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«Wir Radfahrer leben nicht alle wie Mönche»

Der holländische Rad-Profi Laurens ten Dam steht vor einem besonderen Giro d’Italia: Gleich drei seiner Landsleute fahren um den Gesamtsieg.

Die Fahrt in den Sommer führt immer wieder auch in den Schnee: Der spätere Sieger Vincenzo Nibali (Mitte) mit Teamkollegen im vergangenen Jahr. Foto: Claudio Peri (Keystone)
Die Fahrt in den Sommer führt immer wieder auch in den Schnee: Der spätere Sieger Vincenzo Nibali (Mitte) mit Teamkollegen im vergangenen Jahr. Foto: Claudio Peri (Keystone)

Wird der Giro d’Italia die interessanteste Rundfahrt des Jahres?

Für uns Holländer ganz sicher.

Wann gab es letztmals so eine Liste von Sieg- und Podestkandidaten?

Das ist verrückt, ja. Das Durchschnitts­level der Anwärter ist vielleicht höher als bei der Tour. Aber eine Aussage darüber können wir erst nach der Vuelta machen.

Wie glaubwürdig ist der Radsport mittlerweile? Sie erleben als starker Bergfahrer diese grossen Efforts meist aus nächster Nähe. Sind die . . .

. . . (unterbricht) unmenschlich, meinen Sie? Ich glaube nicht. Ich habe festgestellt, dass das Durchschnittsniveau gestiegen ist, während die Spitzenleistungen gleich geblieben sind. Als Beispiel: Ich drücke die gleichen Wattzahlen wie 2012, 13, 14. Damals wurde ich am Berg abgehängt, wenn wir noch zehn Fahrer waren. Nun, wenn wir noch 25 sind. In diesem Moment denke ich jeweils: Was zur Hölle?! Aber wenn ich später meine Daten anschaue, muss ich sagen: Ich fuhr eigentlich sehr gut. Damit muss ich mich abfinden.

Grafik: Der 100. Giro d'Italia – mit zwei Zeitfahren und sieben Bergetappen

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Nehmen Sie ungewöhnliche ­Vorgänge wahr?

Nicht in den Teams, für die ich in den vergangenen Jahren gefahren bin. Da kann ich sagen, dass ich sehr sicher bin, dass da nichts Illegales gemacht wurde. Ich war bei vielen grossen Leistungen der Holländer dabei. Ich weiss, wie sie diese erreichten, wie wir als Team diese schafften. Von daher muss ich sagen, dass der Radsport ziemlich sauber ist.

Wie erklären Sie sich den von Ihnen beschriebenen generellen Niveau­anstieg im Feld?

Als ich in den Radsport kam, hatten wir einen Trainer für 25 Fahrer. Heute sind es deren fünf. Es gab keinen Ernährungsspezialisten. Jetzt trainiert jeder mit einem Wattmessgerät. Auch die ­Helfer, welche nach der Einstellung «Ich trainiere, ich fahre Rennen» lebten, ­trainieren jetzt so gewissenhaft wie ­damals die Leader.

Sie stürzten in Ihrer Karriere mehrfach schwer . . .

. . . (unterbricht) ja, ja. Aber das gehört zum Radsport – so ist das Leben! Es ist nie so oder so (er zeigt mit der Hand zwei Niveaus in unterschiedlicher Höhe). ­Sondern immer so (er vollführt mit der Hand eine Wellenbewegung). Wenn ich auf meine Karriere zurückschaue, ­erinnere ich mich nicht an die schweren Momente, sondern nur an die schönen.

Und die Leute in Ihrem Umfeld?

Ebenfalls.

«Meine Frau weiss: Knochen und Wunden heilen wieder.»

Wie geht es Ihrer Frau, wenn sie Sie im Fernsehen schwer stürzen sieht?

Sie will am Telefon dann sofort wissen, ob ich mir eine Kopfverletzung zugezogen habe. Sie weiss: Knochen und Wunden heilen wieder. Sie ist da ziemlich entspannt. Natürlich ist es für sie nicht angenehm, uns zuzuschauen, wie wir mit 80 km/h einen Pass runterrasen.

