Küng hat genug nackte Hintern gesehen

Tour-Debütant Stefan Küng gab nach jeder Etappe Einblick in seinen Alltag. Sein gesammeltes Tagebuch.

Stefan Küng startet zu seiner ersten Tour-de-France.

Stefan Küng startet zu seiner ersten Tour-de-France. Bild: Reuters

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21. Juli

Wie war Ihr Tag?

220 Kilometer lang – und darum nicht ganz gratis.

Lassen Sie uns die drei Wochen resümieren: die landschaftlich schönste Etappe?

Jene nach dem ersten Ruhetag in der Dordogne: angenehmes Tempo, der Fluss, die Schlösser, die Dörfchen.

Das Verrückteste, das Sie von Zuschauern gesehen haben?

Da gab es vieles. Etwa am Donnerstag: Da stand einer auf dem Dach eines Restaurants, die Hosen unten, im Gesicht eine Maske und eine Fahne schwenkend. Oder auf der Etappe nach Pau, da sass einer mitten im Nirgendwo auf einem Baum, ebenfalls mit einer Fahne. Die einen gehen fast zu weit, es kommt mir vor, als wollten sie sich überbieten, vor allem selbst inszenieren. Nackte Hintern sahen wir zu Tausenden in den drei Wochen.

Wer ist der lustigste Fahrer im Feld?

Da gibt es einige. Vielleicht Philippe Gilbert, mit ihm ist es nie langweilig.

Der unfreundlichste?

Aus Datenschutzgründen sage ich hier nichts. Obschon es ein paar A... gibt.

Und der überraschendste?

Einen möchte ich hervorheben: Thomas De Gendt, eine Legende. Der Typ gibt nie auf, scheint einen Zacken mehr als alle anderen zu haben. Oder er erholt sich einfach besser. Toll, dass es solche Leute gibt, die nie aufgeben, immer in die Fluchtgruppen gehen.

Das beste Essen dieser Tour?

Mein Highlight war Polenta. Oder auch ein Risotto. Oder die Bäckerei am Morgen in Bergerac. Und die Kuchen, wenn jemand im Team Geburtstag hatte.

Das Essen, auf das Sie sich nun freuen?

Ein Barbecue mit Freunden.

Wie viele Defekte hatten Sie?

Zwei Radwechsel, einmal «spinnte» die Schaltung, das konnte ich aber selber beheben.

Und die ganze Saison Zuhause im Training?

Das ist unterschiedlich. Vor der Tour hatte ich einige, darum musste ich unsere Mechaniker um einige neue Reserveschläuche bitten.

Wie viele weisse Trikots als bester Jungprofi haben Sie in der ersten Woche erhalten – und was geschieht mit diesen?

An der Tour erhält man täglich bei den Ehrungen im Ziel so ein Rucksäckchen, darin hat es eine Weste, ein Langarmtrikot und ein Kurzarmtrikot. Da kommen schon einige zusammen. Eines habe ich schon an Andy Rihs gegeben. Die anderen werden an jene Leute gehen, die mich immer unterstützen und für mich da sind, wie mein Masseur oder die Physiotherapie-Praxis, die ich jeweils besuche. Für sie ist das ein cooles Andenken.

Wie steht es um die Libido nach drei Wochen unter Männern?

Logisch, man ist froh, wenn man seine Freundin wiedersieht. Das ist doch normal nach drei Wochen.

Sie verschlangen in den drei Wochen mehrere Bücher. Geben Sie uns ein Rating der Titel, mit Sternen?

Eines warf ich weg, so schlecht war es. Das würde 0 Sterne kriegen. «Lila, Lila» von Martin Suter: spannender Schluss, 4 Sterne. «Goldstein» von Volker Kutscher: sehr spannend, sehr gut geschrieben, 4 Sterne. «Das waren noch Zeiten» von Hanspeter Born: spannend, speziell geschrieben, interessant: 4 Sterne. «Das Jahrhundertkind» von Ralf Isau: ein Fantasybuch, speziell geschrieben, 2,5 Sterne. «Der wiedergefundene Freund» von Fred Uhlman: ein Klassiker, hat mich nicht überaus gefesselt, 3 Sterne.

