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SCB: Geheimnisvoll in eine fiktive Ferne

Von A wie Arcobello über K wie Krise bis Z wie Zuschauer. Die Meistersaison des SC Bern im Alphabet.

Leonardo Genoni in Aktion – der neue Goalie war eine der tragenden Säulen im SCB-Meisterteam 2016/17.
Leonardo Genoni in Aktion – der neue Goalie war eine der tragenden Säulen im SCB-Meisterteam 2016/17.
Keystone

A wie Arcobello

Er ist kein Hüne, sondern ein eher schmächtiger, unscheinbarer Mann. Verglichen auf jeden Fall mit Gegnern wie Helbling oder Fohrler. Aber er ist ein schlauer Fuchs, und ein ganz hervorragender Techniker mit einem gesegneten Instinkt. Oft steht er aus dem Nichts am richtigen Ort und macht den Treffer. Und weil er auch seine Nerven im Griff hat, sitzt er nur selten auf der Strafbank. Wäre er 15 Zentimeter grösser, wäre er ein Star in der NHL. So ist er in Bern, und das ist uns lieber.

B wie Biel

Vor einem Jahr ging der FC Biel in Konkurs. Das diesjährige grosse Sportereignis im Seeland war mal wieder etwas Schönes: ein Playoff-Duell mit dem grossen Rivalen aus der Hauptstadt. Fast 20 Jahre nach dem letzten Mal. Die Vorfreude in Biel war riesig, die heimliche Erwartung einer möglichen Überraschung noch grösser – und die Ernüchterung entsprechend. Einmal, nach Spiel 3, keimte ein wenig Hoffnung auf. Aber das Mitteldrittel bei der 3:6-Niederlage blieb aus Sicht des SC Bern ein Ausrutscher. Davor und danach hatte der EHC Biel nichts zu bestellen.

C wie Chatelain

Vor einem Jahr sass der neue Sportchef Alex Chatelain etwas abseits, fast still und in sich gekehrt auf einem Stuhl, als der grosse Meisterjubel ausbrach. Man wusste nicht so recht: Ist er tatsächlich auch in emotionalen Momenten so zurückhaltend, oder wäre ihm zu viel Aufmerksamkeit unangenehm, weil es noch das Team seines Vorgängers Sven Leuenberger war. Nun darf er jubeln, wie es ihm passt, wenn er denn will: Das Team 2016/17 trägt deutlich seine Handschrift. Und ein gutes Händchen hatte er ja: Nicht einer seiner Transfers entpuppte sich als Fehleinkauf.

D wie Defensive

Wir erlebten das Jahr mit der vielleicht besten Defensive, die der SCB je hatte. Klar, herausragende Verteidiger gab es auf der Allmend immer mal wieder. Aber die diesjährige Mischung aus kreativen Offensivverteidigern und defensiven Schwerarbeitern war schon sehr bemerkenswert. Blum kann alles mit dem Puck, Untersander ist kaum zu bremsen, Noreau ist ein Alleskönner, wenn er spielen kann. Und das Ganze war unterlegt mit den unverwüstlichen «Kriegern» Jobin, Gerber und Krueger.

E wie Energie

Es war der grosse Running Gag unter den Medienschaffenden. Zwei Dinge wird er uns gleich erzählen, sagten sie nach den Spielen, während sie auf ihn warteten: «Die Energie hat mir sehr gut gefallen.» Und: «Das muss ich mir noch auf dem Video anschauen.» Dazu schaute Trainer Kari Jalonen ein bisschen verträumt und ein bisschen geheimnisvoll in eine fiktive Ferne. Nein, inhaltlich ergiebig waren seine öffentlichen Analysen nie. Schade natürlich, weil er viel Kluges zu erzählen hätte. Aber er ist ja nicht zum Reden engagiert worden, sondern um Titel zu gewinnen. Und wenn das so anstandslos klappt, darf der Coach auch immer das Gleiche erzählen.

F wie finnisches Spiel

Mit Jalonen kam auch eine finnische Spielweise nach Bern: sehr kontrolliert, sehr diszipliniert. Das brachte dem SCB prompt den Vorwurf ein, mit einer teuren und talentierten Mannschaft destruktives Eishockey zu spielen. Was nicht zutraf: Die Spieler hatten, anders als beispielsweise unter Guy Boucher, genügend Freiheiten. Und die nutzten sie. Es gab – auch im Playoff – etliche sehr spektakuläre Partien.

G wie Goalie Genoni

Er war der letzte Transfercoup des alten Sportchefs Sven Leuenberger: Er holte den besten Torhüter der Liga. Und mit den Vorschusslorbeeren und dem guten Salär wuchsen auch die Erwartungen an den Hoffnungsträger. Würde Leonardo Genoni dem Druck standhalten können? Auch in Bern, wo der Druck ungleich grösser ist als in Davos? Die Antwort gab der Torhüter auf dem Eis und in allen Statistiken. Sein Patzer im dritten Finalspiel machte ihn – im Nachhinein betrachtet – einfach nur menschlich.

