Als Cancellara «Atemlos» trällerte

Fabian Cancellara präsentiert heute seine Biografie. Unser Autor erinnert sich an ein Jahrzehnt mit dem Radprofi.

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Emil Bischofberger@bischofberger

Der Titel des Buches ist so schlicht wie vielsagend, «Fabian Cancellara, 20 Jahre Radsportgeschichte». Heute wird die Biografie des Berners in Zürich präsentiert, ab Samstag ist sie im Buchhandel erhältlich. Bis dahin ist der Inhalt des Buches, das der belgische Radsportjournalist Guy Van Den Langenbergh verfasst hat, geheim.

Deshalb grub ich in meinem persönlichen Cancellara-Erinnerungsschatz, der sich in den vergangenen zehn Jahren angesammelt hat, in denen ich seine Karriere journalistisch begleitet habe.

Natürlich sind die jüngsten Momente am präsentesten. Der verhangene Morgen in Pontal, dem Küstenort westlich von Rio: Es nieselte bei unserer Ankunft, von Olympia war dort draussen wenig bis nichts zu spüren, mit einem Privatauto durften wir zwei Strassensperren passieren, konnten praktisch bis zum Ziel vorfahren.

Wild hüpften sie auf und ab, wie Kinder

Bis Cancellara dran war, hatte der Nieselregen aufgehört. Er fuhr los, für uns Zuschauer im Pressezelt folgte eine Stunde des Staunens, das mit jeder Zwischenzeit grösser wurde. Er würde doch nicht etwa ... Doch, er wurde: Olympiasieger. Das Bild, das haften blieb, ist die Jubeltraube, die er zusammen mit seinen Vertrauten bildete, als der Sieg feststand. Wild hüpften sie auf und ab, wie Kinder.

Diese unbeschwerte Freude über einen Sieg, Cancellara konnte sie in diesem Moment auch ausleben, weil der Moment eben in der Abgeschiedenheit von Pontal zustande kam. Nicht in Belgien, wo sich um den Sieger eine Menschentraube bildet, sobald er die Ziellinie überquert hat. Eine Menschentraube, die sich eigentlich erst auflöst, wenn der Fahrer die Türe seines Hotelzimmers hinter sich zugezogen hat.

Für Cancellara war das in den vergangenen Jahren aber nicht nur im Erfolgsfall so. Es war für ihn ein Dauerzustand. In Belgien: Ein permanenter Menschenauflauf. Ebenso in Frankreich an der Tour de France. Mit Abstrichen selbst an der Tour de Suisse. Entsprechend angespannt waren deshalb meist auch Gespräche in diesen Rahmen. Es gab durchaus Saisons, in denen ich ihn an den Rennen zwar regelmässig traf, aber nie auch nur ein Wort in unserer Muttersprache wechselte. An den Pressekonferenzen sprach er Englisch, manchmal noch Französisch. Auch wir stellten unsere Fragen auf Englisch, was durchaus surreal war.

Als er sich aufs Vateramt vorbereiten wollte

Im Herbst 2006 schrieb ich meinen ersten längeren Artikel über ihn, den ersten von bis heute über 300, in denen er Thema war oder erwähnt wurde. Es war der Rennbericht zur Züri-Metzgete, Cancellara hatte an jenem nasskalten Herbsttag alle überrascht, hatte sich von den Spitzenfahrern einfach nicht abhängen lassen. Er wurde Fünfter und sagte danach: «Die Züri-Metzgete gefällt mir.» Er wusste damals nicht, dass es die letzte Ausgabe des Profirennens gewesen war. Dann verabschiedete er sich in die Saisonpause, mit dem Hinweis, er müsse sich nun auf seine neue Rolle als Vater vorbereiten.

Mittlerweile hat er zwei Kinder. Diese veränderten ihn. In der Zeit zu Hause war er Privatmann. Sprich: Kurzfristige Telefongespräche lagen nur noch selten drin, Interviews waren in den vergangenen Jahren primär im Rahmen von Radrennen möglich. Oder wenn er von Bern zum Flughafen nach Zürich reiste.

