Lance Armstrongs kontroverser Abschied vom Leben als Betrüger

Der frühere Radstar verdiente auch dank Doping über 100 Millionen Dollar. Nun kaufte er sich vergleichsweise günstig frei.

Kann wieder vorwärts blicken: Der ehemalige Radstar Lance Armstrong.

Kann wieder vorwärts blicken: Der ehemalige Radstar Lance Armstrong. Bild: Michael Paulsen/Keystone

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Als das alte, hässliche Leben von Lance Armstrong endete und sein neues, freies begann, schickte er bloss einen Pfeil mit einem Wort daneben um die Welt. «FORWARD» schrieb er – vorwärts. Beides zusammen schien eine etwas gar kryptische Botschaft nach diesem monumentalen Ereignis in seiner Vita zu sein. Letzte Woche hatte das US-Justizministerium nämlich einen Deal mit ihm öffentlich gemacht, den er seit Jahren anstrebte.

Für 6,65 Millionen Dollar konnte sich der 7-fache Sieger der Tour de France quasi von seiner Vergangenheit als Doper freikaufen. Es war der finale Rechtsstreit aus seinem Sportlerleben, der sich wie alle anderen aus seiner Zeit als systematischer Betrüger ergeben hatte – und sich über acht Jahre hingezogen hatte.

Es drohte eine saftige Busse

Erst dieser Deal ermöglicht Armstrong und seiner Familie nun ein sorgenfreies, neues Leben. Denn hätte dieser Streitfall vor Gericht geendet und hätte er verloren, wäre er mit bis zu 100 Millionen Dollar gebüsst worden.

Zwar verdiente sich Armstrong im Sport auch dank seiner Betrügereien über 100 Millionen. Rund ein Drittel davon aber hatte er bereits für weitere Schlichtungen und Anwaltskosten ausgeben müssen. Bei einer Niederlage vor Gericht wäre der Texaner wohl bankrottgegangen. Mit diesem Wissen wirken ein Pfeil und ein schlichtes «vorwärts» erst einmal ziemlich mickrig.

Wer sich jedoch mit dem neuen Lance Armstrong beschäftigt, erkennt darin mehr als ein Piktogramm samt Wort – und auch, dass der 46-Jährige eines noch immer ist: Geschäftsmann. Der Pfeil steht für seine neue, kleine Firma.

Die Kritiker finden, Armstrong werde viel zu milde bestraft

Zu seinen besten, erfolgreichsten Zeiten rund um die Jahrtausendwende war Armstrong schliesslich keineswegs nur eine grosse Nummer des Sports und ein Topverdiener. Armstrong hatte es verstanden, sich zu einer globalen Marke zu radeln. Seine Biografie half dabei: Sohn einer lange alleinerziehenden Mutter wird Radprofi und Weltmeister, erkrankt an Krebs, steht kurz vor dem Tod und schafft eine mirakulöse Auferstehung, dank der er zum erfolgreichsten Pedaleur aller Zeiten wird – ehe er 2013 in Amerikas meistgeschauter TV-Show zugibt, bei allen Erfolgen gedopt gewesen zu sein.


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Sein Leben fällt wie ein falsch gekochtes Soufflé zusammen: Die Sponsoren springen ab. Seine Krebsstiftung Livestrong entfernt ihn wie einen gefährlichen Erreger. Freunde und Bekannte ignorieren ihn. Sämtliche Tour-Siege werden ihm aberkannt und er wird lebenslang von allen Radsportevents ausgeschlossen. Dazu kommen zahlreiche Klagen von Mitstreitern, die von ihm betrogen wurden.

Sein Leben, in aller Kürze nacherzählt, verläuft nach seiner Überführung folglich im Zickzack. Dafür steht der Pfeil, dessen Schwanz in einem solchen Zickzack zur Spitze verläuft. Aber: Bei allen Turbulenzen, Armstrongs Leben geht weiter, vorwärts. Darum also dieses FORWARD. Viele brechen zwar mit ihm, er aber zerbricht nicht an dieser monumentalen Zäsur seines Lebens. Ja er kommt mit dieser finalen aussergerichtlichen Einigung scheinbar derart gut weg, dass seine vielen Kritiker aufschreien.

Sie monieren: Darf es wirklich sein, dass der grösste überführte Betrüger des Radsports, den auch seine Mauscheleien derart reich machten, mit einer so kleinen finanziellen Abbitte davonkommt? Kann es mit anderen Worten sein, dass Lance Armstrong als Multimillionär in den nächsten Lebensabschnitt gleiten kann? Und letztlich: Wird mit diesem Deal nicht gerade offenbart, dass sich der Betrug im Sport lohnt oder sich wenigstens für Armstrong lohnte?

Umdenken der Juristen

2012, 14 und 17 versuchte er bereits, diesen für ihn fundamentalen Deal mit der US-Staatsanwaltschaft zustande zu bringen. Jedes Mal lehnte sie ab. Warum die Bundesjuristen dieser Einigung nun zustimmten, bleibt ihr Geheimnis. Zwar verfassten sie eine lange Mitteilung. Die Gründe aber klammerten sie aus. Man kann darum nur spekulieren, was sie dazu brachte. Glauben sie, festgestellt zu haben, dass Armstrong endlich und aufrichtig bereut?

Als ihn die Behörden nämlich zu verfolgen begannen, reagierte er im einzigen Modus, den er kannte und beherrschte: der Konterattacke. Er leugnete jegliche Manipulation und klagte, mobbte Leute, die es wagten, ihm entgegenzutreten. So hatte es Armstrong schliesslich über all die Jahre als erfolgreicher Sportler stets gehalten.


