«Wir sind alle Freaks»

Toto Wolff ist Motorsportchef bei Mercedes, dem Formel-1-Dominator der letzten vier Jahre. Warum sein Glas immer halb leer ist und wen er für eine Diva hält.

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Vier Jahre Mercedes-Dominanz, vier Jahre Zeit für die Gegner, abzuschauen. Und doch scheint Ihr Team auch jetzt bereit, die Angriffe abzuwehren. Macht Sie das stolz?
Es macht mich sehr zufrieden, dass wir ins fünfte Jahr nach der Änderung bei den Motoren steigen und, wie es ausschaut, wieder vorne mit dabei sind.

Sind Sie ein Tiefstapler?
Wir können nicht einfach als gegeben annehmen, dass wir am laufenden Band Rennen und Meisterschaften gewinnen.

Ist Ihre Zurückhaltung echt?
Die Skepsis schwingt immer mit. Es ist fest in unseren Köpfen verankert, dass die Punkte Anfang Saison wieder auf null gestellt werden. Wir können uns nichts abschneiden von den Trophäen und Erfolgen der Vorjahre.

Sie beginnen doch nicht bei null. Sie haben ein Auto als Basis, das in den letzten Jahren überragend war.
Ich will ja auch nicht rüberkommen wie ein Streber, der eine perfekte Schularbeit abgeliefert hat und dann sagt: «Um Gottes willen! War das schlecht!» Aber wir stellen uns wirklich jedes Jahr infrage.

Wie kriegen Sie diese Einstellung in die Köpfe Ihrer 1500 Mitarbeiter?
Wir wenden viel Zeit auf, um diese Haltung bei jedem hinzukriegen, sie ist wichtig für den Erfolg. Wir setzen uns Ziele für die Marke, für das Rennteam, für jede Abteilung – und letztlich brechen wir das auf die persönlichen Ziele jedes Einzelnen herunter. Bis jeder weiss, wohin seine Reise gehen muss.

Besteht die Gefahr, bei so viel Erfolg nachlässig zu werden?
Die Tage, an denen wir verlieren, hängen viel länger nach als die siegreichen Tage. Sie sind deutlich schmerzvoller, als die guten Tage positiv sind. Niederlagen wie in Monaco oder Ungarn im letzten Jahr holen dich brutal schnell zurück auf den Boden. Erfolg ist im Gegensatz zur Niederlage ein lausiger Lehrer.

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Sind Sie ein negativer Mensch?
Wäre ich das, hätte ich nicht genug Energie, um mich und das Team weiterzubringen. Aber ich bin skeptisch. Bei mir ist das Glas immer halb leer.

Sie haben zwei Kinder aus erster Ehe und seit knapp einem Jahr ein drittes zusammen mit Ihrer Frau Susie. Wie anstrengend ist Ihre Haltung für Ihre Familie?
Meinem Umfeld gehe ich damit manchmal bestimmt mächtig auf die Nerven. Aber in der Firma sind mittlerweile alle Perfektionisten. Bei unserer ersten Sitzung in diesem Jahr las ich die Beschreibung eines Perfektionisten vor.

Was stand da?
Er versucht, sich immer auf ein neues Leistungsniveau zu heben, er ist der grösste Kritiker seiner selbst, er ist nie zufrieden und will Unerreichbares erreichen. Jeder der 30 Manager erkannte sich darin wieder. Wir sind alle Freaks.

Sie haben letzte Woche den Laureus-Award für das beste Sport-Team erhalten. Ist das eine Bestätigung Ihrer Einstellung?
Es wäre mir total peinlich, diese Lorbeeren zu ernten. Ich habe diese Auszeichnung nur für unsere Mitarbeiter entgegengenommen.

Sind Sie so bescheiden?
Es waren extrem viele Sport-Superstars im Raum – unglaublich! Ich war davon beeindruckt, habe aber genauso viel Spass daran, den Preis für meine 1500 Superstars in den Fabriken zu erhalten.

