«Irgendwann zerstören wir den Mythos Formel 1»

Niki Lauda redet vor dem GP von Ungarn über seinen Unfall und zu viel Sicherheit.

Niki Lauda, dreifacher Weltmeister und Aufsichtsratvorsitzender von Mercedes.

Niki Lauda, dreifacher Weltmeister und Aufsichtsratvorsitzender von Mercedes. Bild: Keystone

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Am Dienstag jährt sich Ihr Unfall am Nürburgring zum 41. Mal …
… ach, das wusste ich gar nicht.

Sie begehen diesen Tag also nicht speziell?
Nein. Der geht vollkommen emotionslos an mir vorbei.

Ist der Unfall noch Teil Ihres Lebens?
Natürlich. Jedes Mal, wenn ich aufstehe und in den Spiegel schaue, sehe ich, dass ein Ohr fehlt.

Belastet Sie das?
Wenn ich das nicht schon damals bewältigt hätte, hätte ich nie mehr Rennen fahren können. Ich bin aber da durch und fuhr wieder. So war das erledigt für meinen Kopf. Ich lebe heute genauso gut wie ­vorher – auch ohne Ohr.

Sie erlitten starke Verbrennungen, fielen ins Koma, erhielten die Letzte Ölung, waren dem Tod näher als dem Leben. Wie war dieser Zustand?
Die Belastungen für Körper und Kopf wurden so gross, dass ich irgendwann das Gefühl hatte, ich würde in ein tiefes Loch fliegen. Es war aber ein angenehmer Flug. Ich dachte: Oha, jetzt stirbst du also. Da habe ich angefangen, aktiv den Ärzten zuzuhören, um von diesem – wenn auch angenehmen – Gefühl wegzukommen. Den Arzt von damals habe ich letztes Jahr in ­Hockenheim getroffen. Er sagte, meine Stärke war, dass ich nicht in Ohnmacht fiel. Denn wenn da oben (tippt sich an die Stirn) ausgeschaltet ist, dann ist man nur noch von Maschinen abhängig.

Und Sie wären dem Leben entflogen.
Ja, aber ich ging dazwischen.

Gibt es Momente, in denen dieses Gefühl zurückkommt?
Nein, zum Glück nicht. Dieses kann nur in dem Zustand kommen, in dem ich war.

Wie hat Sie das Erlebnis geprägt?
Ich war danach noch gefestigter. Einmal so richtig abzusaufen und dann wieder hochzukommen, ­diese Erfahrung bleibt. Ich bin ­geistig und als Typ stärker heraus­gekommen, als ich es vorher war.

Hatte der Unfall noch andere positive Auswirkungen?
Wenn mich etwas schmerzt und ich zum Arzt gehen muss, belastet mich das überhaupt nicht. Über eine Wurzelbehandlung am Zahn kann ich nur lachen.

Sie sind nur 42 Tage danach ein Rennen gefahren. Weshalb?
Weil es für mich um einen Grundsatzentscheid ging: Bin ich weiterhin bereit, dieses Risiko auf mich zu nehmen, oder nicht?

Sie haben dadurch Helden­status erlangt. Hat Ihnen das ­geholfen für Ihre Karriere?
Das ist Ihre Interpretation. Ich ­fühle mich weder als Held noch als ­etwas Besonderes. Denn wenn Ihnen so etwas passieren würde, dann würden Sie genauso reagieren wie ich, um am Leben zu bleiben.

Haben Sie gewisse Entscheidungen in Ihrem Leben anders getroffen, als Sie es ohne diesen Unfall getan hätten?
Die einzige Konsequenz, die ich aus dieser Erfahrung mit dem Tod zog, war, dass ich kein unnötiges Risiko mehr eingehe. Ich rutsche nicht in der Dusche aus, ich knalle nicht mit dem Auto in einen Baum, weil ich unvorsichtig war.

