Flandern erfahren

Der Norden Belgiens definiert sich über den Radsport wie kaum eine andere Gegend der Welt. Die Liebe für die Zweiräder geht hier durch alle Schichten. Rennen und Bier eint sie.

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Den Treffpunkt unter der Adolphe-della-Faillelaan-Brücke muss man kennen. Es gibt weder ein Schild noch sonst ­irgendeinen Hinweis. Doch innert weniger Minuten tauchen am Dienstagmorgen kurz vor neun unzählige Rennvelofahrer auf. Wenig später fahren sie los, niemand hat ein Kommando gegeben. Es ist eine schweigende Übereinkunft. So funktioniert die Institution Scheldepeloton, ohne Anmeldung, Führer oder feste Organisation. Es gibt nur eine ­Regel: Um neun Uhr ist Abfahrt. Seinen Namen hat das Peloton von der Schelde, auf deren Damm die Rennvelofahrer nun Tempo aufnehmen und sich Richtung Oudenaarde verabschieden, 20 Kilometer flussabwärts.

An diesem grauen Morgen sind es rund 30 Hobbysportler. Im Sommer fahren manchmal weit über 100 Leute mit. Es sind primär Männer, aus jedem ­Alterssegment. Müssen die denn nicht arbeiten? «Das ist Belgien!», gibt Jan Wallaert lachend zur Antwort. Seine Arbeitsschicht beginnt heute erst am Nachmittag, an solchen Tagen fährt er mit.

Weihnachten im Frühjahr

Das Tempo ist mit durchschnittlich 35 Stundenkilometern ziemlich sportlich. In Oudenaarde wird gewendet, auf der anderen Kanalseite geht es zurück nach Gent – und dort auf die zweite Runde. Nach gut zwei Stunden ist der Spass vorbei. Ausser an manchen Tagen, wenn sich ein paar lokale Profis dazugesellen: Dann werden schon mal Stundenmittel von über 40 km/h angeschlagen.

Das Scheldepeloton ist nur ein Beispiel für die Passion, die die Flamen für den Radsport aufbringen, für den Radrennsport, um genau zu sein. Das Frühjahr ist für sie wie Weihnachten, dann stehen ihre Kopfsteinpflaster-Helden im Zentrum. Im Sommer geht es weiter mit der Tour de France, im Herbst folgt die Strassen-WM und im Winter, wieder praktisch vor der Haustüre, die unzähligen Radquers, allesamt mit Volksfestcharakter.

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Nie wird der Radpassion aber intensiver gefrönt als im Frühling, an den vielen grossen und kleinen Eintagesrennen, die sich in Flandern abspielen. Es ist der nördliche Teil Belgiens, knapp ein Drittel so gross wie die Schweiz.

Die Saison beginnt im Februar mit Het Nieuwsblad und endet heute mit dem Scheldepreis. Natürlich zählt Paris–Roubaix vom Charakter her auch noch dazu, aber es findet halt jenseits der Grenze statt.

Der Scheldepreis ist ein Rennen für die Sprinter, bei dem all die bösen Hügelchen und Rampen ignoriert werden. Für die Belgier hat das Rennen eine ähnliche Bedeutung wie der Aschermittwoch bei der Fasnacht. Es ist der letzte Akt, danach folgt die Fastenzeit.

Zugleich ist der Scheldepreis wegen des namengebenden Flusses eine schöne Klammer um die Saison. Unweit des Schelde-Ufers in Oudenaarde endet auch die Flandernrundfahrt. Hier ist ebenso das Museum des Rennens beheimatet, es ist die erste Anlauf- und Pilgerstätte für Frühjahrsklassiker-Reisende. Wer sich etwas Besonderes «gönnen» will, nimmt sich im Flandern-Veloguide die nach Fabian Cancellara benannte Spartakus-Route vor, die über 181 Kilometer, 2000 Höhenmeter und 18 dieser fiesen Rampen führt. Auch sie hat ihr Ziel in Oudenaarde.

