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Ein Horrorsturz und dann Klartext dazu

«Die Organisatoren haben bekommen, was sie wollten.» Nach der Königsetappe der Tour de France mit vier Verletzungsopfern machte Daniel Martin seinem Ärger Luft.

Nach dem Sturz: Richie Porte erhält Erste Hilfe.
Nach dem Sturz: Richie Porte erhält Erste Hilfe.
Christophe Ena, Keystone

«Niemand sieht so etwas gerne», sagte der britische Tour-Leader Chris Froome und wählte diplomatische Worte. Es brauchte einen aufgebrachten Irishman in der Person Daniel Martins, um einen Fahrer zu finden, der nach der 9. Etappe der Tour de France Klartext sprach: «Die Organisatoren haben bekommen, was sie wollten.» Doch wer den ereignisreichen Renntag des 30-Jährigen unter die Lupe nahm, konnte den Ärger verstehen und einordnen.

Video – dieser Sturz ist nichts für schwache Nerven:

Richie Porte stürzt und Daniel Martin kann nicht mehr ausweichen.

Martin war auf seiner fünf Stunden langen Fahrt von Nantua nach Chambéry in nicht weniger als drei Zwischenfälle mit Stürzen involviert. Der schlimmste war der zweite, für den Australier Richie Porte, einen Mitfavoriten auf den Gesamtsieg, hatte er einen Becken- und Schlüsselbeinbruch zur Folge und damit selbstredend das Tour-Ende.

Und die TV-Bilder des Sturzes zeigten auch: Es hätte genauso gut Martin sein können, der danach auf einer Bahre und mit angelegter Halskrause abtransportiert wird (so geschehen mit Richie Porte). Er fuhr ungebremst mit rund 70 km/h in den am Boden liegenden Porte und flog danach Kopf voran in die Steinwand am Strassenrand. Wie er danach einfach wieder aufstand und nach einem kurzen Blick auf Porte weiterfuhr, war erstaunlich. «Ich hatte Glück», sagte Martin trocken. Die Bilder seines Helms bestätigen diese These.

Porte stürzte, weil er in der Abfahrt vom Mont du Chat in einer Kurve kurz von der Strecke kam, über ein Grasfeld fuhr und dadurch die Kontrolle über sein Rad verlor. Seine Aktion wurde verschiedentlich auch als Fahrfehler angesehen, doch die Wut Daniel Martins richtete sich nicht auf Porte: «Natürlich nehmen wir Risiken auf uns, aber nicht an so einer Stelle. Unter den Bäumen war die Strasse ganz einfach sehr rutschig. Und auf dieser technisch herausfordernden Abfahrt mit viel Schotter auf dem Asphalt half es nicht, dass es auch noch regnete.»

Portes Horrorsturz war nicht der einzige der Etappe vom Sonntag. Für vier Fahrer bedeutete sie das Ende der Tour, darunter auch für Geraint Thomas, den Gesamtzweiten und wichtigsten Helfer Froomes. Unweigerlich kommt damit die Frage auf: War die Streckenführung dieser 9. Etappe derart unverantwortlich gewählt, wie es der Ire Martin beschrieb? War diese schwierige Abfahrt nach Col de la Biche, Grand Colombier und eben Mont du Chat mit drei als «Hors Catégorie» klassifizierten Übergängen eine zu viel?

Seit sechs Jahren hatte es an der Tour de France nie mehr eine Etappe mit mehr als zwei Anstiegen gegeben, die in die höchste Schwierigkeitsstufe eingeteilt werden. Ironie des Schicksals: Die besonders schwierig eingestufte Abfahrt herunter vom Mont du Chat, der einerseits erstmals seit 1974 vom Tour-Tross passiert wurde, andererseits vor einem Monat aber Teil des Etappenrennens Critérium du Dauphiné war, hatte Porte bereits am Tag zuvor beschäftigt: «Sie ist schnell, herausfordernd und nicht gerade die schönste aller Abfahrten. Wenn du zu viel riskierst, kann das einen Crash zur Folge haben», liess er sich in seinem «Heimatblatt», der tasmanischen Ausgabe des «Mercury», zitieren. Diese nahm nach dem Rennen Martins Worte als Grundlage, um die Königsetappe generell als womöglich zu gefährlich zu kritisieren.

Brian Holm, der sportliche Leiter Daniel Martins sah keinen Grund, ins Klagelied seines Fahrers einzustimmen. An der Critérium du Dauphiné hätte ja auch keiner geklagt, sagte der Däne: «Und wenn es gefährlich sein sollte, muss man einfach langsamer fahren ...»

Auch fast alle die Tour begleitenden Medien inklusive der Fachblätter reagierten gemässigt. Ob Fahrfehler oder nicht, ein Sturz wie jener Portes auf einer nassen Strecke einer schwierigen Abfahrt gehöre zum Berufsrisiko. Der Radsport sei manchmal halt schwer zu ertragen, kommentierte die «Süddeutsche Zeitung». Als gleichwertiger Aufreger wurde querbeet eine kurze Episode um Leader Froome betrachtet. Als dieser sich um einen Defekt an seinem Rad kümmern musste, schien der Italiener Fabio Aru, neu Zweiter der Gesamtwertung, dies zu einem Angriff nützen zu wollen – ein No-go unter Radrennfahrern.

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