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Nebengeräusche aus dem Nahen Osten

An der Tour de Suisse fahren Mannschaften aus Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten mit. Das wirft die Frage auf: Warum?

Als die Tour de Katar noch stattfand: Fahrer in der Wüste von Katar im 2015. Foto: Keystone
Als die Tour de Katar noch stattfand: Fahrer in der Wüste von Katar im 2015. Foto: Keystone

Als Einzige sassen sie noch da, die ­Fahrer des Teams Bahrain-Merida. Sie mussten am Freitag auf die Sieger­ehrung warten – zuvor hatten sie die Gegner in einem Plauschsprint in Grund und Boden ­gefahren. Das gab etwas Zeit, die Neuen der Radszene etwas länger zu mustern. Auf der Brust tragen sie den Schriftzug «Bahrain», die Farbe der Trikots ist so Rot wie das Wappen des Landes, das am Kragen Platz gefunden hat.

Dass Fahrer an der Tour de Suisse in den Farben des Wüstenstaats Bahrain ­dabei sind, erzählt einiges über den modernen Radsport. Es war im vergangenen Jahr, als der damalige Giro-Sieger Vincenzo Nibali verzweifelt einen Sponsor für ein italienisches Radteam suchte. Er tingelte durch die italienische Wirtschaft, doch niemand wollte Geld geben, auch nicht Barilla, dieser uritalienische Teigwarenproduzent. Offenbar hat der Radsport im Land von Coppi und Pantani für Sponsoren an Reiz verloren.

Es braucht also andere Geldgeber, die ein Jahresbudget von mindestens 15 Millionen Franken aufbringen können. Als Nibali ­während der Saisonvorbereitung in den Ländern des schwarzen Goldes weilte, traf er auch Scheich Nasser bin Hamad Al Khalifa. Der Sohn des selbst ernannten Königs von Bahrain produziert sich gerne als Sportler und Sportförderer – und macht dabei gerne reichlich Selfies. Der 29-Jährige fährt auch Rad, am liebsten Triathlon – trotz einer liederlichen Körperhaltung ist er damit ganz zügig unterwegs. Auf einer vierstündigen Radfahrt legten er und Nibali den meta­phorischen Spatenstich für das jetzige Team.

Rufname «Folterprinz»

Man könnte die Teamgründung nun ­einfach unter einem weiteren Kapital «Globalisierung des Sports und seine nahöstlichen Ausläufer» festhalten. Nur: Fern des Sports ist der gleiche Mann auch als «Folterprinz» bekannt. Scheich Nasser soll 2011 befohlen haben, dass ­gefangen genommene Demonstranten gefoltert werden, dies sagen verschiedene Menschenrechtsorganisationen. Es existieren zwar Zeugenaussagen, aber keine Beweise.

Auf Funktionärsebene scheint das aber wenige zu kümmern, gesellschaftliche Verantwortung will niemand wahrnehmen. Scheich Nasser hat die World-Tour-Lizenz vom Weltverband UCI ohne Auflagen erhalten.

Die Radfahrer um Nibali schweigen. Doch der Scheich sponsert auch Triathleten, etwa die Schweizerin Daniela Ryf. Diese sagte der NZZ, sie habe sich den Entscheid, dem Team beizutreten, nicht leicht gemacht: «Meine Mitgliedschaft ist kein politisches Statement. Ich bin im Team, weil ich die Vision von Scheich Nasser unterstütze.» Tatsächlich will ­dieser einen aktiveren Lebensstil in der Bevölkerung fördern. Zugleich gibt es den Willen, das Land im angenehmen Licht des Sports zu zeigen. So lancierte der Scheich das Team mit Selfie und folgenden Worten: «Wir wollen inspirieren, schnell fahren und elegant aussehen.»

Ähnlich liest sich die Geschichte von Lampre, das in das Team UAE Emirates übergegangen ist. Als die italienische Baumittelfirma ihren Ausstieg verkündete, wollte man das Überleben mit chinesischem Geld sichern – die UCI verweigerte jedoch die World-Tour-­Lizenz. Also sprangen innerhalb von zehn Tagen ­Investoren aus Dubai ein. Die Leibchen tragen nun die Farben der Emirate: Weiss, Rot, Grün. Eine andere Gemeinsamkeit mit dem Team Bahrain ist das Konzept: gesünderes Leben in den ­Emiraten, besserer Ruf in der Welt.

Die Engagements legen also eine gewisse Radsportbegeisterung der Ölstaaten nahe. Doch die Tour de Katar zeigt, was passieren kann, wenn Ölscheichs ver­ärgert werden. Völlig überraschend kam Ende Dezember die Meldung, dass die Tour of Katar im Februar nicht stattfinde – «aus finanziellen Gründen». Kurios für einen Veranstalter und ein Land, die auf randvollen Ölfässern leben. Beobachter mutmassen darum, dass nicht die Finanzen den Ausschlag für die Absage gaben. Eher habe die negative Presse nach dem WM-Rennen um die Hauptstadt Doha Einfluss gehabt (wer will schon in der Wüste radfahren?), zudem merkten die Scheichs, dass Radrennen keine zusätzliche Touristen anlockt.

Unabhängig davon, wie schwer nun der Verlust wiegt, dass ein Rennen in einer Wüste ausfällt – es ist kein Signal, das für nachhaltige Arbeit steht.

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