Froome will endlich Geschichte schreiben

Tour-Sieger Chris Froome nimmt zum sechsten Mal Anlauf, die Vuelta zu gewinnen.

Der Vuelta-Parcours 2017 kommt Chris Froome entgegen: Harte Bergetappen – und vor allem ein 40-Kilometer-Zeitfahren. Foto: Sport in Pictures/Alamy

Der Vuelta-Parcours 2017 kommt Chris Froome entgegen: Harte Bergetappen – und vor allem ein 40-Kilometer-Zeitfahren. Foto: Sport in Pictures/Alamy

Emil Bischofberger@bischofberger

Ist das wirklich Chris Froome? Dieser Radprofi mit den Pausbäckchen? Die Bilder sind gerade einmal sechs Jahre alt, wirken aber wie aus einer anderen Zeit. Auf Froomes Karriere bezogen, ist die Feststellung tatsächlich korrekt. 2011, das war für den Briten eine andere Zeit.

Damals war Froome ein Niemand. Der 26-Jährige fuhr in seiner zweiten Saison beim Team Sky, sein Vertrag lief aus, sein Agent bot ihn verschiedenen Teams an. Sportliche Argumente konnte er kaum vorbringen, ein achter Etappenplatz an der Tour de Romandie und ein neunter an der Tour de Suisse waren seine einzigen Top-10-Klassierungen in Worldtour-Rennen. Insgesamt zu wenig, um einen schönen Vertrag zu unterschreiben.

«Ein netter Typ» – mehr nicht

Auch Jonathan Vaughters, dem Chef des budgetmässig bescheidenen Teams Garmin-Cervélo, wurde Froome 2011 angeboten. Vaughters rief deshalb kurz vor jener Vuelta seinen Fahrer Dan Martin an. Er wollte dessen Einschätzung zum Briten hören. «Ich sagte so: ‹Er ist ein wirklich netter Typ, aber . . .›», erzählte Martin, der Gesamtsechste der diesjährigen Tour de France, kürzlich im Interview mit dem irischen «Independent».

Gut drei Wochen später war aus dem «netten Typen» beinahe ein Grand-Tour-Sieger geworden. Froome beendete die Vuelta als Gesamt-Zweiter, Martin gewann eine Etappe. Zu Froomes Leistung sagt er heute: «Das war wirklich ein Fall von: Wow, wo kam denn die her?»

Das Staunen darüber ist bis heute nicht gewichen. Bei vielen Beobachtern ist aus dem Staunen Skepsis ­geworden, egal wie offen und transparent sich Froome und das Team Sky auch geben. Doch mehr als ein ungutes Gefühl und die Erkenntnis, dass auch Froome den Spielraum des Erlaubten kompromisslos auszuloten bereit ist, kann niemand gegen ihn vorbringen.

Natürlich war Froome seine Zukunftssorgen nach dem Vuelta-Exploit los, er blieb bei Sky. 2012 spielte er noch einmal den Edelhelfer für Bradley Wiggins, seither ist er zum Teamleader und vierfachen Tour-Sieger aufgestiegen, zum besten Rundfahrer der Gegenwart.

In Frankreich fehlt ihm nun noch ein Triumph, um zu den Rekordsiegern aufzusteigen. Er könnte sich also ganz darauf konzentrieren, die Vuelta Vuelta sein lassen. Aber die Spanienrundfahrt lässt ihm keine Ruhe. Seit 2011 hat er sie nur einmal verpasst, insgesamt stehen bei ihm drei zweite und ein vierter Platz im Gesamtklassement zu Buche – jedes Mal fehlte ein kleines Puzzleteil zum Sieg.

Der Beinahe-Coup von 2011 treibt ihn bis heute an. 13 Sekunden fehlten Froome damals am Schluss auf den Sieger Juan José Cobo, einen Spanier, der wie Froome plötzlich mit den Weltbesten mitkletterte. Cobo tauchte aber im Gegensatz zum Briten sogleich wieder ins Mittelmass ab. In den Duellen mit Froome war es ziemlich offensichtlich, dass Letzterer der Stärkere der beiden war. Nur durfte Froome diese Position erst ganz zuletzt ausspielen – Sky glaubte bis weit in die Schlusswoche, dass Wiggins der stärkere Leader sei.

2012 kehrte Froome von der Tour ermattet nach ­Spanien zurück, wurde Vierter. 2014 rieb er sich an den Einheimischen auf, Alberto Contador besiegte ihn gar im Zeitfahren – wieder Rang zwei. 2015 stürzte er auf dem als «schwerste Bergetappe der Radsportgeschichte» (5000 Höhenmeter) apostrophierten Teilstück in Andorra, dabei brach ein Knochen am Fussgelenk – Froome beendete die Etappe trotzdem. Es war ein weiterer Beweis für seinen Willen, in der Vuelta endlich zu reüssieren. Tags darauf musste er dann aber passen. Im Vorjahr schliesslich wurden Froome und sein Team Sky durch eine von Contador orchestrierte Grossoffensive der Konkurrenz düpiert. Wieder reichte es am Schluss nur für Rang zwei.

Das soll sich nun ändern. Froome ­bestritt 2017 weniger Rennen denn je, plante seinen Formhöhepunkt ebenfalls erst für die Tour-Schlusswoche. Alles nur, um auch an der Vuelta noch richtig bereit zu sein. Denn der Parcours kommt ihm gelegen. Mit harten Bergetappen, was an der Vuelta ja die Norm ist, aber auch mit einem 40-Kilometer-Zeitfahren, wo Froome – auf dem Papier – stärker ist als die gesamte Konkurrenz.

Erstes Double seit 39 Jahren?

Mit einem Erfolg an der Vuelta schriebe er in vielerlei Hinsicht Geschichte. Kein Brite hat je die Vuelta gewonnen, geschweige denn zwei Grand Tours in einem Jahr. Das Double Tour/Vuelta ­gelang letztmals Bernard Hinault – und das ist auch schon 39 Jahre her. Damals war es noch etwas «einfacher», dieses zu erreichen, die Rennen lagen zeitlich ­weiter auseinander. Kurz: Reüssiert Froome, erreicht er noch einmal eine neue Stufe in der Radsportgeschichte.

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