Das volle Programm

Fabien Rohrer war 1998 Favorit auf das erste Gold der Freestyle-Snowboarder – und scheiterte. Er rappelte sich wieder auf – wie nach der Karriere, als er ganz unten beginnen musste.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Geschichte ist zu abgedreht, um erfunden zu sein. Ein Snowboarder, der an einem der grössten Wettkämpfe psychedelische Pilze einwirft? Der Sport ist ­definitiv ein anderer geworden seit der Zeit, als Fabien Rohrer Snowboardprofi war. Die Episode ereignete sich 1996 am Air & Style in Innsbruck, dem damals wohl berühmtesten Wettkampf, ausgetragen im Bergisel-Stadion, vor 25 000 Zuschauern. Der Sprung über die grosse Schanze war nicht Rohrers Kerngeschäft, er gehörte damals zu den Weltbesten in der Halfpipe. Als Ersatz war der Berner ins Teilnehmerfeld gerutscht – und gedachte es den Spezialisten zu zeigen. Ohne Pilzchen, wohl verstanden. Die hatte ein Konkurrent vor dem Final zu sich genommen, wie er Rohrer kurz davor anvertraute. «Macht ihr das unter euch aus, ich habe andere Pläne», beschied er ihm.

Also war es ein Duell zwischen Rohrer und Daniel Franck, einem der Favoriten. Doch Rohrer stand seinen schwierigsten Trick, einen Switch Backside 900, und siegte. Franck sprach danach kein Wort mit ihm, so sehr nervte den Ehrgeizling die Niederlage.

25 000 Franken und ein Töff

Und Rohrer? Reiste mit 25 000 Franken Siegprämie und einem in einer Nebenwertung gewonnenen Motocross-Töff nach Hause.

So geht es weiter. Episode an Episode an Episode reiht der 42-Jährige bei jeder Gondelfahrt. Es ist Anfang Januar, als wir uns in Laax zu einem Morgen auf dem Snowboard treffen. Nicht nur zum Fahren, an diesem Vormittag gibt er mehr Anekdoten zum Besten als andere Sportler während einer ganzen Karriere. Rohrer soll vor allem noch einmal erzählen, wie das war, 1998 an den Spielen in Nagano. Als Topfavorit reiste er zur Olympiapremiere der Snowboarder nach Japan und wurde in der Halfpipe aber doch nur Vierter, währenddem sich ein gewisser Gian Simmen zum ersten Olympiasieger seines Sports machte.

Was wohl für jeden anderen Athleten ein einschneidendes Erlebnis wäre, ist Rohrer ein Achselzucken wert. «Weisst du, das kann passieren», sagt er, kurz nachdem wir uns an der Talstation getroffen haben. Vor der Gondelbahn steht eine junge Frau und verteilt für eine Bank Werbegeschenke. «Bei uns können Sie Gold holen», lautet der Slogan. Da muss auch Rohrer schmunzeln, ehe er zu Air & Style und noch wilderen Episoden aus seinem Leben abzweigt.

Das Adjektiv wild fasst seine Aktivjahre in einem Wort zusammen. Rohrer war während fünf Jahren eine Grösse in der Halfpipe, gewann Contests rund um die Welt. Und stand dabei nicht nur auf dem Snowboard stets im Mittelpunkt, sondern auch in den Medien. Besonders der «Blick» liebte ihn für seine Auskunftsfreude, dazu kam die Liaison zu ­Ex-Miss-Schweiz Stéphanie Berger.

Die beiden hatten einen Stammplatz im Boulevard, auch direkt vor den Spielen. 22 war er da, 20 sie. Kurz bevor er nach Japan reiste, verliess sie ihn. Die Nachricht war das einzige Mal, dass ­Fabien Rohrer Inhalt der Titelgeschichte im «SonntagsBlick» war – «strub», sagt er heute. In Nagano angekommen, versuchte er seinen Trennungsfrust feiernd zu vergessen – in einem Hotelzimmer, das er mangels lokaler Bars als allgemeinen Treffpunkt der Snowboardszene gebucht hatte. Auch Swiss Olympic wollte zur Linderung des Trennungsschmerzes beitragen: Man schickte den Pfarrer der Delegation vorbei – ja, so was gab es damals noch –, nachdem Rohrer den Arzt aufgesucht hatte. Der Geistliche konnte ihm aber wenig helfen. Er hatte den Arzt für ein Medikament gegen einen Kater aufgesucht . . .

Rohrer fand seine Ruhe wieder, doch die Nacht vor dem Olympiawettkampf verlief alles andere als ideal: Abends um 22 Uhr realisierte sein Servicemann, dass der Holzkern des Wettkampfboards gebrochen war, das Ersatzboard lag unter Rohrers Bett. «Ich lief im Trainer zu ihm rüber, er wachste es dann noch bis morgens um 3», sagt Rohrer. Und der Druck? «Ich hatte nie gesagt, ‹Ich gewinne›. Ich wollte hingehen und mein Bestes geben. Ich bin doch nicht doof und setze mir Druck auf. Das sah ich bei den Skifahrern. Fahr lieber zuerst – dann kannst du das Resultat auch annehmen», sagt er.