Was folgt am Montag?

Da bleibe ich in Paris. Ein gemütlicher Zmorge, Spaziergang, vielleicht noch aufs Velo, mal schauen. Die Saison ist ja nicht fertig nach der Tour de France.

Was holen Sie als Erstes nach?

Freunde treffen. Und einfach einmal in den Tag hineinleben, statt: 8.30 Zmorge, 9.30 Abfahrt, 11.30 Start, bam, bam, bam.

Wohin geht es in die Ferien?

Daran denke ich noch gar nicht, die folgen erst im Oktober. Zuerst fahren wir noch etwas Velo.

Welche Gedanken gehen Ihnen bezüglich des Zeitfahrens durch den Kopf?

Darauf freue ich mich sehr. Dafür habe ich die letzten beiden Tage etwas «piano» gemacht. Die Motivation ist hoch, die Beine sind gut. Ich fühle mich parat, das kommt gut.

20. Juli

Wie war Ihr Tag?
Tipptopp. Schön sonnig, aber nicht zu heiss. Dazu am Ende Rückenwind, was die Sache etwas einfacher machte. Mir lief es sehr gut. Aber im Hinblick auf Samstag versuchte ich, so wenig Kraft wie möglich aufzuwenden.

Was brachten Sie neben den üblichen Dingen im Koffer mit zur Tour?
Speziell ist meine Buchkollektion, da ich kein Freund von E-Books bin. Fünf habe ich eingepackt, damit ich sicher genug Lesestoff habe. Jetzt sind alle fertig, Zeit, dass die Tour zu Ende geht. Ansonsten braucht man ja nicht viel, wir laufen nur im Teamanzug herum. Und ein Plüschtierchen zum Schlafen brauche ich nicht.

Mit wem hätten Sie heute gerne getauscht?
Natürlich mit dem Sieger. Auch wenn das nicht realistisch war. Das muss der Hammer sein, oben auf einem Pass zu gewinnen, einmalig. Ansonsten bin ich ganz zufrieden, wenn ich sehe, wie sehr andere Fahrer im Feld jetzt leiden.

Schläft man mit zunehmender Tour-Müdigkeit besser?
Im Gegenteil. Wenn man zu kaputt ist, schläft man auch nicht gut. Aber ich schlief eigentlich gut, abgesehen von der ersten Woche, als ich leicht erkältet war. Sonst kam ich immer auf meine neun Stunden. Das brauche ich, Schlaf ist die beste Erholung.

Wann und wie oft sprechen Sie während der Tour Französisch?
Mit meinen Teamkollegen: Zimmer­kollege Danilo Wyss ist Romand, Amaël Moinard Franzose und Nicolas Roche in Frankreich aufgewachsen. Ebenso mit den Medien und anderen französischen Fahrern. Es ist sicher ein Vorteil, wenn man die Sprache spricht.

Was denken Sie, wenn Sie hören, dass Fussballspieler für 80 oder 90 Millionen Euro den Club wechseln?
Das berührt mich nicht gross. Velofahren ist ein Sport und kein Spiel, scherzen wir jeweils. Ich bin froh, dass ich meinen Sport als Beruf ausüben kann, sehe diese Teilnahme an der Tour als einmaliges Privileg. Vor neun Jahren stand ich selber noch am Strassenrand und feuerte die Fahrer an. Heute werde ich am Ende des Monats auch noch ­bezahlt dafür, dass ich selber mitfahren darf.

19. Juli

Wie war Ihr Tag?

