Geschaffen für die Abfahrt

Beat Feuz ist Favorit im Olympiarennen. Weil er auf seinen geschundenen Körper hört und auf den Ski steht wie kaum ein anderer.

Beat Feuz verrät, was er vor dem Rennen macht. Video: SDA/Tamedia

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Beat Feuz versucht es wenigstens. Er sagt Sätze wie: «Bei vielen war die Sicht schlecht, ich dagegen hatte Sonne.» Oder: «Ich hatte Rückenwind. Wenn das alle haben, können hier 30 Fahrer gewinnen. Es gibt keine Passage, in der es Überwindung braucht.» Und noch: «Bei Svindal schien die Sonne nicht.»

Doch der Versuch, den er nach dem zweiten Training auf der Olympiastrecke unternimmt, scheitert. Der mit der Nummer 7 startende Feuz ist in der Abfahrt in der Nacht auf Sonntag ­Favorit (hier die Startliste). Wie soll es ihm auch gelingen, sich kleinzureden nach diesem Winter? Nach den Rängen 1, 2, 8, 4, 1, 2, 1? Nach Platz 3 bei seiner zweiten Testfahrt? Es ist ein Ding der Unmöglichkeit. Feuz ist derzeit der beste Abfahrer, er fährt wohl so gut Ski wie nie. Das hat seine Gründe.

Erstmals seit sechs Jahren erlebte der 30-Jährige einen Sommer, in dem ihm sein Körper nicht übel mitspielte. Er hat Talent und Gespür wie kaum ein anderer – das ist essenziell nach einem Dutzend Operationen alleine im linken Knie. Und: Er ist wie geschaffen für die Abfahrt.

Klein, mit Bauch – und schnell

Manch einer mag anmerken, dass er nicht der Vorzeigeathlet ist; dass er vielleicht ein Bäuchlein hat; dass er mit seinen 1,72 Metern eher klein gewachsen und damit auch leichter ist als viele Gegner; dass der durchtrainierte Aksel Svindal doch deutlich prädestinierter dafür sein müsste, die Herausforderungen bei hohen Geschwindigkeiten und unruhigen Pisten zu meistern. Nur: Wie Feuz auf den Ski steht, das sucht seinesgleichen. Kaum ein Wackler, kein Schlag, der ihn irritiert, kein Sprung, der ihn sonderlich beeindruckt, den Kugelblitz aus dem hinteren Emmental. «Er steht immer zentral über den Ski», sagt Manfred Widauer, seit vier Jahren Feuz’ engster Betreuer auf der Piste. Wegen seiner Körpermassen liegt der Schwerpunkt tiefer, er fährt in der Hocke, wenn andere sich längst aufrichten müssen. «Sehr ökonomisch» nennt Widauer die Fahrweise von Feuz. Das kommt dem ­geschundenem Körper entgegen.

Feuz hat über die Jahre gelernt, auf diesen zu hören, mit seinen Kräften hauszuhalten. In den ersten Trainings ist er kaum je der Schnellste. In Südkorea war er am ersten Tag Fünfzehnter, am zweiten Dritter. Bei der dritten Testfahrt fuhr der Berner die letzten 30 Sekunden aufrecht – bei der letzten Zwischenzeit war er der Schnellste.

Video - Beat Feuz nimmt es locker

Die letzte Trainingsfahrt des Emmentalers vor der Olympia-Abfahrt vom Sonntag. Video: SDA/Tamedia

Feuz sagt: «Ich kann es so steuern, dass es meinem Knie am Renntag gut geht. Wenn ich nach dem ersten Training mehr Schmerzen im Knie habe als üblich, dann kämpfe ich beim zweiten nicht um die Bestzeit. Ich konzentriere mich dann nur auf die Passagen, in denen ich Verbesserungspotenzial sehe.» Es wirkt.

So gut, dass er Leader ist in der Abfahrtswertung, erstmals könnte er eine Kristallkugel gewinnen. Als Andy Evers, der neue Speedchef der Schweizer, schon im letzten Sommer davon sprach, «der Beat» müsse mit seinen Anlagen doch eigentlich den Abfahrtsweltcup für sich entscheiden, da fand das der Beat nicht allzu toll. Wegen des frühen Zeitpunkts – und eben: wegen seines Knies.

Doch Feuz beweist derzeit eindrücklich, wie viel er richtig gemacht hat auf seinem Weg zurück seit der schlimmen Entzündung 2012. Wie sehr er es versteht, nur dann zu forcieren, wenn es der Körper erlaubt. Er hat ein Team um sich geschart, das es perfekt versteht, auf seine Bedürfnisse einzugehen. Dazu gehört Katrin Triendl, seine Freundin, ehemalige Skirennfahrerin, heute Feuz’ Physiotherapeutin und Medienbetreuerin. Sie schaue ganz genau hin, sagt er. Die beiden werden im Sommer Eltern.