Mögen Sie Ruhm nicht?
Der spielt für mich überhaupt keine Rolle. Mir geht es einzig darum, meine Erwartungen zu erfüllen. Ich will mich am Abend hinlegen und sagen können: Du hast den bestmöglichen Job gemacht.

Kann ein Perfektionist ruhig im Bett liegen?
Eigentlich nicht. Ich mache 24 Stunden am Tag nichts anderes, als über Motorsport nachzudenken.

Wie lange halten Sie das noch durch?
Wenn etwas Freude macht, geht es nicht darum, durchzuhalten. Ich empfinde meine Aufgabe nicht als Arbeit, ich mache das, was mir Spass macht.

2013 übernahmen Sie das Amt, ein Jahr danach begann die Dominanz. Wie finden Sie Ihre Ausbeute?
Ein Sprichwort besagt: Miss den Erfolg eines Mannes nicht, bevor er tot ist. Hoffentlich bleibt mir noch etwas Zeit, bis man zurückblickt auf mein Erreichtes.

Blicken wir voraus: Wann verlängern Sie den Vertrag mit Lewis Hamilton?
Wir arbeiten daran, es geht noch um Details. Wir lassen uns nicht unter Druck setzen, wir wollen es richtig machen.

Was muss Valtteri Bottas leisten, damit Sie ihn weiterbeschäftigen?
Er hat in seinem Premierenjahr bei uns einige Rennen gezeigt, die absolut top waren. Jetzt muss ihm das noch konstant gelingen.

Sie waren in seinem Management. Wie schwierig ist es, ihn aus rein professioneller Sicht zu bewerten?
Ich kenne Valtteri seit zehn Jahren, ich hänge an ihm. Aber ich habe in den letzten fünf Jahren auch Lewis lieben und schätzen gelernt – mit all seinen Stärken und Schwächen, als Mensch und Fahrer. Deshalb mache ich emotional keinen Unterschied zwischen den beiden.

Welche Schwächen hat Hamilton?
Eigentlich sind seine Schwächen eher Stärken: Er hadert, hinterfragt sich stets, ist emotional. Wenn es nicht läuft, nimmt ihn das ganz schön mit.

Bottas wirkt dagegen unterkühlt. Kann er auch anders?
Er ist Finne. Also: nein. (lacht)

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Fürchten Sie ein nächstes hitziges teaminternes Duell?
Rivalität im Team gibt es immer. Macht Valtteri einen Schritt vorwärts, wird die natürlich zunehmen. Dann müssen wir frühzeitig versuchen, das Ganze irgendwie abzufedern, damit es nicht in eine Kontroverse ausartet wie damals bei Lewis und Nico (Rosberg).

Wie schwierig war es, beim Auto noch Potenzial zu finden?
Das letztjährige Modell war eine Diva: schnell, aber unbeherrscht, schwer einschätzbar für den Fahrer. Es ging also vor allem um fahrdynamische Themen, um die Aerodynamik, den Abtrieb.

2021 kommt die nächste grosse Reglementsänderung. Niemand weiss genau, wie die neue Formel 1 aussehen wird. Was erhoffen Sie sich von Eigentümer Liberty Media?
Wir Hersteller haben lange über die möglichen neuen Motoren gesprochen und unsere Meinung gesagt. Wir müssen an den richtigen Stellen schrauben, damit die Entwicklungskosten sinken.

Bis wann müssen Sie wissen, wie es weitergeht?
In den nächsten zwölf Monaten sollten wir schon genauer wissen, wo die Reise hingeht. Ich erwarte einen Vorschlag, der darauf abzielt, dass die Purität unseres Sports nicht verwässert wird durch die ganze Unterhaltung drumherum.

Und wenn Ihnen das Angebotene nicht passt, drohen Sie mit Ausstieg, wie das Ferrari tut?
Wir stellen uns regelmässig infrage, dazu gehört auch die Überlegung, ob die Formel 1 die richtige Plattform ist, diejenige mit der grössten Ausstrahlungskraft. Zurzeit ist sie das noch immer – und zwar mit Abstand. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.03.2018, 14:52 Uhr

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