die Beine müde?
Ich bin das schon gewohnt. Seit diesem Winter haben wir aber ein Messgerät, das genau aufzeigt, wie fit ich wirklich bin, wie das Nervensystem funktioniert, wie der Puls.

Brauchen Sie diese Bestätigung der Maschine, um zu wissen, dass es Ihnen körperlich gut geht?
Sie hilft in Situationen, in denen ich nicht einschätzen kann, ob die Beine müde sind oder alles zu viel ist für mich.

Für die WM waren Sie gerüstet: Vor Slalomsilber gewannen Sie Gold in der Kombination. Mit welchem Gefühl verlassen Sie St. Moritz?
Natürlich mit einem guten. Ich musste ja keine grosse Enttäuschung wegstecken.

Keine grosse? Aber eine kleine?
Nein, aber nach dem City-Event in Stockholm, bei dem ich in der ersten Runde ausschied, war ich am Boden zerstört. Es ging mir richtig schlecht. Deshalb habe ich meine vorherige Antwort so formuliert.

Mein Kopf ist leer»: Wendy Holdener fehlen die Worte nach ihrer WM-Silbermedaille. (Video: SDA)

Weltmeisterin, Silbermedaillen­gewinnerin: Wie hört sich das an?
Gut. Das sind Meilensteine, die ich erreicht habe, die mir niemand mehr wegnehmen kann.

Sie klingen nüchtern. Können Sie bereits einordnen, welche Bedeutung diese Erfolge haben?
Ja, aber diese Erfolge kamen nicht aus dem Nichts. Wir haben lange darauf hingearbeitet. Schön, ist es aufgegangen.

Es ging nur ein Plan auf?
Ich hoffte, dass es gut laufen würde. Bis Mitte Januar hatte ich den Fokus noch nicht auf der WM gehabt. Ich wollte das auch gar nicht, weil ich ziemlichen Respekt hatte vor dieser Heim-WM.

Wieso?
Ich dachte, es gebe zu viel Rummel, es habe zu viele Leute, die von mir etwas möchten, und dass ich alldem nicht gerecht werden würde. Dann aber hat es extrem gut funktioniert. Wir wurden abgeschirmt, die Treffen mit den Medien fanden am Anfang der WM statt.

Mussten Sie erst lernen, sich auf die Heim-WM zu freuen?
Mein Bruder Kevin hat mir einen Brief geschrieben: «Wir können nach der Junioren-WM 2010 unsere zweite WM zusammen verbringen.» Es waren solche Kleinigkeiten, die mir bewusst machten, was ein solcher Anlass bedeutet.

Ihr Bruder musste seinen Traum vom Skifahren aufgeben, nachdem er 2010 an Krebs erkrankt war. Gibt es Ihnen nun doppelte Motivation, weil Sie denken: Ich fahre für zwei?
Das wäre eher belastend für mich.

Nun ist Kevin Ihr Manager und in St. Moritz dabei. Wie ist das für Sie?
Es ist schön, dass er seinen Weg gefunden hat und seiner verpassten Karriere nicht nachtrauert. Dass er das alles so miterleben kann, ist schon sehr speziell.

Wie war es für Sie, Ihren Erfolg mit Ihrer Familie im Zielraum zu feiern?
Die Umarmungen mit meinen Eltern und Kevin waren sehr emotional. Ich war gerade nach dem Slalom sehr aufgewühlt, weil mir bewusst wurde, dass ich es geschafft hatte und alles vorüber war.

Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie sehr Ihre Familie mitlitt.
Ja, die habe ich auch gesehen. Die haben ziemlich gebibbert. (lacht)

Sind Sie sich bewusst, was Sie vor allem Ihrem Vater antun?
Zum Glück denke ich am Start nicht daran. Schon vor dem Saisonauftakt in Levi ist er jeweils so nervös, dass er eine halbe Stunde vor dem Rennen angespannt auf dem Sofa sitzt.

In St. Moritz schien er kurz vor einem Zusammenbruch zu stehen.
Die Mutter von Denise Feierabend nimmt Beruhigungstabletten. Sie riet ihm, das auch mal zu versuchen. (lacht)

Nach dem Sieg in der Kombination verbrachten Sie zwei ruhige Tage zu Hause bei der Familie. War das der Schlüssel zum Erfolg im Slalom?
Ich hätte dem Rummel auch in St. Moritz entfliehen können. Ich kann auch hier spazieren gehen, und die Leute erkennen mich nicht – sofern ich eine private Jacke trage. Aber hier ging es nur ums Skifahren, um die Rennen, die Athleten. Zu Hause war ich weg von allem.