Körper und Kopf unter Kontrolle

Vielleicht darf sich Feuz dann nicht nur Weltmeister, sondern auch Olympia­sieger nennen. Jedenfalls zweifelt kaum einer daran, dass er es auch diesmal hinkriegen kann. Weil Feuz nicht nur seinen Körper beherrscht, sondern auch seinen Kopf. Was soll ihn auch noch aus der Ruhe bringen nach dieser Ver­letzungsgeschichte?

Nervenstark, gelassen, dann bereit, wenn es sein muss. So ist er, der Schangnauer. So sagen es seine Trainer, die Teamkollegen, die Gegner. Sepp Brunner, lange und bis zu seiner Entlassung bei Swiss-Ski im letzten Frühjahr an der Seite von Feuz, sagt: «Er kann sich auf die Sache einstellen, die auf ihn ­zukommt. Er kann dann das umsetzen, was er sich vorgenommen hat. Er macht nicht mehr als nötig, nicht wie andere Athleten, die dann Fehler begehen.» Das waren die Worte des Österreichers an der WM in St. Moritz. Gerade hatte das Stehaufmännchen seinen grössten Triumph gefeiert.

Die Erwartungen an ihn waren damals enorm. Sie sind auch jetzt enorm für die Abfahrt, die wegen starken Windes auf Donnerstag verschoben wurde. Feuz weiss das. So schnell, mit ein paar Sätzchen, wird er die Favoritenrolle nicht los. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.02.2018, 22:05 Uhr

Die Herausforderer

Aksel Svindal (NOR)
2014 vergessen machen
Der in der jüngeren Vergangenheit beste Speedfahrer leidet zwar an Knieproblemen, aber ungemein schnell ist der Routinier immer noch. Die Strecke, auf der Gleiterfähigkeiten gefragt sind, dürfte für Schwergewicht Svindal kein Nachteil sein, und an Selbstvertrauen mangelt es ihm nach fünf Podestplätzen in diesem Winter in der Abfahrt auch nicht. Weil der 35-Jährige in Sotschi leer ausging, hat er zudem etwas gutzumachen.

Matthias Mayer (AUT)
Wer es einmal kann...
In Sotschi schlug der 27-Jährige, dessen Vater 1988 auch eine Olympiamedaille gewonnen hatte (Silber im Super-G), den Favoriten mit seinem Sieg ein Schnippchen. Auch jetzt befindet sich Mayer in der Position des aussichtsreichen Herausforderers. Und weil er schon eine goldene Plakette hat, kann er entspannt angreifen. Einen gewissen Druck wird er als Hoffnungsträger der Österreicher aber spüren.

Kjetil Jansrud (NOR)
Abfahrtsgold fehlt noch
Einen kompletten Medaillensatz hat der 32-Jährige an Winterspielen schon gewonnen, doch Gold in der Königsdisziplin fehlt in seiner Sammlung. Das könnte sich in Pyeongchang ändern, obwohl Jansrud in dieser Saison bisher im Schatten von Svindal und Feuz steht. In den ersten Trainings hat der Norweger bewiesen, dass er mit der wenig selektiven Strecke ausgezeichnet zurechtkommt.

Christof Innerhofer (ITA)
Langsam – und doch schnell
2016 hatte sich der Südtiroler abschätzig über die Jeongseon-Abfahrt geäussert. Er bemängelte unter anderem das tiefe Tempo und den fehlenden Nervenkitzel. «Abfahrt heisst, dass wir mit 120 bis 160 Sachen runterfahren, nicht wie hier mit 80 bis 100.» Mittlerweile scheint sich der Silbergewinner von Sotschi mit der Strecke angefreundet zu haben, gelang ihm doch gestern Trainingsbestzeit.

Die Strecke

Über 15 Jahre sind vergangen, seit Pistenbauer Bernhard Russi den Hügel erstmals bestieg. Da war der noch bewaldet, mit 500 Jahre alten Bäumen. Naturschützer wollten sie retten, doch die nötigen 800 m Gefälle fand man nirgends sonst. Über 60 000 Bäume fielen. Die Piste hat den Mindesthöhenunterschied von Start bis Ziel mit 825 m knapp übertroffen, sie ist 2857 m lang. Grosse Schwierigkeiten hält sie nicht bereit, dafür vier bis zu 60 m weite Sprünge.

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