Aber Sie schaut zu?

Nein, sie schaltet dann jeweils den Fernseher aus. Auch bei Endspurts – sie ist sehr froh, dass ich kein Sprinter bin. Mein Leben als Radprofi hat uns allerdings auch viel gegeben. Wir konnten beispielsweise ein Jahr in Kalifornien ­leben. Sie unterstützt mich uneingeschränkt. Auch meinen Entscheid, ob ich noch ein Jahr weiterfahren will.

Wie nervös sind Sie vor dem Start einer grossen Rundfahrt noch?

Kaum mehr.

Auch nicht vor dem Giro d’Italia? Mit 36 Jahren starten Sie erst zum zweiten Mal.

Nein, ich freue mich darauf. Du bist vor jenen Rennen nervös, an die du nicht ­gewöhnt bist. Letztes Jahr startete ich bei Leadville 100, dem 100-Meilen-Bikerennen in den USA, da war ich viel ­nervöser, weil ich keine Ahnung hatte, was mich erwartete. Beim Giro freue ich mich einfach, zurück zu sein nach 2009. Damals gewann das Team mit Men­tschow, ich hatte auch eine gute Form. Ich freue mich auf vier Wochen Italien und auf den Kampf um Rosa mit unserem Leader Dumoulin.

Warum der grosse Abstand ­zwischen den beiden Teilnahmen?

Meine Teams hatten stets andere Pläne mit mir. Ich fuhr immer die Tour de France, davor die Kalifornien-Rundfahrt, die ich sehr mag. Doch nun ist der Giro fürs Team viel wichtiger geworden, zudem möchte ich es nach der Tour ­etwas entspannter angehen, weshalb wir uns fürs Duo Giro–Tour entschieden.

«Drei holländische Favoriten im gleichen Hotel, die sich auf das gleiche Rennen vorbereiten. Das war ziemlich komisch.»

Ihre Aufgabe ist es, Landsmann Tom Dumoulin in den Bergen zu unterstützen. Aus holländischer Sicht könnte es ein sehr spannender Giro werden, auch Steven Kruijswijk und Bauke Mollema wollen aufs Podest – oder gar den Sieg.

Ja. Vorletzte Woche war ich noch im ­Höhentraining auf El Teide, dem Vulkan auf Teneriffa. Ausser den Holländern waren alle bereits abgereist, jene der Teams Sky und Bahrain. Zurück auf dem Berg blieben nur mehr wir, Mollema gar ohne Teamkollegen. Drei holländische Favoriten im gleichen Hotel, die sich auf das gleiche Rennen vorbereiten. Das war ziemlich komisch. Aber die Situation ist ja auch toll. Kürzlich sah ich die Quoten der Buchmacher. Die haben Quintana und Nibali vorne – und dahinter die drei Holländer. Es wird also interessant. Ich sagte schon auf El Teide zu Steven: «Ich freue mich, dass ich dieses Rennen aus nächster Nähe werde miterleben können.» (lacht) Ich mag alle drei Jungs. Aber natürlich hoffe ich, dass mein Teamkollege Dumoulin das beste Resultat erzielen wird.

Wie gross ist die innerholländische Rivalität?

Bauke trainierte an einem Tag gar mit uns, weil er alleine dort war. Bis jetzt sind sie alle gute Kollegen. Ich hoffe, dass das auch in Mailand noch so sein wird.

Man kann von einer holländischen Renaissance sprechen.

Sicher. Bei den Grand Tours, die ich 2008 und 09 bestritt, war ich jeweils der beste Holländer – als 21. und 24. Knapp zehn Jahre später haben wir wieder Leute, die um die Spitzenplätze fahren.

Die drei Fahrer sind sechs, sieben und zehn Jahre jünger als Sie, waren also bei den letzten grossen Dopingfällen noch nicht im Peloton. Sind sie auch darum unbeschwerter?