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Als er dann in der Show von Oprah Winfrey 2013 beichtete, wirkte er unglaubwürdig. Man nahm ihm das «Sorry» keine Sekunde ab. Er sagt mittlerweile, dass er damals einfach Ruhe haben wollte. Erst seit kurzem begreife er wirklich, was er alles angerichtet und vielen angetan habe. Einige Personen, deren Existenzen er zu zerstören versuchte, haben ihm dennoch verziehen.

Beispielsweise seine frühere Masseurin Emma O’Reilly. Eine «alkoholsüchtige Hure» brandmarkte Armstrong sie, nachdem O’Reilly begonnen hatte, über seine Machenschaften zu reden. Nach dem jüngsten Urteil twitterte sie: «Ich bin erfreut, konnte Lance seinen Fall abschliessen. Es ging in seiner Causa nie darum, den Sport zu reinigen, sondern dass sich einige profilieren konnten.» Gar das Vorwort ihrer Biografie verfasste Armstrong.

Existenzen versucht zu zerstören

Der Bruch mit Kathy und Greg LeMond hingegen ist geblieben. Der 3-fache Sieger der Tour de France und seine Frau zählten früh schon zu seinen ärgsten Kritikern. Armstrong versuchte ihre Existenz zu zerstören, deckte sie mit Rechtsstreits ein, welche die LeMonds rund vier Millionen kosteten. Zu einer Versöhnung ist es nie gekommen.

Obschon sich Armstrong anderen gegenüber auch finanziell kulant zeigte, hat er sich beim Ehepaar LeMond weder entschuldigt noch sonst grosszügig gezeigt. Er sagt bloss, gelernt zu haben, dass man ihn entweder möge oder hasse. Und dass er verstehen könne, wenn man ihm sein Verhalten niemals verzeihen könne.

In seinen Interviews wirkt Armstrong witzig und smart

Er wiederum hat sich neu ausgerichtet. Als begnadeter Interviewer hat er sich inzwischen einen Namen gemacht. Er bittet jede Woche einen Prominenten zum Gespräch. In seinen Podcasts, aufgenommen meist an seinen Wohnsitzen in Austin oder Aspen, zeigt er sich witzig, intelligent. Vor allem kann er nun gut zuhören.

Um den Radsport gehts dabei fast nie. Trotzdem ist er zu ihm zurückgekehrt. Im letzten Jahr talkte er während der Tour de France täglich über das Rennen. Selbst seine Kritiker attestierten ihm, einen tollen Job gemacht zu haben. Nun reist er zum Giro, der nächste Woche in Israel beginnt. Zwar haben die Organisatoren nach dem Bekanntwerden klargemacht, dass einer wie er niemals in offizieller Funktion dabei sein könne, aber das ficht Lance Armstrong nicht an.

Finanziell erfolgreich

Er kann auch als Radtourist seiner wiederentdeckten Passion nachgehen. Zumindest nach aussen nimmt er sein Dasein als Aussenseiter ziemlich cool, auch weil er es sich finanziell leisten kann: Er hat sein Geld gewinnbringend angelegt, besitzt zwei Veloläden und werkelt an einer Plattform für informelle Ausdauerevents.

Im Herzen ist er ein Wettkämpfer geblieben, jedoch kein fanatischer mehr. Nach seinen Events, einem Bike- und einem Strassenrennen, gibts Bier und Lagerfeuerstimmung. Er gibt dabei den Chef-Festbruder – ordentlich durchtrainiert, mit grau meliertem Haar und zerfurchtem Gesicht. Attraktiv sieht der einst Superdünne aus. Diese zwei Rennen nutzen auch ihm, schliesslich ist er weiter von allen anderen Radwettkämpfen ausgeschlossen.

Der Radsportpräsident will Armstrong nicht in der Familie

Diese Coolness, die Armstrong als Athlet wegen seiner Verbissenheit abging, fehlt auf der Gegenseite zuweilen. Als der Organisator der Flandern-Rundfahrt verkündete, Lance Armstrong als Gast und Referent einzuladen, schickte ihm der Präsident des Internationalen Radsportverbands eine geharnischte Botschaft. David Lappartient fand, dem Radsport sei mit der Wiederaufnahme von Armstrong in den Familienkreis alles andere als gedient. Unter Protest sagte Lappartient seinen Besuch darum ab. Auch Armstrong fehlte letztlich, offiziell aus familiären Gründen.

So geläutert sich Armstrong in vielen Facetten gibt, von einer Auffassung ist er über all die Jahre nie abgewichen: dass er der Beste seiner Zeit war. Denn alle hätten damals gedopt, er sei schlicht professioneller gewesen – im Dopen, aber auch in allen anderen Bereichen des Radsports. Darum fühlt er sich noch immer gekränkt, wenn er hört, nur dank Doping so weit gekommen zu sein.

In der Opferrolle

Seine Einschätzung dürfte zwar stimmen, führt aber dazu, dass er sich weiter auch als Opfer betrachtet. Nach seinem Verständnis wurde er nämlich zum Vorzeige-Aussätzigen, während sehr viele seiner ebenfalls betrügenden Gegner straf- und bussfrei davonkamen.

Dabei sieht er sich als Produkt seiner Zeit. Als er überzeugt war: dope oder bleibe chancenlos. Dass er damals eine Wahlfreiheit besass, also den Radsport hätte verlassen können, blendet er bis heute aus – und macht ihn auch als neuen Lance Armstrong weiter zu einer kontroversen Figur. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.04.2018, 20:14 Uhr

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