Lang vor allem. 4500 Höhenmeter, die muss man immer zuerst erklimmen, egal in welchem Tempo. Heute war mein Ziel, so wenig Kraft wie möglich zu verbrauchen – also begab ich mich schon früh ins grosse Gruppetto. Aber die Harmonie war da nicht super, zumal immer mehr Fahrer dazukamen. Im Ziel waren wir 100.

Der härteste Moment heute?

Das war mehr ein mentaler, am Col du Galibier, etwa sechs oder sieben Kilometer vor der Passhöhe. Da sieht man nach einer Kurve plötzlich bis ganz nach oben, sieht, wie weit es noch hochgeht. Da weisst du: Da liegt noch einiges an Arbeit vor dir. Dann fragst du dich zum Teil: Wer ist auf die Idee gekommen, hier eine Strasse hochzubauen?

Befolgen Sie gewisse Abläufe aus Aberglaube?

Nur mit den Sonnenbrillen, die ich ­behalte, wenn sie mir Glück gebracht ­haben. Sonst befolge ich vor Zeitfahren beim Einfahren die stets gleichen ­Abläufe. Aber das ist mehr aus Routine.

Welches Talent eines anderen Fahrers hätten Sie gerne?

Hm. Vielleicht, dass ich weniger nachdenken würde? Wenn ich sehe, wie ­gewisse Fahrer im Sprint einfach reinhalten, reindrücken, muss ich sagen, dass ich manchmal vielleicht auch weniger nachdenken und stattdessen einfach reinstechen sollte.

Früher gehörte ein fast rohes Steak zum klassischen Frühstück. Was würden Sie sagen, wenn man Ihnen das servieren würde?

Da hätte ich nicht so Freude. Spätestens am ersten Aufstieg im Rennen würde ich es im Magen spüren. Vor dem Ruhetag wurde uns ein Tatar serviert, was ja ebenfalls roh ist. Ich spürte es in der Nacht deutlich, dass das nicht so leicht verdaulich ist. Keine Ahnung, wie die früher auf die Idee gekommen sind. Aber sie kamen ja auch bald wieder davon ab. Ich für mich nehme am Abend lieber ein Steak vom Grill.

18. Juli

Wie war Ihr Tag?

Hart und heiss war er. Vollgas vom Start weg. Zuerst versuchte ich in die Fluchtgruppe zu fahren, aber dann ging es bergauf. Und oben ging es gleich weiter mit Windstaffeln. Der ganze Tag Druck auf den Pedalen – ein typischer Tour-Tag, wie es so schön heisst. Du hast keine Zeit für einen Schwatz oder um zum Pinkeln anzuhalten. Und Am Ende noch einmal Windstaffeln. Im Ziel merkte man es: Das Feld ist «tot». Am Ende wurmte mich das ein wenig – dass ich nicht etwas versucht hatte.

Ihre Lieblingsverpflegung im Rennen?

Ich mag Müesliriegel, bin kein Fan dieser chemischen Gels und Stängel. Oder auch mal ein Panino. An einem Tag wie heute schaue ich vor allem, dass ich Sachen nehme, die leicht verdaulich sind. Reisküchlein lasse ich da weg, das würde den Körper nur überfordern. In dieser Hitze kann aber auch nur schon eine Flasche Wasser die beste Verpflegung sein.

Hat Ihr Velo einen Kosenamen?

Nein, es ist mein Arbeitsgerät. Wir haben eine reine Geschäftsbeziehung. Für Streicheleinheiten ist da kein Platz. Zumal es mir ja oft sehr weh tut, wenn ich auf dem Bock sitze.

Was vermissen Sie aus dem alltäglichen Leben?

Am See zu liegen, vielleicht eine Bratwurst in der Hand, etwas Musik, zusammen mit den Kollegen etwas auszuspannen und zu geniessen. Stattdessen geht es auf der nächsten Etappe 185 Kilometer und über vier Alpenpässe.

Warum tragen Sie im Rennen eine Uhr?