Das machte er tatsächlich, der 4. Rang hat keine Spuren hinterlassen. Oder dann nur eine ganz kleine. Unterbewertet sei er bei seinen Läufen worden – und war mit dieser Ansicht nicht alleine. ­Daniel Franck (der ehrgeizige Norweger aus der Episode ganz am Anfang), kam nach dem ersten von zwei Finalläufen zu Rohrer. «Er sagte zu mir: ‹Da stimmt was nicht mit deiner Bewertung.› Aber meckern darf ich nicht. Ich habe ja alle möglichen Contests gewonnen oder stand zumindest auf dem Podest.» Das machte ihn zu einem interessanten Werbeträger. Während seiner Jahre in der Weltspitze verdiente er im mittleren sechsstelligen Bereich.

Sechsstellig in der Kreide

Doch das Geld reichte nicht lange. Rohrer lebte unstet, irgendwann stand er sechsstellig in der Kreide, sodass er auch seine Attikawohnung verkaufen und sich bei der Sozialhilfe anmelden musste. Er, der für die Snowboard­karriere das Gymnasium geschmissen hatte, fing wieder ganz klein an, zwei Jahre lang verdiente er sein Geld als Hilfsarbeiter auf dem Bau.

Auch damals, als er ganz unten war, berichtete der «Blick». «Das ist die einzige Schlagzeile, die mir bis heute peinlich ist», sagt Rohrer. Noch heute liefert er den People-Abteilungen der Redaktionen regelmässig Stoff. Warum tut man das, freiwillig von der schwerkranken Mutter und dem Bruch mit dem Vater erzählen? «Angeblich interessiert es die Leute, was dir nach der Karriere passiert. Wenn es mal nicht so rund läuft, etwa als ich mit meinem Père gebrochen habe», wiederholt Rohrer jene Erklärung, die ihm einst auch die People­-Journalisten gegeben haben. Aber das ­alles gleich ausplaudern? «Ich bin halt so», sagt er und lacht sein unverblümtes Lachen.

Was nicht heisst, dass er naiv ist, alles andere als das. Er weiss, was er an der Publizität hat. Die Zeit auf dem Bau ist längst vorbei, der Branche ist er aber treu geblieben. Das weiss die Öffentlichkeit aus diesen Artikeln: Der Rohrer, der macht etwas mit Immobilien. Vom Wiedererkennungswert profitiert Rohrer: «Werbung habe ich noch nicht geschaltet.» Er führt sein eigenes Unternehmen, mit drei Mitarbeitern. Seine Wohnungen vermietet er am liebsten an junge Schweizer. «Ich bin easy zu denen», sagt er. «Die denken, ich sei so einer wie Bernhard Russi.»

Einfach auf dem Snowboard. Auf diesem steht er weiterhin oft. Oft? Sehr oft! Vier Tage die Woche sind nicht ungewöhnlich. Dann beantwortet er die geschäftlichen Mails und Anfragen eben spätabends oder frühmorgens, um auch tagsüber mal snowboarden zu können.

Sinn des Lebens auf dem Skilift

Die Brettroutine ist am Crap Sogn Gion offensichtlich, so spielerisch surft Rohrer durch den Tiefschnee, stets mit dem Auge für das nächste Hügelchen, das sich für einen Sprung eignet. Sonst begleitet ihn oft Jeremy, Rohrer mag diese Vater-Sohn-Zeit, derweil sich seine Partnerin ihren Pferden widmet.

So wirblig wie der 42-Jährige auf dem Snowboard ist, sind auch seine Erzählungen. Nach einer Fahrt zieht er am Sessellift den Sicherheitsbügel herunter, dreht sich um und sagt: «Soll ich dir den Sinn des Lebens erzählen?» Natürlich fährt er sogleich fort, und kommt ziemlich genau dann zum Ende, als der Bügel zuoberst wieder geöffnet werden muss. Die Kürzestfassung: «Dankbar sein für alles.» Rohrer bedankt sich bei allem, was ihn umgibt, Menschen wie materiellen Dingen, seinen Leuten wie seinem Haus.

Seit zehn Jahren meditiert er. Jeden Morgen stellt er den Wecker 40 Minuten früher, als er eigentlich aufstehen müsste und setzt sich vor die unspektakulärste Wand im Raum, starrt diese an. «Das Ziel ist es, dass es in meinem Kopf einfach mal nicht denkt», sagt er, «und das ist verdammt schwierig.» Vor vier Jahren ist Tai-Chi dazugekommen.

Rohrer ist froh über die Hochs und Tiefs, die ihm das Leben bislang geboten hat. Er ist rückblickend gar froh um ­seinen Absturz, «es wäre sonst nicht gut gekommen mit mir». Das zeigte ihm auch das Urteil eines Jugendfreundes, der Rohrer sagte, er sei nun «ein angenehmerer Freund». (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.02.2018, 23:06 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Vor Erkältungen schützen

Jedes Jahr in der kalten Jahreszeit steigt die Gefahr, an einem grippalen Infekt oder Erkältung zu erkranken. Ob und wie stark ein Infekt ausbricht, hängt massgeblich von der Fitness unseres Immunsystems ab.

Kommentare

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

H-A-L-L-O: Lufthansa testet den menschlichen Roboter «Josie Pepper» am Flughafen in München. (20. Februar 2018)
(Bild: REUTERS/Michaela Rehle) Mehr...