«Wer aufgibt, ist kein Racer»

Frédéric Vasseur ist der neue Teamchef von Sauber. Er erklärt seine Motivation und sagt, wieso er mit seiner Vorgängerin Monisha Kaltenborn noch nie geredet hat.

«Das Feuer behalten»: Obwohl Sauber Letzter ist, will Frédéric Vasseur die Saison nicht einfach abhaken. Foto: Imago

«Das Feuer behalten»: Obwohl Sauber Letzter ist, will Frédéric Vasseur die Saison nicht einfach abhaken. Foto: Imago

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Ungarn war Ihr erstes Rennen als Sauber-Teamchef – dann folgte gleich die Sommerpause. Ein idealer Arbeitsbeginn sieht anders aus.
Ich konnte die Ferien nutzen, um über das Team nachzudenken, über die Organisation, ich hatte Zeit, um ein klares Bild zu bekommen, ohne Druck.

Wie sieht dieses Bild aus?
Wir sind sportlich in einer schwierigen Situation, wir sind aber daran, uns nach der finanziellen Rettung im Sommer 2016 zu erholen und zu stabilisieren. Wir waren und sind mehr als spät dran mit dem 2017er-Projekt und haben erst in Ungarn die Entscheidung getroffen, mit welchem Motor wir in Zukunft fahren werden. Wir müssen uns jetzt auf 2018 fokussieren, gleichzeitig muss ich aber versuchen, bei allen den Druck an jedem Wochenende hochzuhalten.

Sauber ist Zehnter und Letzter. Doch auch so hat es Anspruch auf die von der Formel 1 ausgeschütteten Gelder. Wieso haken Sie dieses Jahr nicht ab?
Diejenigen im Büro blicken auf das nächste Jahr, aber das Rennteam muss sich immer auf den folgenden Grand Prix, auf seinen Job konzentrieren, das Feuer behalten, kämpfen, so sehr, als ginge es um die Poleposition. Es wäre einfach, zu sagen: Uns ist egal, was 2017 noch passiert. Aber das wäre ein grosser Fehler. Jeder in unserer Firma ist ein echter Racer. Wer aufgibt, ist kein Racer.

Welchen Eindruck haben Sie von Ihrem neuen Arbeitgeber?
Die Infrastruktur in Hinwil ist sehr gut, die Leute sind trotz der schwierigen Vergangenheit engagiert, die Besitzer sind motiviert und verstehen die Situation. Es ist alles auf dem Tisch, damit wir etwas Gutes liefern und aufbauen können.

Dafür brauchen Sie Zeit. Die Verantwortlichen der Sauber-Besitzerin Longbow Finance scheinen nicht allzu viel Geduld zu haben.
Logisch will man immer mehr haben. Aber schauen Sie sich die erfolgreichen Projekte in der Formel 1 an: Red Bull brauchte fünf Saisons bis zum ersten Sieg. Nachdem Jean Todt zu Ferrari gegangen war, vergingen sechs Jahre bis zum ersten WM-Titel. Mercedes benötigte vier Saisons. Wir können uns nicht schneller drehen, als sich die Welt dreht. Wir wissen, wer wir sind, wir wissen, dass wir in nächster Zukunft nicht Weltmeister werden, dass es ein langer Prozess sein wird, bis wir uns erholt haben.

«Das Rennteam muss
für jeden Grand Prix kämpfen, so sehr, als ginge es um die Poleposition.»

Alle in der Formel 1 verstehen das. Nur hatten die Besitzer bislang mit Rennsport nichts zu tun. Verstehen sie wirklich, wie viel Zeit es braucht?
Wir hatten schon einige Diskussionen darüber, und ich hatte den Eindruck, dass sie das verstanden haben.

Wieso haben Sie zugesagt?
Weil es ein spannendes Projekt ist und es interessant sein wird, etwas aufzubauen, das so gut wie am Boden war.

Sie ersetzten Monisha Kaltenborn. Hatten Sie Kontakt mit ihr?
Nein, nie.

Weshalb nicht?
Ich habe mich viele Wochen mit den Leuten bei Sauber unterhalten, um selber einen Eindruck zu bekommen. Zudem war die Situation zwischen Kaltenborn und den Besitzern nicht ganz einfach – ich wollte nicht involviert sein.

Sie waren zuletzt Teamchef bei Renault. Sind Sie dort ­gescheitert?
Die Situation dort war eine ganz andere. Ich möchte nicht zu viel über Renault reden, ich muss diese Seite im Buch umlegen und an die Zukunft denken.

Sie waren bei Renault nur einer der Entscheidungsträger. Ist das bei Sauber anders?
Klar, das Team ist viel kleiner, die Organisation passt viel besser zu mir.

Sie haben als erste Amtshandlung den Deal mit Honda rückgängig gemacht. Warum?
Es war nicht dankbar, diese Entscheidung zu treffen – aber es war die richtige. Um mit Honda-Motoren fahren zu können, hätten wir das Getriebe von dessen Partner McLaren beziehen müssen. Und weil McLaren kurz davor stand, sein Projekt mit Honda aufzugeben, war die Situation sehr diffizil, es wäre ein Blindflug gewesen. Also haben wir uns für Ferrari und gegen Honda entschieden.

Bei Honda hätte es die ­Möglichkeit einer engeren ­Partnerschaft gegeben. Nun ist Sauber bei Ferrari wieder nur B- oder C-Kunde.
Mich interessieren diese Buchstaben nicht, ob nun A, B oder C. Ich weiss nur, dass wir als kleines Team die Unterstützung von einem Hersteller brauchen. Diese Aussicht haben wir bei Ferrari.

Durch Ihr Umschwenken ist Ihr Team mit dem Bau des Autos erneut in Verzug . . .
. . . der Motor und das Getriebe bestimmen nur einen Teil des Designs.

Einen sehr grossen Teil . . .
. . . ja, einen grossen, der Unterschied ist jedoch nicht riesig. Aber es ist schon so: Wir mussten noch im Juli handeln, ich wollte die Entscheidung nicht noch weiter hinausschieben. Nun denke ich: Der Zeitplan sieht ganz vernünftig aus.

Ferrari-Chef Sergio Marchionne bezeichnete Sauber als mögliches Juniorteam. Gefällt Ihnen das?
Wir sind das kleinste Team in der Formel 1, es macht Sinn, mit einem der Topteams zusammenzuarbeiten.

Ferrari dürfte auch bei den Fahrern mitreden und einen seiner Piloten Charles Leclerc oder Antonio ­Giovinazzi bei Ihnen platzieren wollen. Sind Sie offen dafür?
Ferrari wird wohl dabei sein, wenn wir über die Piloten diskutieren, ja.

Marcus Ericsson steht den Besitzern von Sauber sehr nahe, daher dürfte es für Pascal Wehrlein eng werden. Sie müssten einen jungen, ­talentierten Fahrer entlassen. Wie geht es Ihnen damit?
Es ist immer eine harte Entscheidung, wenn es um die Fahrer geht. Wir werden in den nächsten Tagen und Wochen nach der Lösung suchen, die am meisten Sinn macht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.08.2017, 00:12 Uhr

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