Damit ich immer weiss, wie lange es noch geht bis zum Nachtessen. (lacht) Nein, wir haben einen guten Teamsponsor, da trage ich die Uhr gerne. Zudem wird das nach drei Wochen Tour de France ein schönes Bräunungsrändchen geben. Danach werde ich sie erst recht immer tragen, weil es ohne blöd ausschauen würde.

16. Juli

Wie war Ihr Tag?
Es war ein guter Tag, die Beine werden immer besser – oder jene der anderen schlechter. Aber auf einer Etappe wie im Zentralmassiv, wenn es 30 Kilometer vor dem Ziel einen Berg der ersten Kategorie hat, bringt es mir nichts, in die Spitzengruppe zu gehen. Aber wir hatten viele Leute vorne, Damiano Caruso fuhr in die Top 10, das ist gut.

Mit welchem Rennfahrer sprachen Sie heute am längsten – und worüber?
Ein langes Gespräch lag heute nicht drin, easy war es nie. Viel spreche ich mit den Schweizern, mit Alba (Michael Albasini) und Reto (Hollenstein). Aber auch sonst mit vielen. Meist Smalltalk, wie man sich fühlt, wie sehr man sich auf den Ruhetag freut.

Was gönnen Sie sich an diesem?
Das weiss ich noch nicht. Unser Hotel ist etwas ab vom Schuss, das ist etwas schade. Beim ersten Ruhetag waren wir in einem hübschen Städtchen untergebracht. Das Ziel wäre es natürlich, eine Gelateria zu finden, aber das dürfte schwierig werden.

Ihr letzter Traum?
Das war ein lustiger: Ich träumte, unser BMC-Teambus sei geklaut worden. Am Morgen war er zum Glück noch da.

Wie intensiv verfolgen Sie die Tour selber: Schauen Sie sich am Abend die Aufzeichnung an?
Das Rennen kriege ich ja mehr oder weniger mit. Aber zum Beispiel den letzten Kilometer schaue ich mir am Abend gerne noch einmal an – etwa jenen vom Samstag, als mein Teamkollege Greg Van Avermaet Zweiter wurde. Das sind schon Champions, wie die die Rampe zum Ziel raufgesprintet sind, während ihnen das Laktat der Muskeln «zu den Ohren rausläuft». Heute begnügte ich mich mit dem Highlight-Clip.

14. Juli

Wie war Ihr Tag?
Kurz, aber heftig. Nicht der Tag an sich, aber das Rennen. Ich war spät noch in der Massage, weil wir vor und nach der Etappe noch einen Transfer hatten. Wir sind nun doppelt so viel im Auto gefahren wie auf dem Velo. Aber: le Tour est le Tour.

Was haben Sie zuletzt gelernt – als Rennfahrer oder generell?
Dass man eine Stunde vor dem Start nicht mehr zu viel Kuchen essen sollte. Weil so eine kurze Etappe bevorstand, dachte ich, dass es schwierig werde zu essen. Deshalb habe ich kurz vor dem Start alles durcheinandergegessen, Panini und kleine Küchlein, die es bei uns jeweils gibt. Dafür habe ich bezahlt. Während des Rennens konnte ich dann nichts mehr essen, mein Magen sah das nicht so gern. Aber das kommt wieder gut. Das nächste Mal weiss ich es besser. Meine Mutter hat das früher schon immer gesagt: «Nicht zu viel Kuchen essen, sonst wirds dir schlecht.»

Welche Zahlen auf Ihrem Velocomputer behalten Sie im Auge?
Die Power meistens – und den Speed. Auf 100 Kilometern kommt es aber immer ein bisschen auf den Moment an.

Bleibt an der Tour Zeit, Energie und Lust, um anderen Sport zu verfolgen?
Ein bisschen schon, zum Beispiel was Roger Federer in Wimbledon macht. Für Eishockey interessiere ich mich vor allem, da verfolge ich derzeit, was in der NHL für Transfers gemacht werden. Das ist immer spannend mitzuverfolgen.

