Ricciardos spektakuläres Manöver

Red Bull siegt in China dank einer Wunder-Strategie. Teamkollege Verstappen bittet derweil Vettel zum Tanz.

Daniel Ricciardo überholt die Konkurrenz und siegt am Grand Prix in China. Video: TA

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Der eine lächelte oben auf dem Podest und schlürfte Schaumwein aus seinem schweissgetränkten Schuh. Der andere stand mit langem Gesicht im Fahrerlager und redete bedröppelt in die Fernseh­kameras. Dem einen hatten sie nach der Zieldurchfahrt per Funk ins Ohr gesäuselt: «Klinisch saubere Überholmanöver, grossartig!» Der andere hatte sich gerade ungemein ungeschickt angestellt auf dem Circuit von Shanghai. Ausgerechnet er, der als Überholkönig gepriesene Max Verstappen. Rang 5 statt vierter Sieg in der Formel 1 gab es für den jungen Holländer. Viel Schelte statt Lob.

Dieses bekam eben der eine, der mit dem Schuh: Daniel Ricciardo, Verstappens Teamkollege bei Red Bull, der endlich wieder einmal seinen «Shoey» zeigen konnte, einen «von verrückten Kerlen» erfundenen Brauch. Steht er auf dem Podest, zelebriert der 28-Jährige das gewöhnungsbedürftige Schlürfritual. Er tat das als Sieger. Es kam ohne Ansage.

Video: Daniel Ricciardo zeigt den «Shoey»

Teurer Champagner im verschwitzten Schuh: Zum Sieg in China gönnt sich Ricciardo einen Schluck. Video: TA

Am Anfang stand ein Griff der Red-Bull-Ingenieure in die Zauberkiste. 30 Runden waren gefahren, als Pierre Gasly genug davon hatte, in aussichts­loser Position hinter seinem Toro-Rosso-Kollegen Brendon Hartley herzuschleichen. Also rempelte er ihn von der Seite an und hinterliess reichlich Trümmer. Es waren so viele, dass kurz darauf der Safety-Car eingreifen musste, damit die Aufräumarbeiten beginnen konnten.

Als dieser Entscheid fiel, waren Leader Valtteri Bottas und Verfolger Sebastian Vettel bereits an der Boxeneinfahrt vorbeigefahren – und hatten die Männer an den Bildschirmen von Red Bull ihren Geistesblitz. Sie beorderten Verstappen und Ricciardo an die Garage, um ihnen weiche Reifen aufzuziehen. Der Doppelstopp funktionierte so vorzüglich wie bei ihrem ersten Versuch 13 Runden zuvor. Auf den Rängen 4 und 6 machten sich die Bullen auf zu ihrer Aufholjagd.

Verstappen gibt sich reumütig

Für Verstappen war es ein wilder Ritt. Der 20-Jährige geriet im Kampf um Rang 3 mit Hamilton aneinander und neben die Strecke. Ricciardo, der zuvor den Ferrari von Kimi Räikkönen ohne Probleme passiert hatte, fuhr an seinem ungestümen Stallgefährten vorbei. Kurz darauf überraschte er Hamilton mit einem zackigen Ausscheren vor einer Kurve. Per Funk hörte Ricciardo: «Der Nächste ist Vettel.» Der war wenig später fällig. Und als sich Ricciardo auch noch an Bottas vorbeigedrängt hatte, da waren sie so richtig in Feierlaune bei Red Bull.

Ein Coup ohne Ansage: Den Geistesblitz seiner Ingenieure nutzt Daniel Ricciardo zum Sieg in China. Foto: Peter J. Fox (Getty Images)

Wäre da nur nicht der andere gewesen, Verstappen. Anstatt es seinem Teamkollegen gleichzutun, auf den richtigen Moment für einen Angriff zu warten, weil noch viel Zeit war dafür, entschied er sich zu einem kleinen Tanz mit Vettel. Die beiden vollführten eine wunderbar synchrone Pirouette, nachdem Verstappen vergeblich versucht hatte, sich in einer Kurve vorbeizuzwängen.

Danach stand er mit langem Gesicht und einer 10-Sekunden-Strafe vor den Kameras. Und sagte: «Es war meine Schuld. Ich hätte noch eine Runde warten können.» Ja, die Worte ­kamen tatsächlich aus dem Mund des Holländers, der als unbelehrbar gilt, als einer, der sich von niemandem etwas sagen lässt. Reumütig gab er sich nun gar, entschuldigte sich bei Vettel, der ihm mit einem freundlichen Schulterklopfer verzieh. «Dumm gelaufen, aber es geht weiter», sagte der Deutsche. Er bleibt zwar WM-Leader, mit dem 8. Rang aber schrumpfte der Vorsprung auf ­Hamilton (4.) auf 9 Punkte, Bottas liegt 14 Punkte zurück.

Der Finne gehörte zu dem Bild auf dem Podest, das sich vor diesem Grand Prix niemand ausgemalt hatte. Wie ­Räikkönen. Was Bottas bei Mercedes, ist er bei Ferrari: die Nummer 2 hinter einem vierfachen Weltmeister. Ferrari hatte alles dafür getan, dass das in China so bleibt. Als alle zum ersten Mal die Reifen wechselten, liess es den Routinier auf der Strecke. Der stoische Nordländer liess das über sich ergehen, auch wenn er an der Spitze mit den alten Pneus zwei Sekunden pro Runde verlor, bis das Duo Bottas/Vettel aufschloss. Das Ziel war wohl, dass er Bottas einbremst, ­damit Vettel seine Führung zurückerobern kann. Es misslang. Nach dem Griff von Red Bull in die Zauberkiste war das am Ende ohnehin nur noch eine Randnotiz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2018, 09:58 Uhr

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