Museeuws Schiebepremiere

Es scheint, als ob alle Radwege hierher führten. Vergangenen Samstag etwa nehmen 16 000 Teilnehmer der Volks-Flandernrundfahrt den Weg nach Oudenaarde auf sich. Die 100. Ausgabe will niemand verpassen. Von den Hobbyfahrern erachtet nur ein ganz kleiner Prozentsatz das Rennen als Rennen. Für das Gros ist die Teilnahme eher eine Prozession. Fast schon ein integraler Bestandteil ist die Laufpassage am Koppenberg, dem trügerischsten aller Hellinge. Die Gasse ist so schmal und steil, dass auch Könnern nichts anderes bleibt, als abzusteigen: Wenn die Pflastersteine rutschig sind, oder wenn vor ihnen jemand absteigen muss. Den Beweis tritt der dreifache Flandern-Sieger Johan Museeuw in der Woche vor dem Rennen an. Mit einer Gruppe geladener Gäste dreht «der Löwe von Flandern» eine Runde, oben am Koppenberg stösst an diesem nassfeuchten Tag auch er sein Hightechrennrad. Wie oft ihm das schon passiert ist? Museeuw hält einen Moment inne und überlegt. «Wenn ich ehrlich bin: noch nie», sagt er und muss lachen.

Museeuw ist ein angenehmer Begleiter, fast noch motivierter für Selfies als die Teilnehmer, und nie um einen Spruch verlegen. Oben an jeder Kopfsteinrampe wird auf die ganze Gruppe gewartet. Es ist jeweils sehr still, nur das schwere Atmen jedes Einzelnen ist zu hören. «Es ist euch schon erlaubt zu sprechen», presst Museeuw heraus, als er ankommt, und sorgt für Gelächter.

Die Gruppe Velofahrer, welche der einstige Classique-Dominator begleitet, gehört zu den ausgewählten 100, welche am Sonntag zur Jubliäumsfeier vor den Profis 100 Kilometer auf dem abgesperrten Rennparcours zurücklegen dürfen. Nicht auf irgendwelchen Mieträdern. Sondern auf der neusten Errungenschaft aus der Eddy-Merckx-Velofabrik. Von der Ausfahrt bleibt vor allem der Schlusscircuit in Erinnerung. Am Oude Kwaremont sind die Profis schon zweimal vorbeigefahren, als die Hundertschaft von Hobbyfahrern diese längste Steigung in Angriff nimmt. Entsprechend gut ist bereits die Stimmung im Publikum, die Geräuschkulisse ist enorm, das Kopfkino startet, wie sich das wohl für die Besten anfühlt, hier durchzubrausen?

Goldschmied für Stahlrahmen

Irgendwo am Streckenrand schaut auch Diel Vaneenooghe dem Rennen zu, doch sein Wunsch geht nicht in Erfüllung. Unter der Woche erzählt der Mit-Dreissiger im Dorfcafé von der Hoffnung, dass es Tom Boonen noch einmal richten würde. Es bleibt beim Wunsch, der Alt-Star beendet die Ronde als 15.

Vaneenooghe baut Velorahmen, seine Werkstatt in Ruislede liegt mitten im Renngebiet. Pardon, er nennt es ­Atelier, doch mit den Vorstellungen eines Ateliers hat die Produktionshalle von Jaegher, so heissen seine Fahrräder, wenig zu tun. Das Gebäude liegt in einem Hinterhof, man riecht beim Eintreten sogleich, womit hier gearbeitet wird: mit Stahl. Dass Vaneenooghes Schweissnähte als besonders fein gelten, kommt nicht von ungefähr. Er ist gelernter Goldschmied, führt das Unternehmen in vierter Generation.

Die Kunden kommen zu Jaegher, weil sie sich etwas Spezielles wünschen, einen Stahlrahmen, exakt auf ihre Körperproportionen ausgemessen. Früher war das anders. Vaneenooghes Grossvater fertigte Rahmen für die Grossen jener Zeit, Eddy Merckx etwa kam regelmässig vorbei, pro Saison orderte er bis zu zehn Stück.

