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Die goldene Generation im Spätherbst

Löst Matthias Sempach mit seinem verletzungsbedingten Abgang bei den Berner Ü-30-Spitzenschwingern nun eine Rücktrittswelle aus?

Schwinger bei der Vorbereitung für den zweiten Gang am Bernisch-Kantonalen Schwingfest.
Schwinger bei der Vorbereitung für den zweiten Gang am Bernisch-Kantonalen Schwingfest.
Raphael Moser

Matthias Sempach war der Kompletteste: ein Perfektionist durch und durch, der zwei Anlässe mit eidgenössischem Charakter für sich entschied.

Matthias Siegenthaler war der Stilist: ein technisch exzellenter Schwinger, der ohne Verletzungen eine noch erfolgreichere Karriere gehabt hätte.

Christian Stucki ist der Erfolgsgarant: ein wuchtiger Kämpfer mit ausgezeichnetem Gespür für Zweikampf und Gegner, der seit einigen Saisons der stärkste Berner ist.

Thomas Sempach ist der Unterschätzte: ein wertvoller Haudegen im Berner Team, der kaum zu bezwingen ist und zwei grosse Bergfeste (Schwägalp, Brünig) für sich entschieden hat.

Simon Anderegg ist der Konstante: ein hartnäckiger Schwinger, der seit Jahren zur erweiterten Spitze zählt und das jüngste Mitglied im Hunderterclub (mindestens hundert Kränze) ist.

Matthias Glarner ist der Musterathlet: ein Sportler mit Kraft und Köpfchen, der sich stetig gesteigert hat und mit 30 Jahren König geworden ist.

Willy Graber schliesslich ist der Publikumsliebling: ein wendiger Bodenakrobat, der mit seinem einzigartigen Stil das Publikum zu begeistern weiss.

Glarners Pressekonferenz

Sie alle zählen zur goldenen Generation der Berner Schwinger, welche die Jahrgänge 1984, 1985 und 1986 umfasst. Das Septett totalisiert 118 (!) Kranzfestsiege, garantiert dem Berner Verband seit über einem Jahrzehnt Erfolg und den Status als stärkster Teilverband. Zieht einer einen schwachen Tag ein, schwingen die anderen in die Bresche. So ist das – oder doch eher: So war das.

Die Kräfteverhältnisse haben sich verschoben, jüngere Athleten drängen mit Wucht und ­Explosivität an die Spitze. Die Ablösung ist im Gang, das Gros der goldenen Generation im Spätherbst der Karriere. Respektive: Zwei Vertreter sind bereits zurückgetreten: Siegenthaler und Sempach. Der Schwingerkönig verabschiedete sich gestern. Der Berner Teamchef Peter Schmutz hatte noch versucht, Sempach umzustimmen. Schmutz ist sich bewusst, dass der Generationenwechsel nach dem «Eidgenössischen» 2019 wohl vollzogen wird. Nun fürchtet der technische Leiter, die Rücktrittswelle könnte nach den Abgängen von Siegenthaler und Sempach bereits ein Jahr früher über die Berner Mannschaft hereinbrechen.

Matthias Glarner lacht und sagt: «Ich wollte für Freitag eine Pressekonferenz ansetzen. Sempach kam mir zuvor.» Für den Meiringer (32 Jahre alt) stehen diese Woche medizinische Untersuchungen an. Danach wird der Schwingerkönig von 2016 entscheiden, ob er die Saison abbrechen oder allenfalls noch an Regionalfesten im Fieschertal und in Aeschiried antreten wird. «Wenn es die Gesundheit zulässt, möchte ich bis zum nächsten ‹Eidgenössischen› weiterfahren», sagt Glarner.

Stucki (33), Anderegg (32) und Thomas Sempach (33) bleiben den Bernern mit Sicherheit erhalten. Letzterem fehlen drei Kränze bis zum Jubiläum. «Ich hätte nach all den Verletzungen in jüngeren Jahren nie gedacht, die Zahl von hundert Kränzen einmal erreichen zu können», sagt Sempach. An seinem 25. Geburtstag hatte er gerade einmal 23 Kränze auf dem Konto. Seit 2010 aber spielt der Körper fast immer mit. «Ich mache weiter», sagt er.

Grabers Plan

Willy Graber ist mit Jahrgang 1984 der Älteste der erwähnten Generation und seit diesem Sommer dreifacher Vater. Gestern gab er nach einer Schulterverletzung das Comeback – an seinem letzten «Kantonalen»? «Mache ich weiter, will ich nochmals etwas reissen und meinen fünften eidgenössischen Kranz gewinnen», sagt Graber. «Dafür müsste ich vier-, fünfmal pro Woche schwingen. Das könnte schwierig werden.» Der Mittelländer wird den Entscheid in den nächsten Wochen gemeinsam mit seiner Frau fällen. «Sie muss dahinterstehen.» Was wäre Grabers Wunsch? «Ach wissen Sie: Ich könnte ein Leben lang schwingen.» Vorstellbar ist auch, dass Graber im Winter reduziert trainieren und im Frühling am Hallenschwinget in Bolligen aufhören wird.

Gestern holten alle vier angetretenen Athleten aus der goldenen Generation den Kranz. Stucki wurde Zweiter, Thomas Sempach klassierte sich im dritten Rang. Gold zählt eben nicht zum Alteisen.

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