Sagenhaft abgeklärt

Charles Leclerc überrascht in seiner ersten Formel-1-Saison mit starken Resultaten alle. Doch ursprünglich wollte der junge Monegasse sein Debüt langsam angehen.

Hat gut lachen: Charles Leclerc vor dem Grossen Preis von Grossbritannien.

Hat gut lachen: Charles Leclerc vor dem Grossen Preis von Grossbritannien.

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Was hatte sich Sauber-Chef Frédéric Vasseur nicht für Fragen anhören müssen vor der Saison. Ist er ein Wunderfahrer? Ist er der Heilsbringer? Der künftige Weltmeister? So gross wie Senna? Wie Schumacher? Immerhin war Charles Leclerc durch die Juniorenkategorien gerast, als hätte es keine Gegner gegeben, er stieg mit 20 Jahren auf direktem Weg auf in die Formel 1. «Und dann», sagt ­Vasseur und schmunzelt, «waren sie nach den ersten drei Grands Prix ganz erstaunt: Der gewinnt ja gar kein Rennen!» Es schüttelt den Franzosen nun vor Lachen.

Natürlich gewinnt der junge Mann mit Wuschelfrisur und verträumten Augen keine Rennen, das wird ihm auch am Sonntag in Silverstone nicht gelingen, schliesslich ist er Angestellter des Sauber-Teams. Aber die Fragen von vor der Saison werden nun doch wieder an Vasseur herangetragen. Denn was Leclerc auf den Formel-1-Strecken vollführt, ist beeindruckend. Vielleicht ist es sogar sagenhaft.

Gerade einmal drei Rennen also brauchte der Monegasse, um sich zurechtzufinden in der grossen neuen Welt. Bis er lernte, wie das Team funktioniert, wie wichtig die Arbeit mit dem Auto ist, die ständigen Anpassungen, die Rückmeldungen an die Ingenieure, die kleinsten Details, die so nebensächlich waren in den unteren Rennserien, wo er nur in den Wagen zu steigen und zu fahren brauchte. Das verblüffende Ergebnis: In den letzten sechs Rennen ist er fünfmal in die Punkte gefahren.

Die Kameras halten immer drauf

Seinen ursprünglichen Plan, den musste Leclerc längst über den Haufen werfen. Langsam, Schritt für Schritt wollte er sich bei Sauber an die Formel 1 herantasten, «weit weg vom Scheinwerferlicht». Nun ist er mittendrin, im Blickfeld aller, auch der Fernsehkameras, die selbst dann bei ihm bleiben, wenn er für einmal fernab der Top 10 seine Runden dreht.

Nun ist Leclerc auch mehr als ein Grosstalent, das für einen in den letzten Jahren kriselnden Rennstall Mal für Mal punktet. Leclerc ist nichts weniger als der Hoffnungsträger des grossen Ferrari-Teams, dessen Juniorenprogramm er angehört. Bald schon soll er dort Kimi Räikkönen ersetzen, noch während ­dieser Saison gar, so geht ein Gerücht, spätestens aber 2019. Die Grübchen in Leclercs Wangen werden tiefer, die braunen Augen strahlen. Ferrari? Es wäre ein Traum, sagt er, «ich war schon immer ein riesiger Fan». Aber bereits jetzt darüber nachdenken? «Das wäre einfach nur dumm. Erst einmal muss ich mich weiter verbessern, mich beweisen, liefern.»

Es ist diese Grundhaltung, die Charles Leclerc noch weit bringen könnte. Er konzentriert sich auf das Hier und Jetzt, auf Sauber, auf das nächste Training, auf das nächste Rennen, schon nur auf die nächste Runde, er lässt sich nicht ablenken von all dem Gerede um seine Person und Zukunft. «Mich interessiert einzig, das Limit zu suchen, Kurve für Kurve», sagt er.

Seine Abgeklärtheit, die Fähigkeit, störende Gedanken auszublenden, kann mitunter erstaunliche Auswüchse annehmen. Als im Sommer 2017 die Reise nach Baku ansteht, die Läufe 7 und 8 in der Formel 2, stirbt sein Vater Hervé, völlig unerwartet, mit 54. Leclerc verliert den Mann, der immer an seiner Seite war, der alles getan hatte für die Karriere seines Sohnes. Leclerc reist tags darauf dennoch nach Aserbeidschan, die Gedanken in der Heimat, bei seinem Vater, seiner Familie. Dann ist Rennwochenende und Leclerc im Qualifying der Schnellste, schliesslich auch im Rennen. Er sagt: «Es war extrem schwierig, den Fokus zu finden. Aber sobald ich in einem Auto sitze, sind die einzigen ­Gedanken, die mich beschäftigen: Wie kann ich die perfekte Runde fahren? Wie kann ich mich wo verbessern?»

Ein Pandabär würde es auch tun

Vasseur, der auch Leclercs Chef war, als dieser 2016 für ART Grand Prix den Titel in der GP3 gewann, sagt: «Ich weiss, wie schnell er sein kann. Aber noch wichtiger sind die positive Einstellung und sein Charisma.» Sie haben gerade einige Gründe zu schwärmen bei Sauber. Josef Leberer ist Physiotherapeut bei den Schweizern, Wegbegleiter der Fahrer, Freund auch oft, wie er das von der ­Formel-1-Legende Ayrton Senna war.

Was macht er mit diesem Charles Leclerc, dass der die grösste sportliche Herausforderung seines Lebens mit einer solchen Selbstverständlichkeit meistert? Leberers Antwort: «Es ist wie bei Senna: Da könnte man an meiner Stelle auch einen Pandabären hinstellen.» Heisst: Leclerc bringt von sich aus vieles mit, was einen grossen Rennfahrer ausmacht. Vielleicht wird Vasseur bald nicht mehr gefragt, ob Leclerc denn nun ein künftiger Weltmeister sei – weil dieser die Antwort schon selbst gegeben hat. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.07.2018, 00:46 Uhr

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