Waren Sie sich als Rennfahrer des Risikos immer bewusst?
Ja, deswegen war mein erster Gedanke nach dem Unfall auch, dass ich eigentlich ganz gut drauf bin, weil ich ja überlebt habe. Ich wusste, wie gefährlich es ist, zu meiner Zeit ist ja jedes Jahr mindestens einer tödlich verunglückt.

War das ein Teil der Faszination?
Mir wäre lieber gewesen, ohne Risiko fahren zu können. Die Faszination war, dieses Auto zu beherrschen und zu gewinnen, die Gefahr galt es einfach zu akzeptieren.

War es für die Fans ein Reiz, dass die Gefahr spür- und sehbar war?
Die Formel 1 war interessant, weil da ein paar Typen gefahren sind, die anders waren als normale Menschen, die dieses Risiko bewusst eingingen. Heute ist das deutlich ­anders – Gott sei Dank. Ich bin einfach ein absoluter Gegner dieses depperten Halos.

Das ist der Sicherheitsbügel, der ab 2018 vor dem Cockpit befestigt wird, um den Kopf des Fahrers zusätzlich zu schützen. Das müsste Ihnen mit Ihrer ­Geschichte doch gefallen.
Tut es nicht. Denn das Restrisiko ist jetzt schon null. Null! Und jetzt soll auch noch dieses Ding kommen. Die Menschen, die bewusst ein Risiko eingehen, braucht es dann erst recht nicht mehr in der Formel 1. Ist es dann noch die Serie, in der die besten Typen mit den schnellsten Autos fahren? Für mich ist der Halo ein Rückschritt. Jeder Fahrer muss wissen, dass es eine Gefahr gibt. Wie zu meiner Zeit. Und dann muss er entscheiden: Zähle ich zu den Menschen, die das auf sich nehmen, oder nicht?

Geht der Mythos verloren?
Der wird reduziert. Die Frage ist, ob es im allgemeinen Interesse ist, dass wir alle in einen Sicherheitswahn verfallen, weil wir Angst ­haben vor Klagen. Irgendwann zerstören wir den Mythos Formel 1.

Sind Entwicklungen im Sicherheitsbereich nicht in jedem Fall wünschenswert?
Die Entwicklung ist gut, gar keine Frage. Nur gibt es eine Grenze.

Was wäre, wenn sich ein Fahrer am Kopf verletzen würde und das mit dem Halo hätte ­verhindert werden können?
Wenn ein Rennfahrer die Super­lizenz für die Formel 1 bekommt, muss da draufstehen – wie es auf ­jedem Ticket steht: Sie sind auf eigenes Risiko hier. Damit würde eine mögliche Klagenflut abgewendet.

Kann das Sicherheitsdenken zum Problem für die Fahrer ­werden, weil das Fahren an sich unspektakulärer aussieht?
Die charakterlichen Anforderungen, die früher an den Typ Rennfahrer gestellt wurden, sind nicht mehr notwendig. Die Strecken sind sicher, die Autos auch, es passiert nichts. Die Fahrerpersönlichkeiten sind heute ganz andere.

Fehlen richtige Typen?
Es sind andere Typen, solche, die in die jetzige Zeit passen. Jeder ist auf Facebook und Twitter und all den Dingen. Für mich geht das weg von den eigentlichen Menschen. Jeder kreiert etwas um seine ­Person herum.

Wünschten Sie sich eine ­weniger gekünstelte Welt?
Ich wünsche mir, dass wir wieder über die echten Menschen reden. Heute postet ja jeder ein Bild, wenn er vom Strand zum Klo läuft. Das geht mir auf die Nerven.

Gibt es in der heutigen Formel 1 Figuren, die Sie faszinieren?
Hamilton ist der beste Typ für die Formel 1 überhaupt, mit all seinen Followern und all dem, was er so treibt. Bei Verstappen ist das auch so, der fährt mit seinen 19 Jahren allen um die Ohren und eckt oft an. Alonso ist ein Typ. Oder Vettel – auf seine Art. Der motzt zwar andauernd, aber auch er ist ein ­guter Typ. Räikkönen, Bottas, die reden nicht, das sind doch auch ­Typen. Es begeistern mich viele.