Im McLaren nach Zürich tuckern

So reiste ich immer mal wieder nach Bern, um mit ihm dann im Zug zurück nach Zürich zu fahren. Einmal war sein Zeitplan so gedrängt, dass er gleich die ganzen Deutschschweizer Radsportjournalisten zu dieser Zugfahrt aufbot. Wir drängten uns im Speisewagen um einen Tisch, löcherten ihn mit Fragen – auch die Fahrgäste an den Nebentischen hörten interessiert zu. Ein anderes Mal hiess er mich, auf dem Parkdeck des Berner Bahnhofs zu warten, mit dem Hinweis, ich würde dann schon hören, wenn er ankäme. Tatsächlich: Zum vereinbarten Zeitpunkt röhrte ein Sportwagen über den Parkplatz, Cancellara entstieg lächelnd einem McLaren mit Flügeltüren. Es war eine Leihgabe eines Bekannten, er sollte das Auto an diesem Tag zurückbringen, auf der A 1 führten wir unser Gespräch. Unterwegs ignorierte er den Sportwagenfahrer mit AG-Kennzeichen, der ihn nur zu gerne zu einem Raserduell provoziert hätte. Konsequent mit 120 km/h tuckerten wir nach Zürich.

Oder wir trafen uns an kleineren Rundfahrten im Ausland, die er zum Formaufbau nützte. Mehrfach reiste ich so nach Bayern, diesen Frühling nach Portugal. An solchen Rennen fühlte er sich wohl. Der Fokus war für einmal nicht auf ihn gerichtet, niemand drehte sich um, wenn er den Besucher aus der Schweiz laut rufend begrüsste. In Bayern trällerte er mit Helene Fischer mit, deren «Atemlos» von der Hochzeitsgesellschaft im Nebengebäude bis in den Teambus hineindrang, wo wir unser Interview führten.

Stets mit zwei Handys unterwegs

Generell achtete er aber darauf, eine gewisse Distanz zu wahren. 2008, nach Dopinganschuldigungen der belgischen Zeitung «Le Soir», tauchte er ab. Die Handynummer, die jeder Schweizer Radjournalist gespeichert hatte, funktionierte plötzlich nicht mehr. Später gab es eine neue, eine berufliche. Er trug nun stets zwei Handys mit sich herum.

Und manchmal war auch auf dem beruflichen Funkstille. Ich berichtete 2013 als einer der Ersten in der Schweiz über die Anschuldigung, mit «Clasicómano (Luigi)» aus der Liste von Dopingarzt Eufemiano Fuentes sei Cancellara gemeint. Eine Saison lang schmollte er deswegen, verweigerte Interviewanfragen. «Auch wir hatten unsere schwierigen Zeiten», sagte er nach unserem letzten Interview vor einigen Wochen und lachte.

Niemand hätte auf ihn als Sieger getippt

Über die zehn Jahre gesehen, in denen ich unzählige emotionale Momente miterlebte, war das aber nur eine kleine Episode. Neben all den grossen Siegen (vor allem in Belgien und Roubaix). Neben all den knappen Niederlagen (vor allem in Sanremo). Und neben den Stürzen.

Der eindrücklichste Siegesmoment? Cancellaras letzter Paris-Roubaix-Sieg 2013, als er Sep Vanmarcke erst im Sprint im Vélodrome besiegen konnte. Erschöpft legte er sich danach auf den Rasen im Inneren der Rennbahn. Später setzte er sich im Pressezentrum ausgepumpt hin, sein Blick völlig leer. Wer nicht gewusst hätte, welcher der drei Erstklassierten gewonnen hatte, hätte niemals auf Cancellara getippt. Nie waren seine Antworten kürzer, einsilbiger.

«Schlussamänd», «in the end», «à la fin»

Das war sonst selten der Fall. Drei Fragen resultierten bei Cancellara regelmässig in einem viertelstündigen Redeschwall, in dem er die Themen gerne frei assoziierend verband. Diese Ausführungen liessen uns immer wieder schmunzeln, auch weil er gerne seine liebsten Floskeln 1:1 in jede Sprache übersetzte, keine öfter als «schlussendlich», mit denen er abschliessende Erläuterungen begann. Auf Berndeutsch hiess das dann «schlussamänd», auf Englisch «in the end», auf Französisch «à la fin» und auf Italienisch «alla fine».

Zu Ende geht Cancellaras Karriere in drei Stufen. Jene auf der Strasse in Japan, wo er sein letztes Strassenrennen bestritt. Auf dem Velo vor Publikum sass er vergangene Woche beim Abschiedsevent in Belgien zum letzten Mal, auf der Rundbahn in Gent. Als Profisportler gibt er sich und dem Schweizer Publikum auch noch ein letztes Mal die Ehre: an den Sports Awards am 18. Dezember.

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