Stehen Sie nicht gerne im Mittelpunkt?
Teilweise wird es mir zu viel. Dann bin ich froh, wenn alles vorbei ist.

Jetzt dürfte es erst richtig anfangen.
Ich habe gehört, dass es einen Empfang gibt. Erst habe ich gedacht: «Nein, jetzt schon? Lieber erst, wenn die Saison vorbei ist!» Aber das gehört halt auch dazu. Die Sponsoren machen viel für mich, die Menschen wollen mich sehen. Und die Kinder: Für sie ist es schön, so etwas zu erleben. Ich bin ein Vorbild für sie.

Haben Sie nicht sonderlich Freude an diesem Teil Ihrer Arbeit?
Es ist nicht immer angenehm, wenn alle auf mich schauen.

Haben Sie Respekt vor dem, was nun auf Sie zukommt?
Wir müssen das sehr gut planen, und ich muss mich darauf einstellen. Bis jetzt blieb für mich alles normal, weil ich mich von vielem abgewendet habe. Aber klar: Zwei Medaillen im eigenen Land zu holen, ist schon etwas sehr Spezielles.

Sie standen wieder auf dem Slalompodest, aber wieder nicht zuoberst. Wie gehen Sie damit um, dass ­Mikaela Shiffrin stets vor Ihnen liegt?
Bislang ist das noch kein Problem, weil es in meinen Läufen immer Passagen gibt, mit denen ich unzufrieden bin. Aber wenn ich einmal zwei perfekte Läufe hinkriegen sollte und dann immer noch hinter ihr bin, dann wäre das ernüchternd. Als ich mit Frida Hansdotter neben Shiffrin auf dem Podest stand, wurde uns beiden bewusst: Diese Frau hat an den letzten vier Grossanlässen ­gewonnen. Das ist schon bitter für alle anderen Slalomfahrerinnen.

Shiffrin gewann mit 1,64 Sekunden Vorsprung auf Sie. Was denken Sie, wenn Sie das sehen?
Es war stark, was sie gezeigt hat. Selbst wenn ich einen super Lauf gehabt hätte, hätte ich sie nicht schlagen können.

Welches Verhältnis haben Sie zu ihr?
Wir haben praktisch keinen Austausch, ich komme kaum an sie heran. Sie wird abgeschirmt, ich sehe sie selten ohne ihre Mutter oder ihr Team. Aber sie soll ihr Ding machen, das spielt für mich überhaupt keine Rolle. Ich muss nicht ihre beste Freundin sein.

Zu Beginn Ihrer Karriere waren Sie die einzige Schweizer Slalomfahrerin. Nun werden Sie von jungen Kolleginnen gefordert. Wie ist das?
Am Anfang war das nicht nur lustig. Ich musste mich erst daran gewöhnen, dass plötzlich Fahrerinnen kommen, die schneller waren als ich. Aber irgendwann merkte ich, dass mir das ganz guttut. Dieser Konkurrenzkampf im eigenen Team, der macht mich stärker.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.02.2017, 22:33 Uhr

Artikel zum Thema

Ein Medaillenregen wie seit 28 Jahren nicht mehr

Die 7 Schweizer Skimedaillen an der WM in St. Moritz erinnern an die erfolgreichen Zeiten Ende der 80er-Jahre. Mehr...

Bitte aufwachen

Analyse Die Schweizer Skirennfahrer haben in St. Moritz alle Erwartungen übertroffen. Das macht Hoffnung für die Zukunft – doch sie sollten sich ihrer privilegierten Lage bewusst werden. Mehr...

Ein Versprechen für die Zukunft

Kommentar Je näher Wendy Holdener ihrer Grenze in Sachen Aggressivität und Risiko kommt, desto wahrscheinlicher wird es, dass sie auch Mikaela Shiffrin einmal schlagen kann. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Kommentare

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Mit geschwellter Brust: Ein Mann aus Indien zeigt bei einem Wettbewerb für die beeindruckendste Gesichtsbehaarung stolz seinen Schnurrbart. Der Wettbewerb fand am Rande des jährlichen Kamel Festivals in der nordindischen Wüstenstadt Pushkar statt. (20. November 2018)
(Bild: Himanshu SHARMA ) Mehr...