Mitten im Russenskandal

Ein Filmregisseur will sich für ein Radrennen dopen – und nicht gefasst werden. So beginnt der Film «Ikarus».

Teil des dreckigen Systems: Grigori Rodschenkow, Leiter des Moskauer Antidopinglabors, in der Sportdokumentation «Ikarus». (Foto: PD)

Teil des dreckigen Systems: Grigori Rodschenkow, Leiter des Moskauer Antidopinglabors, in der Sportdokumentation «Ikarus». (Foto: PD)

Christian Zürcher@suertscher

«Ikarus» ist ein Film, der mit einem Dopingexperiment startet und im Duell mit Putin endet. Ein für die Sportwelt ungeheuer brisanter Film, der aktuell auf Netflix läuft und mit einer ganz bestimmten Schlüsselfigur besticht: ein charismatischer russischer Chemiker.

Dieser hilft dem Regisseur von «Ikarus» für ein Radrennen zu dopen. Er rät ihm, welche Mittel er nehmen und wie er die Urinproben lagern soll – aber auch, dass er die Nadeln nicht in den Oberschenkel, sondern in den Hintern zu stechen hat – ist effektiver. Man mag ihn, den Russen, er ist lustig und gefitzt, oft mit nacktem Oberkörper vor dem Skype-Bildschirm, gerne auch wie ein Kutscher fluchend. So weit so gut.

Dann und ziemlich plötzlich beschenkt die Realität den Film mit einer zweiten Ebene und einer ungeahnten Kraft. Das ARD enthüllt Dopingmachenschaften von Russland, der McLaren-Report belegt diese Ende 2015 – und es wird klar: Dieser unverschämt cool wirkende Russe, Grigori Rodschenkow heisst er, ist als Leiter des Moskauer Antidopinglabors Teil des dreckigen Systems. Nun ist man als Zuschauer mittendrin im wohl grössten Dopingskandal der Geschichte. Hat sich Rodschenkow anfangs noch über die «herumschnüffelnden» Kontrolleure der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) in seinem Labor lustig gemacht, erzählt er bald von den russischen Methoden. Mithilfe des Filmemachers flieht er in die USA und kooperiert mit der Wada. Als sein Freund, der Chef der russischen Antidopingagentur, völlig überraschend an einem Herzinfarkt stirbt, fürchtet er um sein eigenes Leben: All diese Momente sind mit der Kamera eingefangen. Und da ist eben Wladimir Putin, der jegliches Mitwissen abstreitet. Und da ist das IOK, das sich vor Sanktionen scheut.

Es bleiben aber Fragen: Weshalb zur Hölle macht Rodschenkow überhaupt in diesem Film mit? Fühlte er, dass das Dopingsystem bald zusammenkracht? Oder ist er einfach sehr narzisstisch? Die Fragen bleiben un­­beantwortet. Sicher ist nur: Der Film ist spektakulär und verstörend zugleich. Und: Doping­förderer und -bekämpfer Rodschenkow wird im Film zum Helden, zahlt aber einen hohen Preis, er lebt nun in einem amerikanischen Zeugenschutzprogramm, seiner Frau und den Kindern wurden von russischen Behörden die Pässe abgenommen. (czu)

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