Was denkt Ihre Mutter, wenn Sie wie ein Irrer die Pässe hinunterblochen?
Sie hat nicht immer Freude daran. Sie hat genug Vertrauen in mich und sagt: «Du weisst, was du tust, und wenn du langsamer fährst, wärst das nicht du».

13. Juli

Wie haben Sie den 12. Tag an der Tour erlebt?
Hart. Von der Länge her glich die Etappe einem Klassiker – nur hatte es noch ein paar Berge drin.

Was hat Sie auf die Idee gebracht, dass auf dieser Bergetappe Ihr Moment gekommen war?
Ich wollte eigentlich gar nicht in die Spitzengruppe gehen und dort Unterschlupf finden. Sondern mein Ziel war es nur, unsere Jungs zu unterstützen, die das versuchten. Plötzlich fuhr ich bei einem Angriff mit – und das war jener, der erfolgreich war. Wir waren eine Zwölfergruppe. Aber die Motivation war nicht sehr gross, weil die meisten wussten, dass sie eh keine Chance auf den Etappensieg haben würden. Du wusstest immer: Wenn sie hinten im Feld den Gashahn aufmachen, schmilzt der Vorsprung schnell und ist bald einmal weg. Trotzdem versuchte ich mich so gut als möglich zu verteidigen. Ich bin eigentlich zufrieden mit meiner Leistung, auch wenn ich jetzt recht kaputt bin. Vielleicht werde ich es morgen bereuen. (lacht)

Ihr bester Moment heute?
Als ich über die Ziellinie fuhr. Am Schluss ging es ewig, besonders die letzten 300 Meter.

Und der härteste?
Das waren eben die Momente direkt davor, in der nahrhaften Schlusssteigung drin.

Was wünscht man sich nach so einem Tag?
Nur noch ins Bett liegen zu können, ein wenig lesen und dann ein guter Schlaf. Heute hatten wir nach der Etappe noch einen langen Transfer, sassen zweieinhalb Stunden im Auto. Nicht gerade das, was man sich wünscht. Aber es ist für alle gleich. Und auch ein Teil der Tour de France. Jetzt freue ich mich auf die letzten Seiten meines Buches. Morgen heisst es dann: Neues Buch, neues Glück.

Tragen Sie täglich dasselbe Trikot – sprich haben Sie ein Lieblingstrikot?
Nein, heute trug ich ein Bergtrikot, der Schnitt und der Stoff ist anders als beim Aerotrikot, das ich sonst jeweils trage.

12. Juli

Wie war Ihr Tag?
Ziemlich langweilig. Im einzigen Moment, in dem etwas hätte passieren können wegen des Windes, hatte sich kurz zuvor ein grosser Sturz ereignet. Da bleibt man fair und macht das Ganze nicht noch chaotischer. Zehn Kilometer vor dem Ziel verfing sich noch ein Draht in meinem Vorderrad, ich musste es wechseln. Das war es aber schon – wieder 200 Kilometer näher an Paris. Nun sind wir in Pau. Was ich gesehen habe, eine schöne Stadt, aber auch das Tor zu den Pyrenäen. Darum heisst es nun: Steigeisen auspacken.

Sie teilen sich nun seit eineinhalb Wochen das Zimmer mit Danilo Wyss. Was hat er für Marotten?
Kaum welche. Ausser: Er geht früh ins Bett – was nicht so schlecht ist, wenn man weiss, dass Schlaf die beste Erholung ist.

Und Ihre?
Hm, da kommt mir nichts in den Sinn. Was Danilo bemerkt hat, sind die Basler Leckerli, die ich im Koffer habe, ich erhielt sie von einem alten Radjournalisten. Natürlich gebe ich ihm ab und zu eines – wir sind ja Zimmerkollegen.

