Fertig geküsst

Bei der Vuelta verschwinden die Ehrendamen. Das freut nicht alle.

Kussszene beim Velorennen: Sie wird bei der Vuelta verschwinden.

Kussszene beim Velorennen: Sie wird bei der Vuelta verschwinden.

(Bild: Keystone)

Wer aufs Podest steigt, wird geküsst, so will es der Radsport. Der Gewinner wird flankiert von zwei Frauen, gerne mit dem Begriff Ehrendamen versehen, und dann, wenn alle Fotoapparate das Podest im Fadenkreuz haben, kommt es zum Doppelschmatzer. Weil die Radfahrer meist ausgemergelte Kreaturen sind und die Kussdamen wie aus dem Ei gepellt, entsteht da unfreiwillig bizarres Bildmaterial, aber das nur am Rande.

Das ändert sich. Denn in der spanischen Rundfahrt Vuelta werden die küssenden Ehrendamen abgeschafft und ersetzt mit «elegant gekleideten» Männern und Frauen. Das Kuss-Sandwich fällt weg, die Frau als Zierdematerial verschwindet von der Bühne des Sports.

Grund für den Schwenker ist eine monatelange Debatte in den sozialen Medien, ob die Vuelta eben auch künftig mit dieser jahrelangen Tradition weiterfahren möchte. Nun haben die Organisatoren entschieden und nach der Tour Down Under und der Volta Catalunya ein weiteres Zeichen gegen die Objektivierung von Frauen gesetzt.

Die «Bild» ist dagegen

Es gibt einige, die den Entscheid nicht supitoll finden. Der «Blick» etwa schrieb: «Der Doppel-Schmatzer soll sexistisch sein.» Oder die «Bild»: «Lasst den Siegern doch die Küsschen!» Organisator Javier Guillén entgegnet: «Es geht nicht um die Küsse bei der Begrüssung. Diese werden wir nicht verbieten, denn sie gehören zur spanischen Kultur und Tradition.» Aber: «Bei der Preisübergabe gibt es keine Küsschen mehr.»

Die Podestküsse haben auch schon an anderen Orten für Gesprächsstoff gesorgt. Im Frauenrennen Gent–Wevelgem haben die Organisatoren den Spiess umgedreht.

Die Siegerehrung beim Rennen Gent–Wevelgem.

Die Reaktionen: a) Spinnt ihr?! b) Super, das ist Gleichberechtigung. c) Eine dumme Sache muss man nicht mit dummen Sachen nachahmen, um Gleichberechtigung zu erreichen.

Und die Tour de France?

Die Vuelta gehört neben der Tour de France und dem Giro zu den drei grössten Rundfahrten der Welt – und sie wird auch vom gleichen Organisator wie der Frankreich-Tour ausgetragen. Ist also bei dem grössten Rennen Ähnliches zu erwarten? Vuelta-Organisator Javier Guillén sagt dazu: «In Frankreich gibt keine solche Debatte über Sexismus.»

Andere Orte bieten sich für ähnliche Debatten an: Rennstrecken, auf denen Grid-Girls Regenschirme halten. Boxringe, in denen Nummern-Girls den Zuschauern Orientierung über die Anzahl der Kampfrunden geben.

czu

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