Statt «klick» macht es nur noch «bzzz»

Bei Rennvelos werden E-Schaltungen immer bedeutender – bei den Profis sind sie Standard. Und für uns Amateure?

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Das Geräusch hat etwas Irritierendes. Wenn man es überhaupt wahrnimmt. Denn wer nicht genau aufpasst, hört: so gut wie nichts. Drückt der Rennvelofahrer einen Schalthebel, macht der Umwerfer oder der Wechsler nicht «klick», sondern nur: «bzzz». Das Geräusch ist fein und lässt keinen Zweifel: Hier ist nicht mehr die Mechanik alleine verantwortlich. Hier arbeitet ein Motörchen.

2010 leitete Marktdominator Shimano die Schaltrevolution ein, gegen viele Widerstände. Velofahrer sind trotz aller Technikliebe auch traditionsbewusst. Mittlerweile ist das «Bzzz»-Geräusch nicht mehr exotisch. Bis es so weit war, musste die elektronische Schaltung einige Anläufe nehmen. Die ersten gab es bereits Anfang der 1990er-Jahre. Meist war es die mangelnde Zuverlässigkeit, welche die Projekte scheitern liess. Denn dies ist die allerwichtigste Anforderung, die ein Velofahrer an seine Schaltung stellt: dass sie funktioniert. Immer, bei Hitze wie bei Kälte, im Dauerregen wie bei Trockenheit.

Alles andere ist Zugabe, wobei gerade der Rennvelofahrer viel für diese Zugabe gibt: Die Erhabenheit des Fortbewegens stellt sich nicht zuletzt dann ein, wenn das Velo geräuschfrei funktioniert. Kein Rattern, kein Scheppern, einzig der Fahrtwind durchbricht die stille Dynamik. Und dazwischen ab und zu ein prägnantes «Klick», wenn der Gang gewechselt wird – das war Velofahrerstolz. Neu heisst es: Je feiner das «Bzzz», umso besser.

Im Schaltungsmarkt für Sportvelos gibt es drei Player. Der japanische Dominator Shimano. Das innovative US-Unternehmen Sram. Es ging aus der deutschen Sachs hervor. Und der italienische Traditionalist Campagnolo. Alle setzen sie mittlerweile auf Elektronik. Wie gross der Anteil elektronischer Schaltungen im gesamten Markt ist, wird nicht ausgewiesen: Die Schweizer Schaltungsimporteure wissen nicht, womit die Rennvelos ausgerüstet sind, die komplett importiert werden.

Die Hälfte der Kunden im Premiumshop will elektronisch

Bekannt ist: Die Schweiz ist bezüglich elektronischer Schaltung ein Vorzeigemarkt, weil diese nur an teuren Rennvelos verbaut wird – und in der Schweiz werden überproportional viele dieser Velos verkauft. «Unter 5000 Franken kriegt man im Fachhandel kein elektronisch geschaltetes Velo», sagt Dani Bürgler vom Cycle Store Zurich. Sein Geschäft ist im Premiumbereich positioniert, die Hälfte der Rennvelos wird mit elektronischer Schaltung verkauft.

Bei Peti Fontana vom Backyard in Zürich ist die Situation anders: «Eine elektronische Schaltung wünscht sich derjenige Kunde, der sich vorab informiert hat. Wenn sich einer von Grund auf bei uns beraten lässt, entscheidet er sich selten dafür.» Bei ihm würden zehn Prozent aller verkauften Rennvelos elektronisch schalten, schätzt er.

Dass hier stets von Rennvelos die Rede ist, hat seinen Grund: Im Mountainbike-Bereich gibt es zwar ebenfalls die elektronische Option. Aber derzeit erst bei Shimano – wo der Marktleader damit einen einstelligen Marktanteil aufweist. Sram hat einen Prototyp am Start – und Nino Schurter als Testpiloten. Alle anderen schalten mechanisch, auch weil die Biker immer mehr auf ein zweites Kettenblatt verzichten und der Umwerfer damit überflüssig wird.

Doch was macht die elektronische Schaltung aus, abgesehen vom «Bzzz», welches das «Klick» ersetzt hat? Der Umwerfer, der zwischen den Kettenblättern hin- und herschaltet, wie auch der Wechsler arbeiten nicht mehr durch den Zug des Schaltkabels, sondern mit enorm kleinen Motörchen. Sie werden mittels dünner Elektronikkabel angesteuert. Optisch ist kaum ein Unterschied zur mechanischen Schaltung feststellbar.

Warum also der Elektronik den Vorzug geben? «Das ist ein Schalten auf einem anderen Level. Du brauchst keinen Hebel mehr herumzudrücken, tippst ihn nur an. Die Schaltung reagiert viel schneller, viel genauer und feiner. Und wenn sie mal eingestellt ist, bleibt sie auch so. Bei der mechanischen musstest du immer mal wieder etwas nachstellen», sagt Radprofi Reto Hollenstein.

Der Thurgauer muss es wissen: Er fuhr in seiner Karriere mit praktisch allen Schaltgruppen, aktuell mit Sram, das diese Saison auf Worldtour-Ebene einzig Hollensteins Team Katjuscha ausrüstete. Generell zeigt sich bei den Profis die Veränderung: Hier fahren alle elektronisch. Fabian Cancellara war bis zu seinem Rücktritt Ende 2016 einer der Letzten, der sich der Elektronik verweigerte, aus Angst vor Pannen, gerade auf dem rüttelnden Kopfsteinpflaster. Mittlerweile hat auch er umgeschwenkt.

Während Shimano und Campagnolo die mechanischen Hebel durch elektronische ersetzten, dachte Sram, das 2016 seine Gruppe Etap vorlegte, das Thema neu: Schalthebel und -werk kommunizieren kabellos. Das macht Spass: Einerseits gewinnt das Velo noch einmal an Ästhetik, weil keine Schaltkabel mehr nötig sind. Zudem ersann Sram eine neue Schaltlogik: Je ein Knopf pro Bremshebel reicht: Mit einem Klick rechts schaltet der Wechsler einen Gang hoch, links einen runter. Werden beide Hebel gedrückt, wird das Kettenblatt gewechselt.

Sram ist intuitiv, Shimano noch ein bisschen präziser

Das hört sich irritierend an für Fahrer, die sich zwei Knöpfe pro Schaltwerk gewohnt sind, wird aber rasch intuitiv. Mehr noch: Wer sich auf die Einfachheit eingelassen hat, ist beim Wechsel zurück zur etablierten Schaltlogik fast überfordert von den vier Knöpfen. Er staunt aber auch, dass die Japaner die Schaltvorgänge eben doch noch ein bisschen präziser hinkriegen. Unabhängig vom Hersteller gilt jedoch: Wer die elektronische Schaltung einmal erlebt hat, wechselt kaum mehr zur mechanischen zurück.

Es sei denn, er plant eine Tour über mehrere 1000 Kilometer. Da kommen die elektronischen Gruppen an ihre Grenzen. Bei Sram beträgt die Reichweite rund 1500 Kilometer – weil die kleinen Akkus direkt an den Schaltwerken befestigt sind. Eine Di2 von Shimano wie die EPS von Campagnolo dagegen rollen dank der in der Sattelstütze versenkten Batterie rund 2000 Kilometer – was bei einigen Hobbyfahrern wiederum fast für eine ganze Saison reicht. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 19.11.2018, 14:00 Uhr

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