Und die Gedanken rotieren

Wendy Holdener hat gelernt, Ordnung im Chaos zu finden. In der Nacht auf Mittwoch startet sie mit dem Slalom in die Winterspiele.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Allmählich nerven sie Wendy Holdener. Diese Fragen: Was macht sie besser als du? Kannst du etwas abschauen von ihr? Ist sie unbezwingbar, diese Mikaela Shiffrin? Dieses Wunderkind, das im Slalom von Sieg zu Sieg tänzelt? «Ich hatte das Gefühl, dass meine Leistung nicht mehr geschätzt wurde. Es wurde nicht mehr gesehen, dass ich doch eigentlich auch ganz Gutes ­leistete.»

Es war Anfang Januar, vier Slaloms hatte Shiffrin gewonnen – innert zweier Wochen. Bei fünf Siegen in Serie war sie in Flachau angelangt, bei insgesamt 30 allein in dieser Disziplin. Sie, die im März 23 wird. Also kamen die Fragen, alle Slalomfahrerinnen bekamen sie zu hören, die nur Staffage sind hinter der Alleinunterhalterin. Nur hörten sie diese eben nicht zum ersten Mal, gerade Holdener nicht.

Seit sie sich in der letzten Saison so richtig daran machte, die Slalomwelt zu erobern, ist die US-Amerikanerin Dauerthema bei ihr. Shiffrin, die Schwerstarbeiterin, die sich stets betont locker gibt, gerne ein «wow» oder «oh my God» in die Runde wirft, die explosionsartig lachen kann – und auf der Piste doch so gnadenlos ist, so viel tut für den Erfolg.

Die Oberarme sind gewachsen

Das tut auch Holdener, sie schuftet im Kraftraum, im Schnee, ihr durchtrainierter Körper zeugt von den vielen Stunden, die Oberarme sind nochmals gewachsen. «Etwas definierter» sei der Körper vielleicht, sagt sie.

Der enorme Aufwand, den sie betreibt, das minutiöse Feilen an Details, es hat sich ausbezahlt. Sie ist zur Dauerpodestfahrerin geworden, an der WM in St. Moritz mutierte die 24-Jährige zur grossen Figur des Heimteams. Es gab Gold in der Kombination und Silber im Slalom. Sie hielt dem Druck stand, der sich nach der Verletzung von Lara Gut aufgebaut hatte.

Aber etwas Grossem fährt Holdener noch immer hinterher. 15-mal schon stand sie auf dem Slalompodest, in dieser Saison bislang fünfmal, in der letzten sechsmal. Zuoberst aber stand sie in ihrer Paradedisziplin noch nie.

Oft lag das eben an Shiffrin, «sie ist noch ein Stück besser als wir anderen», sagt Holdener. Es ist nicht so, dass sie das zermürben würde, aber die Gedanken daran kommen, manchmal am Abend vor dem Zubettgehen, manchmal am Morgen. Sie versucht, sie zu sortieren, schreibt sie nieder, sucht die Ordnung im Chaos. Holdener sagt: «Ich habe auch schlechte Tage wie jüngst zu Hause, an denen es schwierig ist, aus dem Negativen herauszukommen.»

Sie versucht zu akzeptieren, dass das so ist, «das gehört zu mir», sagt sie, «und schliesslich muss ich auch sagen: Alle haben solche Tage. Selbst Federer sagte nach seinem Final gegen Cilic, er habe mit sich gekämpft. Es tut gut zu sehen, dass es anderen Spitzenathleten ähnlich geht, die erst noch viel grösser sind als ich. Es ist normal, es ist menschlich.»

Dass auch Shiffrin zuletzt nicht mehr einfach so durchmarschierte, sogar richtig Mühe hatte, von den letzten vier Rennen drei nicht beendete, das freue sie zwar nicht, sagt Holdener, weil sie das niemandem wünsche, «es zeigt mir aber, dass nicht nur ich solche Sachen durchmache. Auch sie ist kein Roboter.» Das ist erst recht Holdener nicht, die feinfühlige Schwyzerin. Wenn es auf der Piste nicht läuft, kann sie das selten einfach wegstecken, sie hinterfragt sich, hinterfragt vieles, vielleicht alles.

Als sie Ende Januar in Killington 19. im Riesenslalom geworden und im Slalom ausgeschieden war, «fiel ich in ein Loch». Dass sie zuvor als Sechste zum Auftakt in Sölden so gut war wie nie im Riesenslalom? Dass sie beim ersten Slalom in Levi auf dem Podest stand? Es spielte keine Rolle mehr in dieser Zeit.

Immerhin wusste sie da, warum es ihr nicht gut ging. Jüngst, zu Hause, wusste sie das nicht. «In Killington hat nichts funktioniert, ich fiel quasi aus dem Schlechten ins Tief. Nun waren es meine Gedanken, die das auslösten. Ich hatte mit meinem Kopf zu kämpfen.»

Holdener hat für sich Wege gefunden, aus dem Negativen herauszufinden: mit jemandem reden, sich ablenken, etwas unternehmen, das Wirrwarr schriftlich entwirren.

Vor der Abreise nach Pyeongchang hatte sie einen ihrer monatlichen Termine bei der Sportpsychologin: «Es war der perfekte Zeitpunkt.» Sie bekam Methoden mit auf die Reise, Übungen, dank denen sie ruhiger werde, und sie solle doch aufschreiben, worauf sie sich freue – «was super ist», wie Holdener sagt, «manchmal vergisst man das zu schnell.»

Südkorea? Super!

In Südkorea ist vieles super für sie. Holdener mag das Land, die Kultur, in zwei Wochen Ferien hat sie diese kennen gelernt, «ich nehme extrem schöne Erinnerungen mit, die Vorfreude ist riesig, das gibt mir Energie. Weil ich schon vieles gesehen habe vom Land, muss ich auch keine Angst haben, hier etwas zu verpassen. Ich bin hier für den Sport.»

Bis zu ihrem ersten Einsatz muss sich Holdener etwas gedulden. Nachdem der auf gestern angesetzte Riesenslalom verschoben werden musste, wird sie in der Nacht auf morgen mit dem Slalom in die Spiele starten. Eigentlich hatte sie gehofft, zuerst im Riesenslalom voll attackieren zu können, weil sie dort nichts zu verlieren habe, das Limit zu finden, den aggressiven Schnee unter Rennbedingungen kennen zu lernen, die Erfahrungen mitzunehmen in die eng gesteckten Stangen. Doch nun steht mit dem Slalom der persönliche Höhepunkt als Erstes auf dem Programm.

Holdener sagt: «Es ist schön, bei Olympischen Spielen dabei zu sein. Aber ich finde es schöner, dabei zu sein und eine Chance auf Medaillen zu haben. Die habe ich. Ich bin ehrgeizig, fleissig, habe hart trainiert. Ich bin gesund, fit und motiviert.»

Sie hat die Chance, die rotierenden Gedanken zum Stehen zu bringen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 13.02.2018, 21:59 Uhr

Artikel zum Thema

«Es hat wehgetan, das Ganze wieder zu erleben»

Video Was ein Film über ihren Kreuzbandriss bei Lara Gut auslöste und wieso Wendy Holdener nicht an Medaillen denken will. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Kommentare

Blogs

Politblog 200-Meter-Riesen im Gegenwind

Sweet Home So werden Sie zum Minimalisten

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...