Was passiert gerade in Ihrem Buch?
Ich lese «Lila, Lila» von Martin Suter – und leide mit dem Protagonisten mit, der ein Manuskript als sein eigenes ausgibt

11. Juli

Wie war Ihr Tag?
Heute war eine Bummelfahrt durch die Dordogne. Es war einer jener Tage, in denen man als Rennfahrer wirklich etwas von der Gegend sieht. Ich hatte noch nie von der Region gehört, muss aber sagen: Sie ist wunderschön. Mit Schlössern, kleinen Dörfern, grüner Landschaft. Dazu ein angenehmes Tempo im Feld. Zügig, aber nicht hart. Zudem ein Tag ohne Stress: Bislang mussten wir uns immer um unseren Leader Richie Porte kümmern. Die Aufgabe fehlt nun nach seinem Aus.

Wo fahren Sie am liebsten im Feld?
An so einem ruhigen Tag wie heute eher im hinteren Drittel. Und im Finale dann natürlich möglichst weit vorne. Weil dort die Post abgeht.

Was hatten Sie in Ihrem Verpflegungsbeutel?
Da hat es immer dasselbe drin: Reisküchlein, Energieriegel und -gels, eine kleine Dose Cola und zwei Bidons – nichts, worauf man sich freuen könnte. Heute gönnte ich mir aber sonst etwas: Neben unserem Hotel hatte es eine Bäckerei. Also trank ich da meinen Kaffee vor dem Start, dazu gabs eine Leckerei aus der Patisserie.

8./9. Juli

Wie war Ihr Wochenende?
Eine harte Sache, läck du mir, vor allem der Sonntag: steile Anstiege und gefährliche Abfahrten. Es war heavy, die normalen Leute freuen sich auf das Wochenende, wir Velofahrer in diesem Fall weniger. Wir freuen uns dafür nun auf den Ruhetag, unser Wochenende.

Was war das beste Nachtessen in Woche 1?
Das war am Samstag. Ich habe den Koch gefragt, ob er einmal Polenta kochen könne, am Samstag hat er es gemacht. Dazu gab es auch noch Sweet Potatoes und ein gutes Dessert. Genau das, was wir brauchen nach einem harten Tag.

Was sahen Sie, als Sie am Sonntagmorgen aus dem Fenster schauten?
Regen, dazu den Lac des Rousses und die Schweiz, unser Hotel war 500 Meter von der Grenze entfernt. Hinüber ging ich nicht, Schweizer Boden betrete ich erst wieder, wenn der ganze Spass in Frankreich vorbei ist.

Haben Sie einen Tick, was Ihre Ausrüstung angeht?
Bei den Brillen schaue ich schon, welche ich anziehe – da bin ich fast ein bisschen abergläubisch.

7. Juli

Wie war Ihr Tag?
Heute war es recht mühsam, weil es ziemlich windig war. Darum mussten wir ständig vorne fahren, um sicher nicht von einer Windkante oder einem Sturz überrascht zu werden. Das ist ziemlich ermüdend – auch wenn es im Fernsehen nicht so rüberkommt. Die ersten zwei Stunden dieser 200-Kilometer-Flachetappen sind vielleicht locker, dann muss man aber voll konzentriert sein. Dazu die Hitze – am liebsten würde ich während der Massage jeweils einschlafen. Heute hatte ich aber den ganzen Tag etwas, worauf ich mich freuen konnte: Ich hatte unseren Busfahrer gebeten, für uns Fahrer im Ziel Glace zu organisieren. Das ist erstens gut für die Erholung, mit dem Zucker und den Milchprodukten drin. Und zweitens und vor allem: Es ist kalt.

Wie vertreiben Sie sich die Zeit, wenn Sie im Bus zum Start fahren?
Ich lese viel. Momentan gerade ein ziemlich spannendes Buch, «Goldstein» heisst es, von Volker Kutscher.