Ob das ein grosser Faktor ist, weiss ich nicht. Aber ich habe festgestellt, dass sie im Kopf freier sind, sich nicht über­legen, was ihre Konkurrenten wohl Illegales machen. Zudem wurde ihnen nie in den Hintern getreten wie mir damals, von den Medien, von der Öffentlichkeit, die uns alle als Doper beschimpften. Aber am Ende ist der grösste Einfluss, dass sie wirklich an sich glauben.

Sie lebten 2016 in Santa Cruz. Sonst ziehen Profis eher nach Nizza oder Girona.

Ich wurde 2004 Profi. Damals ging man von einer Karrieredauer von 10 Jahren aus. Wir dachten: 2014 werde ich 34 sein, dann würden wir genug Zeit ­haben, um mit den Kindern ein Jahr reisen zu gehen. Doch dann wurde ich stets besser.

Zu gut!

Genau. Bis 2014 ging das so, 2015 begann ich zu stagnieren. Ich genoss das Velofahren auch nicht mehr wie vorher, es war zur Pflicht geworden. Innert zwei Tagen fällte ich den Entscheid, dass ich so nicht weitermachen würde. Das war direkt nach der Tour de France, am Swimmingpool in den Campingferien. Ich sagte zu meiner Frau: «Warum ziehen wir nächstes Jahr nicht in die USA?» Mein Manager schaffte es, meinem Team das schmackhaft zu machen. Ich bin sehr glücklich, dass wir es gemacht haben. Die Kinder liebten es, meine Frau liebte es, ich liebte es. Auch die amerikanische Mentalität: so viel Zeit wie möglich draussen zu verbringen. Das vermisst Tessa (seine Frau) jetzt in Holland am meisten: den ganzen Tag im Freien zu sein. Mit dem Wetter hier . . .

War es immer der Plan, das Abenteuer auf ein Jahr zu beschränken?

Ja. Mein älterer Sohn wurde fünf, er wurde nun eingeschult. Ich fand in den USA auch meine Liebe zum Radfahren wieder. Fuhr viel Mountainbike, auch Rennen. Trainierte auf neuen Strassen. Am 3. Januar kehrten wir zurück, ich war im Kopf völlig frisch. Ein anderer Mensch, als bei der Abreise ein Jahr zuvor.

Würden Sie einen solchen Ortswechsel jedem Profi empfehlen?

Andere Fahrer kommen zu mir, interessieren sich dafür. Es war ja kein Sabbatical, ich fuhr immer noch viele Rennen in Europa. Aber für den Kopf war es ein ­guter Neustart. Von August bis Januar reisten wir in den USA umher. Wenn ich losfuhr zum Training, begleiteten mich die Kinder die ersten paar Minuten, dann brachte ich sie zurück und fuhr alleine los. Oder wir gingen zelten. Das vermisse ich jetzt. Aber die lockerere Zeit wird wieder kommen, nach der Tour de France.

Der US-Abstecher war nicht typisch. Auch sonst passen Sie nicht immer ins Schema des Radprofis.

Darüber wundert sich meine Mutter. Sie versteht nicht, warum zelten zu gehen, ein Tripel- oder IPA-Bier zu trinken oder ein grosses Barbecue zu machen, etwas Besonderes sein soll – das machen doch alle Leute gerne.

Stimmt!

Offenbar denken die Leute von uns ­Radsportlern, dass wir alle wie Mönche leben. Ich esse ja nicht 500 Gramm Fleisch, wenn ich grilliere. Ich koche halt gerne draussen, trinke ein Bier nach einer fünfstündigen Ausfahrt. Untypisch war auch mein Bart. Ich war einst der Erste im ­Peloton, heute haben viele einen.

Sie waren ein Trendsetter.

Kürzlich traf ich meinen einstigen Teamchef bei Unibet. Er ist «old school» und sagte zu mir: «Unter mir wäre so etwas nicht vorgekommen!» (lacht)

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