Spassvogel mit Killerinstinkt

Er trinkt Champagner aus Schuhen, witzelt und lacht. Schlecht gelaunt ist er nur, wenn er müde oder hungrig ist. Doch auf der Rennstrecke ist Daniel Ricciardo ein aggressiver Egoist.

Ein (Selbst)-Darsteller: Der australische Fahrer Daniel Ricciardo trinkt Champagner aus seinem Schuh, nachdem er den Grand Prix von Malaysia gewonnen hat. (2. Oktober 2016))

Ein (Selbst)-Darsteller: Der australische Fahrer Daniel Ricciardo trinkt Champagner aus seinem Schuh, nachdem er den Grand Prix von Malaysia gewonnen hat. (2. Oktober 2016)) Bild: AP Photo/Vincent Thian/Keystone

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Es gibt Max Verstappen, den jungen Wilden, der sich mit harten Manövern und markigen Worten in den Vordergrund drängt. Und sich keinen Deut darum schert, was andere über ihn denken.

Es gibt Lewis Hamilton, nicht minder von sich überzeugt, der sein Image als Glamour-Pilot der Königsklasse pflegt. Auch in diesen Tagen führt der Brite mit den Goldkettchen seine Bulldoggen ­Roscoe und Coco im Fahrerlager von Ungarn spazieren, begleitet jeweils von einem Dutzend Kameras.

Es gibt Sebastian Vettel, mit Ferrari ohnehin im Rampenlicht, erst recht jetzt, da er für den ersten Fahrertitel der Scuderia seit zehn Jahren sorgen könnte und dafür mit solcher Inbrunst kämpft, dass er auch einmal einen ­Gegner vor lauter Wut anrempelt, wie er das in Baku mit Hamilton tat.

Und dann gibt es Daniel Ricciardo, den 28-jährigen Australier, der fast untergehen könnte in diesem Ensemble von (Selbst-)Darstellern. Würde er nicht gerade eine herausragende Saison fahren. Und hätte nicht auch er einen Weg gefunden, um neben der Strecke auf sich aufmerksam zu machen. Mit Champagner-Schlürfen aus seinem Schuh etwa, wenn er wieder einmal auf dem Podest steht. Hätte er gewusst, dass das bis zur Halbzeit der Formel-1-Saison schon fünfmal der Fall sein würde, er hätte mit ­dieser Sitte wohl nie begonnen.

«Shoey» nennt sich diese. Verrückte Kerle sollen damit angefangen haben, sie fahren um die Welt, fischen, surfen und trinken Bier. Er hat den urwüchsigen Brauch für die Glitzerwelt der ­Formel 1 salonfähig gemacht. Mehr noch: Er wurde zu Ricciardos Markenzeichen. «Jüngst dachte ich noch, ich sollte damit aufhören. Aber die Leute mögen es, sie kennen mich auch wegen des ‹Shoey›. Deshalb werde ich weitermachen.» Sagts und lächelt verschmitzt.

Spassen selbst mit Hamilton

Ricciardo ist der Strahlemann der Formel 1, der es «an guten Tagen auch mit Lewis Hamilton echt lustig haben kann». Champagner aus einem Schuh zu trinken, das passt ganz gut zu seinem Image, er weiss das. Er pflegt seines genauso wie die anderen im Fahrerlager ihres. Er sagt: «Schlecht gelaunt bin ich nur, wenn ich müde bin oder hungrig. Deshalb habe ich immer einen Snack dabei.»

Doch gerade in diesem Jahr beweist der Mann aus Perth, dass er weit mehr ist als ein Sprücheklopfer. Er ist ein begnadeter Rennfahrer, ein kompromissloser, der in Duellen nicht zurücksteckt, der überholt wie kaum ein anderer. Die Zahlen seiner Aufholjagden untermalen das. China: von Platz 5 auf 4. Barcelona: von 6 auf 3. Monte Carlo: von 5 auf 3. Montreal: von 6 auf 3. Baku: von 10 auf 1. Spielberg: von 4 auf 3. Silverstone: von 19 auf 5.

Dass ihm im letzten Jahr bei Red Bull Verstappen zur Seite gestellt wurde, ein Draufgänger, der bald zum Überhol­könig geadelt wurde, hat Ricciardo ­angestachelt. «Wir tun uns gut, wir ­werden zusammen besser. Wir sind die aggressivsten Fahrer im Feld. Ich mache oft Witze, aber ich habe keine Angst vor der Schlacht im Rennen. Ich bin der Spassvogel mit dem Killerinstinkt.»

Man müsse auf der Strecke auch einmal ein Arschloch sein können, hatte Verstappen jüngst gesagt. Ricciardo stimmt zu, nennt es aber «rücksichtslos und egoistisch», und sagt: «Du musst die Balance finden. Wenn du zu sehr Arschloch bist, dann bringst du die Leute an einen Punkt, an dem sie nicht mehr zu dir stehen, wenn du sie brauchst.»

Verstappen im eigenen Team ist die zweite grosse Herausforderung, nachdem er 2014 bei Red Bull neben Sebastian ­Vettel fuhr. Dieser hatte gerade seinen vierten WM-Titel gewonnen, Ricciardo war nach elf Rennen bei HRT und zwei Saisons bei Toro Rosso der junge Auf­steiger. Bereits diese Prüfung bestand er, schlug den Deutschen in dessen letztem Jahr im Rennstall mit 238 zu 167 Punkten. ­«Damals war Vettel der Fahrer mit der grossen Reputation. Nun versuche ich, einen zu besiegen, der schnell erwachsen wurde und von dem mittlerweile jeder weiss, dass er ein Top-Fahrer ist.»

Die leise Hoffnung auf den Titel

In diesem Jahr wurde ihm das bislang ziemlich leicht gemacht. Verstappen ist vom Pech verfolgt, bei der Hälfte der Rennen sah der Holländer die Zielflagge nicht. «Aber eigentlich», sagt Ricciardo, «hat er erneut grosse Fortschritte ­gemacht. Ich hoffe nur, dass das nicht so weitergeht.» Ein Spruch à la Ricciardo, seine weissen Zähne blitzen hervor.

Es läuft derzeit rund für den Mann mit den schwarzen Locken. Nach einem harzigen Start mit zwei Ausfällen in vier Grands Prix hat er nun gar noch die leise Hoffnung auf den ganz grossen Coup, den WM-Titel, auch wenn der Rückstand auf Leader Vettel 60 Punkte beträgt. «Wenn ich am Sonntag gewinne, sind die Chancen intakt», glaubt er.

Der Auftakt ins Ungarn-Wochenende ist ihm schon einmal geglückt. Bei ­beiden Trainings war er der Schnellste. «Ein guter Tag», kommentiert Ricciardo. Er lächelt, noch einmal, ehe er im Qualifying von heute wieder seine unfreundliche Seite zeigen wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2017, 23:23 Uhr

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