Quantensprung mit Quarterback

Die guten TV-Quoten beweisen: Football kommt im deutschsprachigen Raum in Mode. Sogar Fachliteratur wird lukrativ.

Bruchlandungen gehören dazu, wenn die schweren Jungs der National Football League um Playoffruhm kämpfen. Im Achtelfinal streckten sich die Carolina Panthers von Greg Olsen vergebens gegen Ken Crawley (20) und die New Orleans Saints. Foto: AP/Keystone

Bruchlandungen gehören dazu, wenn die schweren Jungs der National Football League um Playoffruhm kämpfen. Im Achtelfinal streckten sich die Carolina Panthers von Greg Olsen vergebens gegen Ken Crawley (20) und die New Orleans Saints. Foto: AP/Keystone

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Der Fernseher war tiefer als breit. Das Bild? Alles, bloss kein HD. Und allzu praktisch waren auch die Videokassetten nicht, die nachtsüber im Rekorder surrten. Vorwärtsspulen im Blindflug. Doch all das war besser als nichts für jemanden, der in den Neunzigerjahren leidenschaftlich nach Nordamerika blicken wollte, um etwas NBA oder NHL mit­zuerleben – oder das damals noch viel exotischere American Football.

DSF hiess der Sender, der damals vereinzelt Spiele der NFL übertrug. Locker konnte man sie sich ein paar Tage zeitversetzt ansehen: Erst ab dem 10. April 1995 trug die Liga ihre Resultate ins World Wide Web hinaus. Der deutsche TV-Sender setzte auf Knalleffekte und Trailer mit Stromgitarrenmusik, die Kommentare waren flapsig und die Sprachbilder schief. In den USA mochte Football längst auf dem Weg gewesen sein, das damals kriselnde Baseball als Nationalsport abzulösen, im deutschsprachigen Raum lautete das Motto der Übertragungen: von Freaks für Freaks.

London zieht die Massen an

Heute kommt Football auch in Europa immer mehr in Mode. Ihren Beitrag dazu geleistet hat die NFL, indem sie seit 2007 regelmässig Meisterschaftsspiele nach London vergibt und mit einer fixen Mannschaft in England liebäugelt. Jede dieser Partien zog mehr als 70 000 Zuschauer an, aus ganz Europa reisten sie jeweils dafür an. 2018 finden erstmals fünf Spiele in drei verschiedenen Londoner Stadien statt (Wembley, Twickenham, New White Hart Lane). Mit den Green Bay Packers soll dieses Jahr die weltweit wohl beliebteste Mannschaft endlich ihr Europadebüt geben, so jedenfalls die Hoffnung.

DIE Szene der ersten Playoffrunde: Tennessee-Spielmacher Marcus Mariota passt sich den Ball selbst zu für einen Touchdown. Video: Twitter

Zur gesteigerten Popularität des US-Sports trug vor allem aber eine bessere ­mediale Verbreitung bei. Abgesehen von Bezahlsendern und Streaming-Angeboten, ist Football heute auch im Free-TV flächendeckend zu sehen. Gerade im deutschsprachigen Raum: Nachdem die NFL-Rechte mehrmals den Sender gewechselt hatten, nahm sich die ProsiebenSat-1-Gruppe ihrer an und vermarktet Football seit 2015 unter dem früheren Fussballlabel «ran».

Die Spiele laufen während der Regular Season vornehmlich auf dem Spartensender Prosieben Maxx. Im Playoff, das am vergangenen Wochenende mit der Wildcard-Runde begann, übernimmt Muttersender Prosieben grösstenteils selbst. Ein Quantensprung für den ­Nischensport.

Zwei Millionen angestrebt

Und das tut der Sender nicht aus reiner Liebe zum Sport, vielmehr sind die Einschaltquoten schlicht gut. Im Schnitt verzeichnen die Partien, die alle auch in der Schweiz zu sehen sind, eine Reichweite von 300 000 Zuschauern, bei besonders attraktiven Spielen sind es mehr als eine halbe Million. Im Playoff werden nun auf dem Hauptkanal Werte im ­Millionenbereich angestrebt, und in der ­Superbowl am 4. Februar in Minneapolis könnte – je nach Paarung – erstmals überhaupt die 2-Millionen-Marke geknackt werden. Als vor knapp vier Jahren das Schweizer Fernsehen einmalig die Superbowl übertrug, ­erzielte es eine durchschnittliche Reichweite von 25 000.

Wie kommt es nun zu diesem ­Zuspruch? Zu Quoten, mit denen Football in Deutschland selbst Handball überflügelt und unter den Teamsportarten zur Nummer 2 hinter Fussball avanciert? «Es ist eine glückliche ­Fügung, dass ein Sender mutig genug war, das Heft in die Hand zu nehmen und das professionell aufzuziehen», sagt Roman Motzkus. Der Footballexperte, einst deutscher Nationalspieler, gehört selber zum Team bei «ran», staunt aber vor allem, wie es den Machern gelungen ist, mit der Einbindung von sozialen Medien junge ­Zuschauer anzuziehen und schnell die Fanbasis zu vergrössern.

Sender setzt auf ausgewiesene Experten

«Das Produkt ist hervorragend verpackt», sagt Motzkus. So setzt der Sender nicht nur auf ausgewiesene Experten wie den 48-Jährigen Berliner, den langjährigen Trainer Patrick Esume oder den früheren NFL-Profi Björn Werner, sondern auch auf ­Typen wie Icke Dommisch, der mit seinem schrillen Stil die Jungen anspricht. Diese Mischung von Sport und aufgedrehter Unterhaltung kommt bei einer zunehmend breiten Masse an.

Dass Football immer mehr interessiert, spürt Motzkus auch bei einem persönlichen Projekt: Seine Autobiografie «Romo 83 – ein deutsches Football­leben» verkauft sich überraschend gut, auch in der Schweiz. Veröffentlicht hat es der Kleinverlag Randbreiten aus ­Essen, fast gleichzeitig mit zwei weiteren Footballbüchern. Verlagsgründer ­Johannes Busley ist überzeugt, dass solche Fachbücher genug Publikum finden, um kommerziell erfolgreich zu sein – er plant auch eines übers Surfen.

Dass es einen Markt für Football­bücher in deutscher Sprache geben könnte, habe er angesichts der Fülle an Blogs und Podcasts geahnt, denen er auf Twitter folgt, sagt Busley. Und durch die ­guten Verkaufszahlen ­seiner Bücher bei Ex Libris sieht er sich darin bestätigt, dass die Community auch in der Schweiz gross ist. Erst kürzlich wurde Roman Motzkus für eine ­Lesung auf der Lenzerheide gebucht. Und mit dem New-England-Fanclub «Swiss Patriots» steht er in Kontakt für weitere Events.

NFL. Playoff. Wildcard-Runde (Achtelfinal): Kansas City - Tennessee 21:22. Los Angeles Rams - Atlanta 13:26. Jacksonville - Buffalo 10:3. New Orleans - Carolina 31:26. – Freilos: New England, Pittsburgh, Philadelphia, Minnesota. – Viertelfinals am kommenden Wochenende: Philadelphia - ­Atlanta, New England - Tennessee (beide Samstag), Pittsburgh - Jacksonville, Minnesota - New Orleans (beide Sonntag). – Superbowl am 4. Februar in Minneapolis. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.01.2018, 00:19 Uhr

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