Mittlerweile produziert Vaneenooghe 100 bis 120 Rahmen, die kompletten Rennvelos kommen auf 5000 bis 6000 Euro zu stehen, die Schweizer gehörten zu seinen besten Kunden, sagt er mit einem Lächeln. Der Rahmenbauer preist die praktischen Aspekte seiner Fahrräder – Stahl dämpft, ist dadurch komfortabel, aber trotzdem steif. Ebenso die ­ästhetischen: «Stahlvelos sind lautlos.» Das schätze übrigens auch Museeuw, erwähnt Vaneenooghe beiläufig. Doch der müsse halt oft andere Räder fahren – wegen Sponsorenverpflichtungen.

Vom Radmythos Flandern profitieren die verschiedensten Geschäftszweige. Einen enormen Aufschwung hat etwa die Kwaremont-Brauerei erfahren, mittlerweile einer der Hauptsponsoren der Flandernrundfahrt. Sie hat ihr Produkt konsequent an das Rennen angelehnt. So hat das Bier 6,6 (Volumen-)Prozent – genau gleich viel wie die Steigung.

Der Aufschwung des Kwaremont-Biers hängt auch mit der Streckenänderung zusammen, die 2012 vorgenommen wurde. Seither ist der Oude Kwaremont das Herz des Rennens, dreimal brettern die Profis diesen Hügel hoch, auch weil es hier genug freie Flächen für die lukrativen VIP-Zelte hat. Etwas verbindet die Fans drinnen und draussen: ihre Getränkevorliebe.

Im neuen Parcours hatte dafür die alte Ikone des Rennens keinen Platz mehr: Die Muur von Geraardsbergen. Es passt darum, dass Diederik Degryse auf diesen Ort als Treffpunkt kommt. ­Degryse ist ein Radnostalgiker, seine ­Geschichte wäre in kaum einem anderen Land denkbar als in Belgien. Vor einem Jahr quittierte der studierte Ingenieur nach zehn Jahren seinen Job bei HP. Einst hatte er Gefallen an alten Rennvelos gefunden und begonnen, diese zu sammeln. Dann ging der Fimmel über auf alte Wolltrikots. Dabei stiess er auf seine Geschäftsidee. ­«Gewisse berühmte Trikots sind heute kaum mehr erhältlich, obwohl die Nachfrage enorm ist», sagt Degryse, in ­dessen Wohnzimmer ein gerahmtes Merckx-Originaltrikot hängt. 800 Euro hat er dafür bezahlt. «Kürzlich wurde in England ein solches für 5000 verkauft. Ich gäbe meines trotzdem nie her», sagt er.

Faema, Molteni, Brooklyn

Degryse startete Magliamo und produziert unter diesem Namen möglichst identische Kopien aus Merinowolle. Natürlich gehören die alten Merckx-Trikots von Faema und Molteni zu den Verkaufsrennern, ebenso das Brooklyn-Jersey von Roger De Vlaeminck. «Ich möchte modische Bekleidung für Radfans machen», sagt der Jungunternehmer, der zugibt, dass er oft am liebsten drei Schritte auf einmal machen würde. Um mit seiner Geschäftsidee durchzustarten, gibt er sich zwei Jahre. «Ich habe in den vergangenen Monaten schon viel gelernt», sagt er. Die Trikots verkauft er praktisch ausschliesslich online, so kann er sie mit 99 Euro viel preiswerter anbieten als die Konkurrenz.

Am Sonntag plant Degryse wie Tausende andere Fans, zu den Pavé-Sektoren von Paris–Roubaix zu pilgern. ­Natürlich wird er eines seiner Trikots tragen, aber ganz ohne Hintergedanken. Denn: «Ich finde, sie schauen einfach gut aus.»

Der Autor bestritt den Jubiläums-Fanride auf Einladung von Visit Flanders.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.04.2016, 23:36 Uhr

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