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Spitzensport bei 36 Grad? Damenstrümpfe helfen

Lernen von den Profis: Wie die Fahrer an der Tour de France cool bleiben.

Die Erlösung nach der Hitzeschlacht: Etappensieger Michael Matthews lässt sich feiern. Foto: David Stockman (Keystone)
Die Erlösung nach der Hitzeschlacht: Etappensieger Michael Matthews lässt sich feiern. Foto: David Stockman (Keystone)

Wenn Helfer von Radteams an der Kasse Frauenstrümpfe aufs Förderband legen, deutet dies nicht auf ihre geheimen Vorlieben hin. Vielmehr bedeutet dies, dass wieder einmal eine heisse Tour-Etappe ansteht. Eine meteorologisch heisse.

Die Soigneure ziehen die Strümpfe nicht an, nein, sie füllen in jeden einige Eiswürfel und verknüpfen die Öffnung. Anschliessend werden die Eisstrümpfe den Fahrern gereicht, welche sich diese in den Nacken legen, wo das Eis dann vor sich hinschmilzt und ihnen so etwas Kühlung verschafft.

Dass die Rennfahrer ihre Körper in der Hitze so kühl wie möglich halten, ist zentral. Steigt die Kerntemperatur erst einmal an, schwenkt der Körper bald darauf um, mit der verbliebenen Energie die lebenswichtigen Organe in Schwung zu halten – dazu gehören die Beine definitiv nicht, weshalb diese bald nicht mehr so rasant zu pedalen vermögen.

«Wir massen eine Weile lang auch die Körpertemperaturen nach Hitzeetappen», sagt Andreas Gösele, langjähriger Teamarzt von Fabian Cancellara. «Temperaturen um 38 Grad waren da nichts Ungewöhnliches.» Experimentiert wird auch immer mal wieder mit Sensorpillen, die runtergeschluckt im Bauch die Kerntemperatur messen.

Kältebäder sind zu aufwendig

Es sind Tage wie der gestrige in Richtung Rhonetal, als unterwegs Temperaturen bis 36 Grad gemessen wurden, die von Fahrern wie Betreuern enorm viel fordern. Der Bedarf an Bidons unterwegs ist doppelt so hoch wie üblich. Die Fahrer verbrauchen gerne vier statt der üblichen zwei Flaschen pro Stunde. Macht auf der gestrigen Etappe von knapp vier Stunden rund 16 Flaschen pro Fahrer und knapp 2800 fürs ganze Peloton. Diese werden den Fahrern entlang der ganzen Strecke gereicht. «An so einem Tag tritt bei uns das ‹Hot Weather Protocol› in Kraft», sagt Sky-Pressechef Ben Wright. «Da stehen auch der Koch, der Physiotherapeut und der Pressechef am Strassenrand und reichen Flaschen.» Sky benützt überdies auch Thermos­bidons, in denen die Flüssigkeit länger kühl bleibt.

Ansonsten erstaunt die Herangehensweise von Sky. Da ist für einmal nichts von den berühmt-berüchtigten «marginalen Gewinnen» zu hören. Keine Wundermittel. Nach der Etappe gibt es eine kalte Dusche im Bus, das wars.

Andere Mannschaften betreiben deutlich mehr Aufwand, etwa Bahrain-Merida. Beim Team aus dem Mittleren Osten spielen Kühlwesten eine zentrale Rolle, sowohl vor wie auch nach der Etappe werden diese von den Fahrern während mindestens 30 Minuten getragen. Erst, um die Kerntemperatur tief zu halten. Dann, um sie wieder herunterzubringen. Im Teamhotel folgen Kälte­bäder, sagt der sportliche Leiter Philippe Mauduit.

Tour de France 2017: Hier gewinnt Michael Matthews die 16. Etappe. (Video: Tamedia/AFP)

Kältebäder waren vor wenigen Jahren noch der grosse Trend hinter der Ziel­linie. Doch sie sind wieder verschwunden. Nicht weil sie nichts nützten. «Aber es ist ein ziemlicher Aufwand, so eine Wanne zum Ziel zu bringen. Man braucht dafür ein zusätzliches Fahrzeug und muss im Ziel das Wasser herunterkühlen», sagt Gösele. Und wenn Radteams etwas zu vermeiden versuchen, dann sind es Massnahmen, welche die so schon sehr anspruchsvolle Logistik zusätzlich verkomplizieren.

Stöffchen und Faktor 50

Göseles ehemaliger Vorgesetzter, Trek-Segafredo-Teamchef Luca Guercilena, stellt einen anderen Punkt ins Zentrum des Hitzemanagements: «Zentral ist, dass die Fahrer nach jeder Etappe gewogen werden. So kann ihr Flüssigkeitsverlust eruiert und anschliessend wieder ausgeglichen werden», sagt der Italiener.

Während beim Hitzemanagement sich also auch heute noch fast alles um Wasser und Eis dreht, genau wie in den Anfangszeiten des Radsports, haben sich die Kleider für die Bruthitze enorm gewandelt. Die heutigen Trikots sind so fein, zu grossen Teilen aus netzartigen Materialien, dass sie sich anfühlen wie eine zweite Haut. Werden sie vom Schweiss nass, verdunstet dieser sogleich, was einen kühlenden Effekt hat. Die feinen Stöffchen bringen aber auch Nachteile: Gegen die Sonne schützen sie kaum mehr. Sonnenschutzfaktor 50 ist für die Fahrer obligatorisch. Auch unter den Kleidern.

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