Und nach dem Rennen, zum Hotel?
Mit Essen und Trinken. Jeder nimmt sich, was er will. Oft fahren wir dann mit dem Auto statt mit dem Bus, weil das schneller geht. Manchmal lese ich noch online nach, wie die Etappe verlaufen ist und räume meinen Platz etwas auf für den nächsten Tag.

6. Juli

Wie war Ihr Tag?
Es war heiss. Ich fühlte mich wie ein Güggeli, das auf dem Spiess am Grill gedreht wird. Mein Velocomputer zeigte den ganzen Tag 40 Grad an. Die Hitze kommt von unten und von oben, voll auf den Kopf. Und das während 226 Kilometern.

Wie viele Bidons tranken Sie?
Sicher 20, wenn nicht noch mehr. Am Schluss hätte ich gut noch mehr gebrauchen können – ohne dass ich einen über den Kopf geschüttet hätte. Und das auf einer Etappe von fünf Stunden. Normal wären ein bis zwei Bidons pro Stunde...

Was mögen Sie bei der täglichen Massage – und was geht gar nicht?
Ich bin bei Soigneur Fritz. Der macht das tipptopp, spürt genau, wo ich kleine Wehwehchen habe, wo es mal ein Sälbelein braucht oder eine zusätzliche Behandlung. Was gar nicht geht, ist, wenn einer nur streichelt, sich nicht getraut, richtig in die Muskeln reinzudrücken. Streicheln lasse ich mich lieber von meiner Freundin. (grinst)

5. Juli

Wie war Ihr Tag?
Er war quasi eine Hommage an die Trofeo Baracchi, ein früheres Paarzeitfahren in Italien. Zusammen mit Michael Schär fuhr ich fast den ganzen Tag an der Spitze des Feldes, weil unser Leader Richie Porte heute gute Chancen hatte.

Welches Lied lief Ihnen zuletzt den ganzen Tag nach?
Zum Glück keines! Obwohl unser Buschauffeur genau das geplant hatte. Er spielte uns vor dem Start den neusten Youtube-Hit eines Chinesen vor: Pen Pineapple Apple Pen.

Wo wären Sie jetzt am liebsten?
An einem See, mit einer Glace und einem Bier in der Hand. Die Glace hoffe ich noch auftreiben zu können. Verdient habe ich mir sie heute definitiv.

Wann ist die Tour als Thema tabu?
Wenn ich mit meiner Familie oder der Freundin telefoniere. Wir wissen uns andere Dinge zu erzählen. Es tut gut, da aus diesem Zirkus ausbrechen zu können.

Wie erkennen Sie Ihr Teamfahrrad – ohne Blick aufs Namensschild?
Zuerst schaue ich jeweils auf die Grösse des Velos und die Sattelhöhe. Dann bleiben nur noch Schär und ich übrig, und wir fahren nicht das gleiche Sattelmodell – voilà.

4. Juli

Wie war Ihr Tag?
Ganz okay. Es ging entspannt los, das war schön; endlich fand ich einmal etwas Zeit, um mit anderen Fahrern zu plaudern. Danach hiess es wieder: an die Arbeit, auf unseren Captain Richie Porte aufpassen, ihn durchs Feld pilotieren.

Was gab es zum Frühstück?
Menü 1: Porridge mit etwas Beeren, danach eine Omelette mit etwas Schinken. Das war es schon, weil man davon ausgehen konnte, dass die Etappe nicht so hart würde – und ich entsprechend keine Berge von Essen reinschaufeln musste.

Der härteste Moment diesmal?
Eigentlich fast dieser jetzt, nach der Etappe, im Hotel: Ich würde am liebsten in den Swimmingpool springen. Aber nein, ich lagere stattdessen seriös die Beine hoch und warte aufs Nachtessen.

Eine Entdeckung am Streckenrand?
Irgendwo gab es eine unglaublich schöne Kathedrale. Aber wo das war? Vielleicht in Metz? Die war riesig, beeindruckend. Man hat also durchaus auch Zeit, Frankreichs Landschaft anzuschauen.

