Vom Schwinger zum Millionär

Harry Knüsel wurde 1986 in Sitten einziger Innerschweizer König. Später brachte er es zum Immobilien- und Bauunternehmer.

In der Zuger Arena: Knüsel ist Botschafter des Eidgenössischen, das in einer Woche beginnt. Foto: Andrea Zahler

In der Zuger Arena: Knüsel ist Botschafter des Eidgenössischen, das in einer Woche beginnt. Foto: Andrea Zahler

Ernst Meier@tagesanzeiger

«Ich bekomme heute noch Hühnerhaut, wenn ich die Bilder des Schlussgangs sehe», sagt Harry Knüsel, 33 Jahre nach jenem regnerischen Sonntag in Sitten, der sein Leben veränderte. «Ich war im richtigen Moment am richtigen Ort und habe das Richtige gemacht», bilanziert der Schwingerkönig.

Seit der Gründung des Eidgenössischen Schwingerverbandes 1895 hat es 34 Könige gegeben, Knüsel Harry nimmt dabei eine besondere Rolle ein. Er ist der erste und bislang einzige Schwingerkönig aus der Innerschweiz – jener Region, die als Geburtsstätte des Nationalsports gilt und die so viele aktive Schwinger zählt wie kein anderer Landesteil. Der Triumph des damals 25-Jährigen am 24. August 1986 erlöste eine ganze Region. Allzu oft stellte die Innerschweiz Königsanwärter, am Schluss triumphierte aber ein Berner, ein Nordostschweizer oder gar ein «Böser» aus den kleinen Teilverbänden Südwest- und Nordwestschweiz.

Auch Knüsel zählte 1986 zu den Topfavoriten. In der Saison lief es dem 188 Zentimeter grossen und 104 Kilogramm schweren Athleten besonders gut. Er nahm an zwanzig Schwingfesten teil, dreizehn davon gewann er, darunter das Innerschweizerische und den Brünigschwinget.

Den grossen Favoriten Ernst Schläpfer entthront

Mit den Kameraden vom Schwingclub Cham-Ennetsee bereitete sich Knüsel intensiv auf den Saisonhöhepunkt vor. Als haushoher Favorit galt der ­aktuelle Schwingerkönig Ernst Schläpfer aus der Nordostschweiz. «Die Verteidigung zum berüchtigten Brienzer-Angriff Schläpfers übten wir im Training stundenlang», erzählt Knüsel. Doch am ersten Tag des Eidgenössischen legte Schläpfer ausgerechnet mit diesem Schwung Knüsel auf den Rücken. «Ich liess mich deswegen nicht aus der Ruhe bringen und gewann alle meine weiteren Gänge», sagt Knüsel. Und so kam es im Schlussgang wiederum zum Duell mit Schläpfer. «Dieses Mal verliere ich nicht», habe er sich gesagt. Konzentriert und ohne nervös zu sein, sei er zum finalen Gang angetreten. Sieben Minuten duellierten sich Knüsel und Schläpfer, dann setzte der Ostschweizer zum Brienzer-Spezial an. «Instinktiv reagierte ich mit dem unzählige Male geübten Konterschwung und leerte Schläpfer rückwärts ab.»

Auch wenn das Schwingen damals noch nicht die mediale Aufmerksamkeit von heute hatte, so war König Harry fortan ein gefragter Mann. «Die Empfänge in Cham und an meinem Wohnsitz waren einzigartig», schwärmt er. «Ich gab Interviews, auf der Strasse wurde ich vielerorts erkannt und angesprochen.» Werbung zu machen, war den Schwingern damals untersagt, das grosse Geld brachte der Königstitel nicht. «Der Erfolg hat mir aber Türen geöffnet und war für meine berufliche Zukunft hilfreich», erklärt der 58-Jährige. «Er gab mir Selbstvertrauen für andere Taten.»

Aufgewachsen ist Heinrich Knüsel, den schon als Kind alle Harry riefen, in Küssnacht am Rigi SZ. Er machte eine landwirtschaftliche Lehre, doch einen Hof hatte die Familie nicht. So wechselte er in die Baubranche, wurde Montageleiter. Gleichzeitig blieb er mit der Landwirtschaft verbunden, indem er als gerade einmal 25-Jähriger eine Schweinemästerei aufzubauen begann. «Ein Bubentraum», wie er sagt.

Eigene Baufirmamit 50 Mitarbeitenden

Nach wenigen Jahren zählte der Schweinemastbetrieb fast 2000 Tiere, verteilt auf Ställe in der halben Innerschweiz. Mit dem Gewinn kaufte Knüsel Land, baute über hundert Wohneinheiten – mitten in der Immobilienkrise Anfang der 90er-Jahre. «Ich bin beim Investieren immer sehr vorsichtig und überlegt vorgegangen», erklärt der Unternehmer.

Ein weiterer beruflicher Schritt erfolgte 1991. Mit einem Berufsschulkollegen gründete Knüsel in Sins AG das Tiefbauunternehmen Knüsel+Meier. Die Firma wuchs bis zum 50-Personen-­Betrieb. 2010 verkauften die Gründer das Unternehmen. «Ich wollte mehr Freiraum haben und unabhängiger sein», begründet er den Ausstieg im Alter von 50 Jahren.

Der Triumph 1986: «Das gab mir Selbstvertrauen für andere Taten», sagt Knüsel heute. Foto: Keystone

Ohne Arbeit kann er trotz finanzieller Unabhängigkeit nicht sein. So steht er seinem Nachfolger in der Baufirma zur Seite und engagiert sich bei den Bergbahnen Meiringen-Hasliberg. Er ­geniesse es aber, mehr Zeit mit seiner Frau und guten Freunden zu verbringen – «beim Skifahren, Biken, Wandern, Reisen oder Jassen», wie er aufzählt. Privat fand Knüsel das Glück ebenfalls beim Sport. Seine Ehefrau Edith arbeitete im Rechnungsbüro des Brünigschwinget, wo er wenige Wochen vor dem Königstitel als Sieger vom Platz ging.

Bis heute ist Knüsel mit dem Schwingen eng verbunden. Am Eidgenössischen arbeitet er ehrenamtlich im Organisationskomitee. Zudem ist er Botschafter des Fests, Taufpate des Siegermunis – und er betreibt auf dem Festareal die Gastrobetriebe Kolinbar und Königshuus. «Der Schwingsport hat mir viel gegeben. Da ist es selbstverständlich, dass ich auch etwas zurückgebe.»

Mit einem Wunsch wird König Harry I. in Zug die Wettkämpfe im Sägemehl verfolgen. «Nach drei Jahrzehnten ist die Zeit längst reif für einen zweiten Schwingerkönig aus der Innerschweiz», sagt er.

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