Wie wichtig ist für die Formel 1 das Duell zwischen Mercedes und Ferrari?
Sehr wichtig, man sieht es am ­steigenden Interesse. Hamilton kämpft gegen Vettel, zwei Weltmeister, besser kanns nicht sein.

Sie arbeiten für Mercedes, haben aber mit Ferrari zwei WM-Titel gewonnen. Welche Emotionen haben Sie?
Ich bin natürlich ein Ferrari-Fan. Wie jeder ein Ferrari-Fan ist, der die dortigen Emotionen kennt und spürt. Gerade deshalb aber ist es mir eine ganz besondere Freude, wenn wir sie schlagen können.

Die Formel 1 mag spannend sein. Diese Woche haben aber Porsche und auch Mercedes angekündigt, dass sie 2019 in die Elektroserie Formel E einsteigen. Auch Audi und BMW stossen dazu. Ist das die Serie der Zukunft?
Die Formel 1 bleibt für Mercedes klar das Wichtigste. Dass die Formel E die Zukunft sein muss für die Entwicklung von Strassenautos, ist klar. Jetzt hat diesbezüglich ein Wettlauf der grossen Hersteller begonnen. Die Formel E ist eine gute Ergänzung zur Formel 1.

Kann sie mehr werden als das?
Wie auf der Strasse wird auch im Motorsport lange parallel mit Verbrennungs- und Elektromotoren gefahren. Doch irgendwann werden alle Autos elektrisch fahren.

Und dann ist es für die Formel E soweit?
Nein, die Formel E ist wie die Formel 3: eine kleine Kategorie. Die Formel 1 wird immer das Grösste bleiben, auch wenn vollelektrisch gefahren werden sollte. Vielleicht gibt es dann eine Formel 1 E, eine Formel 2 E und eine Formel 3 E.

Blutet da Ihr Motorsport-Herz?
Tut es nicht. Ich habe einen E-Smart in Wien und jedes Mal eine riesige Freude, wenn ich Gas gebe. Wie der Kerl abhaut … Die elektrische Kraft, die aus dem Motor kommt, ohne Drehzahl aufzubauen, das ist schon geil.

Und das fehlende Geräusch?
Dieses Problem kann gelöst werden. Ich bin mir sicher, dass auch die Elektroautos auf der Strasse bald Geräusche von sich geben werden – schon der Sicherheit wegen.

Künstlicher Sound für den Motorsport: Das ist doch unvorstellbar.
Es geht halt nicht anders. Bald werden die Strassenautos so weit sein, dass ich auf der Fahrerseite einen röhrenden Motor hören kann, während meine Frau in der Stille sitzt.

Mit Ihrer Frau Birgit Wetzinger haben Sie vor acht Jahren Zwillinge bekommen. Jüngst waren diese erstmals an einem Formel-1-Rennen. Wieso haben Sie solange gewartet?
Weil ich grundsätzlich dagegen bin, dass Kinder zu Autorennen kommen. Meine Frau hat mich aber davon überzeugt, weil es in Österreich ein schönes Hotel ­hatte mit See und Pferden.

Sind sie Fan eines Piloten?
Max mag Hamilton, Mia Bottas. Perfekt aufgeteilt.

Sie hatten schon drei Kinder und sind mit 60 nochmals doppelt Vater geworden. Wie leben Sie mit dieser Heraus­forderung als nun 68-Jähriger?
Erst einmal musste ich bei der ­Geburt nichts tun. (lacht laut)

Aber Sie mussten zuschauen.
Auch das nicht. Im Ernst: Für mich ist es das Schönste in meinem ­Leben, dass ich meine Kinder ­heranwachsen sehe. Ich habe mehr Zeit als früher und erlebe das ­erstmals richtig mit. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.07.2017, 23:22 Uhr

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