Vielfalt macht stark

Die Olympiadelegation in Pyeongchang steht symbolisch für die Schweiz – und könnte den Rekord von 15 Medaillen in Calgary 1988 schlagen.

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Wer jemandem erklären möchte, wie vielfältig die Schweiz ist, der könnte das helvetische Olympiateam in Pyeongchang als Beispiel dafür anführen. Die 170 Athleten sind ein schöner Querschnitt durch unser verwinkeltes Alpenland, in dem auf kleinstem Raum ganz unterschiedliche Welten und Anschauungen zusammenkommen. Dass jeder Sportler, der um olympische Weihen kämpft, seine eigene Geschichte hat, nach ­Tausenden Stunden Training, viel Schweiss und manchen Tränen, liegt in der Natur des Profisports. Nur wer auf seine Weise herausragend ist, kommt überhaupt so weit. Doch wie verschieden diese Schweizer Wintersportler sind, ist doch verblüffend.

Es hat in dieser Schweizer Delegation für fast alle ein Mitglied, mit dem man sich identifizieren kann. Die Generation, die mit Social Media aufgewachsen ist, schaut gerne zu, wie sich Freestyle-Skifahrer Andri Ragettli bei Sprüngen, beim Training in der Turnhalle oder bei allerlei Schabernack filmen lässt. Andere bewundern die Zähigkeit eines Dario Cologna, der sich nicht beeindrucken lässt, wenn ihm auf der Loipe der Schnee ins Gesicht peitscht, der aber auch nach unzähligen Interviews immer noch verlegen lächelt, wenn die Kameras auf ihn gerichtet sind. Oder sie fühlen mit Lara Gut mit, die mit 26 Jahren schon alle Höhen und Tiefen einer Profisportlerin ausgelotet hat, die auf der Jagd nach Siegen an den Rand eines Burn-outs geschlittert ist und offen darüber redet.

Der Spätberufene und der Evergreen

Es gibt Einzelkämpfer wie die Rodlerin Martina Kocher, die ein Privatteam zusammenstellen und sich deutschen Trainingsgruppen anschliessen musste, weil die Unterstützung des Verbandes fehlte. Oder solche, die dank gezielter Verbandsförderung Stufe um Stufe erklommen. Es gibt Modellathleten – oder einen wie Abfahrer Beat Feuz, der von seinem einzigartigen Gefühl für Tempo und Balance lebt. Es gibt Spätberufene wie den Bobpiloten Clemens Bracher, und es gibt Simon Ammann, der zum sechsten Mal an Olympischen Spielen teilnimmt und noch so jugendlich wirkt.

Video: Kleiderfassen bei Simon Ammann

Die Athleten stammen aus Grossstädten oder der Abgeschiedenheit kleiner Dörfer, sind schön verteilt über das ganze Land. 24 der 26 Kantone sind in Pyeongchang mit Athleten vertreten und natürlich alle vier Landessprachen. Und die Frauen stellen 42 Prozent. Wenn ein Bevölkerungsteil zu kurz kommt, dann sind es die Secondos. Aber die werden dann im Sommer an der Fussball-WM in Russland wieder an vorderster Front stürmen.

Fast täglich Medaillenhoffnungen

Erfreulich ist, wie breit die Schweizer an den Olympischen Spielen auch sportlich abgestützt sind. In 14 von 15 Sportarten sind sie dabei, und in vielen haben sie Aussichten auf Medaillen. An fast jedem der 16 Wettkampftage können Schweizer auf Edelmetall hoffen. Das Team scheint so gut positioniert wie lange nicht mehr. Das Erreichen der Marke von Sotschi 2014, als die Schweizer elf Medaillen errangen, darunter sechs goldene, wurde von Missionschef Ralph Stöckli als Minimalziel bezeichnet. Den Rekord für Winterspiele hatten sie 1988 in Calgary mit fünfzehn Medaillen aufgestellt, davon elf im Alpinbereich – es war die goldene Zeit mit Vreni Schneider, Pirmin Zurbriggen, Michela Figini und Maria Walliser.

Video: Selina Gasparin leidet

Die Olympischen Spiele haben sich seitdem markant verändert. Waren in Calgary noch 46 Medaillensätze zu verteilen, sind es in Südkorea 102. Beim Bemühen, die Jungen und die Frauen besser einzubinden und zu begeistern, sind zahlreiche neue Sportarten und Disziplinen dazugekommen. Und gerade in diesen wussten die Schweizer zumindest zu Beginn meist zu brillieren. Wir erinnern uns an Gian Simmen, 1998 der erste Olympiasieger in der Halfpipe. An Tanja Frieden 2006 bei ihrer goldenen Premiere im Snowboard-Cross. Oder an Mike Schmid, den Sieger im Skicross 2010.

Diese Erfolge zeigen, wie flexibel und wie innovativ man ist im Schweizer Sport. Und wie schnell es gelingt, neue Sportarten zu integrieren und zu fördern. Doch haben die grösseren Nationen diese einmal für sich entdeckt und investieren in grossem Stil, wird es schwierig für die kleine Schweiz.

Um angesichts des finanziellen Wettrüstens im internationalen Spitzensport weiter Schritt halten zu können, forderte Swiss Olympic mehr Geld – und wurde erhört. Seit 2017 fliessen zusätzlich rund 25 Millionen Franken mehr in den Dachverband: 15 stammen aus dem Lotteriefonds, 10 kommen vom Bund. Damit erhält Swiss Olympic nun jährlich rund 60 statt zuvor 35 Millionen Franken. Diese Gelder sind vorerst bis 2019 gesprochen.

Profis am Existenzminimum

Die Erhöhung war höchst umstritten – wohl auch, weil viele an Topverdiener wie Roger Federer, die Fussballer oder die männlichen Eishockeyaner denken, wenn sie über Spitzensport reden. Doch viele Profisportler leben am Existenzminimum, um ihrer Leidenschaft nachgehen zu können. Und gerade die Breite im Spitzensport, die sich ja nun auch in Pyeongchang zeigt, ist es, was die Schweiz auszeichnet.

Video: Mögen die Spiele beginnen

Man kann sich fragen, ob Olympiamedaillen wichtig sind fürs Land. Doch bleiben sie aus, ist der Aufschrei gross – wie 1964 in Innsbruck. Damals schaltete sich sogar der Bundesrat ein und wurde eine breite sportliche Förderung beschlossen, auf der auch noch die heutigen Erfolge fussen. Vor allen an Winterspielen sind Schweizer Siege wichtig. Denn wir verstehen uns immer noch als Wintersportland, und die Athleten tragen dieses Image mit guten Leistungen in die Welt hinaus.

Für den Schweizer Sportkonsumenten ist es ungünstig, dass Olympia in Südkorea mit einer Zeitverschiebung von acht Stunden stattfindet, also mitten in der Nacht. Doch für die Tourismusdestination Schweiz sind Winterspiele in Asien – 2022 folgt noch Peking – eine ideale Plattform. Hier ist man erst gerade daran, den Wintersport so richtig zu entdecken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.02.2018, 00:14 Uhr

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