H wie Haas

Natürlich war der Aufschrei im Seeland gross. Ist ja klar, kaum ist ein kleiner Star geboren, wird er vom reichen Nachbarn abgeworben. Und tatsächlich war Gaëtan Haas ein viel umworbener Spieler. Aber hätte der SCB nicht zugegriffen, hätten es Zürich, Davos oder Lugano getan. Zum Leidwesen der Bieler ist es noch immer so: Hat einer das Zeug, in einem potenziellen Meisterteam zu spielen, geht er. Aber vielleicht kehrt er ja schneller zurück als gedacht. Nicht jedem behagt der Druck in Bern. Und wenn man dann noch einen wie Plüss ersetzen soll, wird es auch nicht einfacher.

I wie International

Vielleicht war das der Schlüssel zum Erfolg in dieser Saison. Jalonen liess es nicht zu, dass man die Champions Hockey League auf die leichte Schulter nahm. Mickrige Verdienstmöglichkeiten hin oder her. Er sah in den Vergleichen mit den starken ausländischen Teams eine ideale Vorbereitung. Entsprechend engagiert gingen die Berner ans Werk und schieden erst im Viertelfinal gegen Prag aus. In der Runde zuvor gegen das finnische Team Jyvaskyla gab es gar ein Spiel, an dem die Zuschauer richtig Freude hatten.

J wie Jalonen

Schon die Ausgangslage, ein Meisterteam zu übernehmen, war nicht einfach. Kam noch das Fremde hinzu. Auch wenn in der ganzen Welt die gleichen Hockey-Regeln gelten: Jedes Land hat seine Eigenheiten. Und in der Schweiz war er noch nie. So kam eine ganze Finnland-Connection nach Bern: Mit ihm kamen sein Assistent Ville Peltonen und der Video-Coach Samuel Tilkanen. Es war Jalonen wichtig, Leute um sich zu haben, die seine Sprache sprechen. Seine Frau, eine Ärztin, hatte anderes zu tun, als ihrem Mann in die Schweiz zu folgen. Und Deutsch mochte er nicht lernen, obwohl er es sich vorgenommen hatte. Das hatte vermutlich einfach zu wenig mit Eishockey zu tun.

K wie Krise

Was für eine langweilige Saison für Liebhaber der kleinen Aufregung: keine Skandale, keine Niederlagenserien, keine Verletzungsmisere. Nein, in dieser Saison passierte nichts, was beim SCB für Unruhe hätte sorgen können. Sieht man von der Episode Plüss ab. Was für ein Kontrast zur letzten Spielzeit . . .

L wie Lars Leuenberger

. . . als es zum Beispiel den Fall Lars Leuenberger gab. Der Nachfolger von Guy Boucher hatte auf dem Weg zum Titel erfahren müssen, dass er den Club auch im Erfolgsfall würde verlassen müssen. Was für ein Affront! Und das Pech blieb an Leuenberger haften: Der Verband, Langnau, Freiburg und Biel suchten Trainer. Immer war er ein Kandidat, nie kam er zum Zug. Und so kommentiert Leuenberger immer noch TV-Spiele, schreibt Kolumnen und wartet.

M wie Meisterblues

Was für Leuenberger ein Fluch war, war für den Club im Nachgang eine richtige Entscheidung. Nicht zuletzt die Erneuerung auf dem Trainerposten sorgte dafür, dass es keinen Meisterblues gab. Zum ersten Mal seit 16 Jahren. Damals konnten die ZSC Lions den Titel verteidigen.

N wie Niederlagen

Es ist eines der eindrücklichsten Merkmale dieser Erfolgssaison: Nie verlor der SC Bern mehr als zwei Spiele hintereinander. Immer folgte auf ein schwaches Spiel ein gutes, oft sogar eine Reaktion noch in der gleichen Partie, auch wenn sie schliesslich verloren ging. Damit verhinderten die Berner eine dieser gefürchteten Negativ-Spiralen.

O wie Oldies

Der SCB beschäftigte die viertälteste Mannschaft der Liga, elf Spieler waren 30 oder älter. Ein Nachteil war das nicht, im Gegenteil: Das Team profitierte von der Erfahrung ihrer Leitwölfe, und die meisten von ihnen gehörten zu den Besten des Teams: zum Beispiel Plüss (40), Jobin (35), Gerber (34), Ebbett (34) und Rüfenacht (32). Die Mannschaft wird nächste Saison nach den Abgängen von Plüss, Jobin und Reichert eine jüngere sein. Ob sie auch eine bessere sein wird, muss sich zeigen.

