Zum Hauptinhalt springen

Auf der Zielgeraden gebremst

Vor dem Schlussgang sprach alles für den dominanten Christian Stucki. Doch Schwingerkönig Kilian Wenger fing den Seeländer Hünen noch ab. Am Ende teilten sie sich den Festsieg beim Berner Kantonalen.

Der überraschende Schlusspunkt: Kilian Wenger kann es kaum fassen, erstmals gegen Christian Stucki ein Duell gewonnen zu haben.
Der überraschende Schlusspunkt: Kilian Wenger kann es kaum fassen, erstmals gegen Christian Stucki ein Duell gewonnen zu haben.
Peter Schneider / Keystone
Der Pechvogel: Matthias Sempach.
Der Pechvogel: Matthias Sempach.
Peter Schneider / Keystone
Die beiden Sieger: Wenger und Stucki tauschen verdiente Gratulationen aus.
Die beiden Sieger: Wenger und Stucki tauschen verdiente Gratulationen aus.
Peter Schneider / Keystone
1 / 3

Sich selbst verordnete Kurzarbeit nennt man das wohl. In den ersten fünf Gängen hatte Christian Stucki insgesamt kaum mehr als drei Minuten im Sägemehl gestanden. Der 32-jähriger Seeländer Senn war eine Klasse für sich, wie ein Sonnenkönig regierte er trotz Regen am Morgen in der schmucken kleinen Arena in Affoltern im Emmental und dominierte seine Gegner nach Belieben.

Einige seiner härtesten Widersacher hatten allerdings Forfait geben müssen: Der amtierende Schwingerkönig Matthias Glarner fehlte wegen seines Gondelunfalls ebenso wie Armon Orlik, der kurzfristig mit der Begründung absagte, er sei mental für diese Herausforderung noch nicht parat. Matthias Sempach wiederum gab den Wettkampf im zweiten Gang auf, nachdem er im Kampf gegen Armons Bruder Curdin Orlik plötzlich Schmerzen im Oberschenkel verspürt hatte und vom Platz gehumpelt war. Im ersten Gang hatte er noch eine Premiere siegreich gestaltet: Erstmals traf er in einer mit Spannung erwarteten Begegnung auf einen der Gäste, den erst 19-jährigen Thurgauer Samuel Giger, zweifellos eines der grössten Talente der jungen Generation. Giger schien irgendwie geahnt zu haben, dass er es mit fragiler «Fracht» zu tun hatte. Zweimal setzte er eher halbherzig zum Kurzzug an, prompt sass ihm Sempach mit angezogenem Bein auf dem Oberschenkel und wartete ab: Und zweimal trug Giger den Schwingerkönig von 2013 gemessenen Schrittes mit aller gebotenen Vorsicht aus dem Sägemehl – nur um dann von einem blitzartig vorgetragenen Übersprung seines Kontrahenten überrascht zu werden.

Als Vorsichtsmassnahme wurde Sempachs Aufgabe später bezeichnet, gravierend scheint die Verletzung indes nicht zu sein. Der Alchenstorfer will wohl verständlicherweise seine Teilnahme am Saisonhöhepunkt in Interlaken Ende August nicht aufs Spiel setzen. Auf der Höhenmatte lockt die letzte Chance auf den Schwinger-Grand-Slam: Siege am Eidgenössischen, am Kilchberger und am Unspunnen. Das hat bisher nur Jörg Abderhalden geschafft.

Stucki lange unwiderstehlich

Giger früh zurückgebunden, der Innerschweizer Gast Mike Müllestein bereits nach dem ersten Gang ebenfalls verletzt ausgefallen, Remo Käser gegen auf dem Papier schwächere Gegner teils zu ungestüm agierend, und Kilian Wenger nach drei Auftaktsiegen vom Emmentaler Lokalmatador Matthias Aeschbacher mit einem Gestellten temporär zurückgebunden: Blieb also Christian Stucki. Da war trotz einer Körpermasse von 140 Kilogramm ein explosiver Schnellzug am Werk, der einen denkbar starken Kontrast bildete zur nostalgischen Dampfbahn, die hinter dem Festgelände auf den Schienen der Emmental-Burgdorf-Bahn regelmässig mit ächzendem Gruss vorbeifuhr. Stucki fackelte jeweils nicht lange und löste mit seinen explosiven Zügen Wogen der Begeisterung aus. Publikumsliebling Willy Graber etwa wurde im vierten Gang mit Fussstich und Nachdrücken wie von einer Walze überfahren, im fünften Gang konnte einem Ruedi Roschi leid tun. Der wackere Diemtigtaler, Sohn von Schwingerkönig David Roschi, schien schon vor Beginn des Kampfs eingeschüchtert und landete gleich beim ersten Zug Stuckis hochkant im Sägemehl. Und so hatte Stucki vor dem Schlussgang gegen Kilian Wenger 1,25 Punkte Vorsprung.

Unter den über 12'000 Zuschauern hätte wohl niemand auf den Schwingerkönig von 2010 gewettet, zumal Stucki ein Gestellter reichte. Ja, man wunderte sich fast ein wenig über die Zielstrebigkeit und den Tunnelblick des 35-fachen Kranzfestsiegers, der sich seit Wochen einer beneidenswerten Form erfreut. «Er wäre einfach nicht mehr der Stucki, wenn er so ehrgeizig wäre», lautete ein Kommentar. Es war eine ausgemachte Sache: Stucki würde das Berner Kantonale in königlicher Manier zum vierten Mal gewinnen und damit mit Berner Schwingergrössen gleichziehen wie Niklaus Gasser, Johann Santschi und Fritz Uhlmann. Und das hat er schliesslich auch getan: aber eben nicht allein, sondern zusammen mit dem punktgleichen Kilian Wenger und erst noch mit einer Niederlage im Rang 1b klassiert.

Was war geschehen? Im Siegerinterview noch auf dem Platz meinte ein sichtlich überwältigter Wenger – erstmals in seiner Karriere konnte er auf dem Hogger die Seeländer Urgewalt bezwingen –, er habe im Schlussgang unbedingt angreifen müssen und wollen. Vom neben ihm stehenden Stucki war prompt zu hören: «Das hat er ja gar nicht.» In der Tat war es nach knapp zwei Minuten gegenseitigen Abtastens Stucki, der mit einem wuchtigen Kurz erneut den Schnellzug zu besteigen gedachte. Wenger allerdings war darauf vorbereitet, konterte beherzt mit Fussstich und vollendete die Überraschung am Boden.

Roi geht an einen König

Der Siegermuni Roi hat also einen königlichen Halter. Bei der Vorstellung der Lebendpreise wurde das Tier noch als «sensibel» bezeichnet; es sei mit «schnellen Hinterläufen» ausgestattet und reagiere mitunter noch etwas nachtragend. Stucki hingegen schien die Enttäuschung schnell verdaut zu haben. Der auf den letzten Metern gebremste Seeländer herzte Wenger freundschaftlich und meinte: «Ich kann zufrieden sein mit meinem Wettkampf, 1b ist ja auch nicht schlecht.» Gelegenheiten zur Revanche kommen noch einige: auf dem Brünig und dann natürlich am Unspunnen-Fest. Der Stucki-Schnellzug wurde vorübergehend etwas gebremst. Entgleist ist er nicht, schon bald kann er wieder mächtig Fahrt aufnehmen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch