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Eine perfekte Show schliesst die Sixday-Nights ab

Die Jubiläumsausgabe erreicht in der Schlussaméricaine den Höhepunkt und bringt für Mark Cavendish eine Premiere.

Alles Pedalen brachte nichts, der 24-jährige Schweizer Silvan Dillier musste sich mit dem zweiten Platz begnügen. Foto: Giorgia Müller
Alles Pedalen brachte nichts, der 24-jährige Schweizer Silvan Dillier musste sich mit dem zweiten Platz begnügen. Foto: Giorgia Müller

Die Uhr hoch oben im Hallen­stadion zeigt 0.30 Uhr an, als die Entscheidung der Sixday-Nights ansteht. Dreieinhalb Nächte lang sind sie gekreist, haben einan-der überrundet und gekontert, um dann festzustellen, dass sie nach all den Prüfungen und Duellen nur durch wenige Punkte von­einander getrennt sind.

Ganz nach Drehbuch entscheidet die abschliessende Américaine, angesetzt über 40 Minuten plus 50 Runden. Sechs Duos kommen noch für den Sieg infrage, doch eigentlich ist klar: Das Rennen wird zwischen den Vorjahressiegern entschieden. Hier Iljo Keisse, der erfolgreichste aktive Sixjours–Fahrer, mit Sprinterstar Mark Cavendish an der Seite. Da der Aargauer Silvan Dillier zusammen mit Routinier Leif Lampater. Cavendish und Dillier sind die zwei so unterschiedlichen Aushängeschilder des Rennens zum 60-Jahr-Jubiläum. Der 29-jährige Brite hat in seiner Karriere als Strassensprinter fast alles gewonnen, was man gewinnen kann – ausser ein Sechstage­rennen. Der fünf Jahre jüngere Neoprofi dagegen: praktisch noch nichts – ausser die Sixday-Nights vor einem Jahr.

Ob seiner Chance wird selbst der Sieggewohnte nervös, dreht schon vor dem finalen Startschuss im Zeitlupentempo Runden. Im Rennen übernimmt wieder der Instinkt, kühl halten sich Cavendish und Keisse zurück. Dillier/Lampater dagegen fahren offensiv, legen früh ihre Karten offen – ihr Punkterückstand zwingt sie dazu. Cavendish/Keisse schauen zu und holen Fischern gleich die zappelnden Gegner wieder ein.

Marguet als Wecker

Weil von den vieren keiner so richtig als Showman taugt, springt Tristan Marguet in die Bresche. Der Romand lanciert unmögliche Angriffe, die die Halle endgültig aufwecken.

Angriffe jagen sich, doch als die 40 Minuten um sind, ist das Resultat immer noch dasselbe. Dillier und Lampater liegen zurück, Cavendish und Keisse warten zu, als es auf die letzten 50 Runden geht, die 10 Kilometern entsprechen. Als die Rundenzahl noch 38 anzeigt, versuchen es Dillier und Lampater ein letztes Mal. Nur zäh kommt das schweizerisch-deutsche Duo vom Feld weg, erarbeitet sich Meter um Meter. Unwiderstehlich schaut das nicht aus, aber was bleibt ihnen und dem längst stehenden Publikum, als zu hoffen, dass es doch reichen wird? Lange 24 Runden müssen sie krampfen, bis die Runde geschafft ist. In der Zwischenzeit sind hinter ihnen auch Cavendish und Keisse aus dem Feld rausgefahren, sie egalisieren den Rundengewinn innert Kürze, sie überholen das Feld und bejubeln solo den Sieg. Die Beiden zeigen die perfekte Show, wie sie zu einem Sechstagerennen gehört.

Bei Cavendish drückt danach, es geht nun schon gegen 2 Uhr, der kleine Junge durch. Sind das sogar feuchte Augen, die da glänzen? «Klar habe ich schon vieles gewonnen. Aber eben noch keine Sixdays», sagt er. Die Diva ist in dem Moment weit weg. Eine ­unbedarfte Frage reicht aus, um sie in Erinnerung zu rufen. Der Mann, der ihm das Mikrofon unter die Nase hält, fragt: «Bedeutet Ihnen der Sieg mehr als die 2 Etappen bei der Tour de France?» Wären Cavendishs ­Augen jetzt zu Worten oder Taten fähig, man möchte nicht in der Haut des Reporters stecken.

«Sylvain, Silvan, Silvio?»

Dillier steht längst auf der anderen Seite der Absperrgitter. Verwandte und Bekannte sind an­gereist, verewigen sich nun mit ihrem geschlagenen Helden auf einem Gruppenbild. Seine Schultern werden geklopft, während er unablässig in seine Armbeuge hustet – seit dem Rennen in Gent vorige Woche plagte ihn eine ­Erkältung. «Wenigstens haben wir eine gute Show geboten», sagt er, dann verschwindet auch er mit einigen Freunden im Schlepptau in den Katakomben. Dort dürfte er Cavendish wieder getroffen haben. Und dieser nun Dilliers Vornamen gekannt haben. Nicht wie zu Beginn der Woche, als er beim offiziellen Medientermin Dillier noch flüsternd gefragt hatte, wie man seinen Vorname denn genau ausspreche: «Sylvain, Silvan, Silvio?»

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