Gibt es am Fahrertisch eine Sitzordnung?
Nein, jeder setzt sich, wo noch ein Platz frei ist.

3. Juli

Wie war Ihr Tag?
Ich habe wieder einmal begreifen müssen, dass die Tour nicht irgendein Kirmesrennen ist. Da wird dir nichts geschenkt, kein Platz, nie, egal ob 10 oder 50 Kilometer vor dem Ziel. Es war ein Riesenfight. Ansonsten war ich froh, dass es erstmals nicht regnete. Bei der Schlusssteigung musste ich dann feststellen, dass all das Zeitfahrtraining auf der Fläche schon seine Spuren hinterlassen hat und so ein Bergaufsprint eine ganz andere Belastung ist.

Worüber haben Sie sich zuletzt genervt?
Nicht direkt genervt. Aber: Greg Van Avermaet musste nach der Etappe zur Dopingkontrolle, darum packte der Busfahrer seinen Koffer. Und weil meine Trainerhosen über seinen Sitz gelegt waren, stehe ich jetzt ohne Hosen da. Mal schauen, wie ich in Unterhosen vom Bus ins Hotel gelangen werde.

Ihr Hotelbericht?
Super war es. Wir waren im Hotel unseres Sportlichen Leiters Valerio Piva untergebracht. Endlich schlief ich mal gut.

Haben Sie im Team einen Übernamen?
Wenn es einen gibt, dann King Küng. Aber der wird selten gebraucht.

Wie viele der 198 Tour-Fahrer kennen Sie persönlich?
Vielleicht ein Viertel? An der Tour sind es eher weniger, weil hier vor allem die älteren, arrivierten Fahrer dabei sind.

1./2. Juli

Wie waren Ihre ersten beiden Tour-Tage?
Die waren eigentlich ganz okay. Sicher sehr abwechslungsreich. Mit der ersten Etappe, als ich als Zweiter ganz vorn in die Spitze reinfuhr, zwar knapp am Sieg vorbei – aber doch eine gute Leistung zeigte. Am Sonntag standen enorm viele Leute entlang der Strecke. Aber mit dem Regen und dem Wind war die ganze Etappe doch recht hektisch. Ich ging ebenfalls zu Boden, als mein Captain Richie Porte, Chris Froome, Teamkollege Michael Schär und andere stürzten. Es war in einem Kreisel, äusserst rutschig. Die Vordersten im Feld waren zu schnell hineingefahren, dahinter hast du da keine Chance. Ich habe aber mal gehört, dass zu jeder Tour de France ein Sturz gehört. Den habe ich damit schon hinter mir – gemacht hat es mir nicht viel.

Wie fühlt es sich an, das weisse Trikot des besten Jungprofis statt das gewohnte Teamtrikot von BMC zu tragen?
Es ist sehr cool, vor allem darf ich dank des Trikots bei der Siegerehrung aufs Podest steigen. Das ist hier an der Tour schon noch einmal etwas anderes: mit der ganzen Aufmerksamkeit, all den Leuten. Das ist sicher etwas, das mir sehr viel Motivation gibt. Ein super Erlebnis, die Tour de France so anfangen zu können.

Sie sind ein Bücherwurm. Was passiert gerade in Ihrem Buch?
Mein Buch... Ich glaube, ich gebe es auf, es ist sehr komisch geschrieben, unter der Gürtellinie, verstörend. Ich werde wohl ein Neues anfangen. Und dieses in den nächsten Abfallkübel werfen.

Wie viele Stunden schliefen Sie in der Nacht auf Sonntag?
Ich schlief nicht gut. Was bei mir normal ist: Im Rennen nimmt man Koffein, um hellwach zu sein – und geht dazu spät zu Bett. Hoffentlich wird es diese Nacht besser. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.07.2017, 18:53 Uhr

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