P wie Plüss

Er ist ein Phänomen. Der nimmermüde Kämpfer und Antreiber gehörte auch in seinem 22. Profijahr zu den Allerbesten. Der Club, der in der nächsten Saison auf ihn zählen darf, ist zu beneiden. Bern wird es nicht mehr sein, Plüss und Sportchef Chatelain haben sich in den Vertragsverhandlungen verrannt. Weil er nur neun statt zehn Saisons für den SCB spielte, kommt sein Trikot nicht unter das Hallendach. Unvergesslich wird er trotzdem bleiben.

Q wie Qualifikation

Nach kleinen Anlaufschwierigkeiten sorgen zwei Siegesserien für viel Ruhe und Zuversicht. Neun Siege am Stück im Oktober und November sowie sieben im Dezember legten den Grundstein für den Qualifikationssieg – und schliesslich den grossen Erfolg im Playoff.

R wie Regelauslegung

Seit Mitte dieser Saison ist Schluss mit der Toleranz bei der so genannten Nulltoleranz. Haken, Halten und Stockschlag werden rigoros geahndet. Was zu mitunter grossen Anpassungsschwierigkeiten bei den Mannschaften führte. Es hagelte Strafen. Nur beim SCB nicht. Jalonen hatte die Nulltoleranz schon zu Beginn der Saison eingeführt – freiwillig.

S wie Special-Teams

Mal waren sie das beste Team im Überzahlspiel, mal wenn sie einen Mann weniger auf dem Eis hatten. Das zeigt, wie gefestigt das Team in diesen so wichtigen Disziplinen war. Sie hatten die Spieler dafür und sie hatten – was vor allem im Powerplay entscheidend ist – von Anfang an das nötige Selbstvertrauen.

T wie Ticino Rockets

Der einzige Aussetzer, den sich der SC Bern in dieser Saison genehmigte, war jener im Cup. Nicht, dass dieser sportlich zweitrangige Wettbewerb den Bernern egal wäre. Sie gehen gerne in die Provinz, um Erstligisten einen Event zu bescheren. Aber im Bernbiet und nicht im Tessin. In diesem Jahr dachten sie wohl: Wir spielen im Tessin gegen ein Farmteam, während Zug in Münsingen spielen darf: Nein, danke. Und so nahm Jalonen, dem der Cup wohl eh nicht ganz geheuer war, nur die zweite und dritte Garde mit. Ein bisschen peinlich war das Ausscheiden gegen die Ticino Rockets dann natürlich trotzdem.

U wie Unfälle und Verletzungen

Was für ein Kontrast zur letzten Saison, als die vielen Verletzten den SCB beinahe um das Playoff gebracht hatten. In der aktuellen Spielzeit zog sich kein Spieler eine schwere Blessur zu, auch fehlten dem Team nie mehrere wichtige Spieler gleichzeitig. Lag es am Sommertraining? War es einfach nur Glück?

V wie Vierte Linie

Während die vierte Linie im letzten Final der heimliche Star war, verzichtete Jalonen so lange wie möglich darauf, den «Hinterbänklern» mehr Eiszeit zu geben als nötig. Es war ausserdem das Pech von Reichert, Randegger, Müller, Berger und Gagnon, dass der Finne seine Linien nur im äussersten Notfall umstellte. Ein Nachrücken in vordere Reihen blieb ihnen somit verwehrt. Sie erfüllten ihre Pflicht trotzdem zuverlässig.

W wie Wende

Zug war in diesem Jahr die Mannschaft, die immer reagieren konnte, wenn es sein musste. Auch im Halbfinal, als Davos ein 0:2 in der Serie aufholte und den Zentralschweizern anschliessend trotzdem unterlag. Im Final drohte sich aus Sicht der Berner die Geschichte zu wiederholen. Ein Patzer Genonis in Spiel 3 und eine überragende Leistung der Zuger in Spiel 4 schienen das Blatt zu wenden. Es blieb beim Anschein.

XV wie Römisch für 15

Zum 15. Mal wurde der SCB Meister. Seit zehn Jahren teilt er sich mit den ZSC Lions und dem HC Davos die Titel auf. Um mit den Bündnern gleichzuziehen, fehlen aber immer noch 16 Stück. Mit 15 Erfolgen liegen die Berner auf Platz 2.

Y wie Youth

Die Jugend, die Jugend. Sie ist für Jalonen keine Herzensangelegenheit, um es einmal so zu sagen. Der Finne ordnet alles dem momentanen Erfolg unter. Zum Leidwesen von jungen Spielern wie Aebi, Meyer, Kreis oder Dubois. Aber man kann nicht alles haben.

Z wie Zuschauer

17'031. Das ist das Fassungsvermögen der Postfinance-Arena, und es war auch die Zuschauerzahl in jedem Playoff-Heimspiel. Kein Club in Europa lockt mehr Zuschauer an als der SCB. Die Stimmung hat sogar Trainer Jalonen beeindruckt, und der hat schon mehr gesehen als ein NHL-Publikum, das Popcorn isst und nicht weiss, was Abseits ist.

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