«Ich traue nicht vielen über den Weg»

Beat Zehnder ist dienstältester Teammanager der Formel 1. Er spricht über das Jonglieren mit Millionen und sein Tief.

Viele sind abgesprungen, Beat Zehnder hat auch in der finanziellen Not durchgehalten – obwohl er sich schämte. Foto: Reto Oeschger

Viele sind abgesprungen, Beat Zehnder hat auch in der finanziellen Not durchgehalten – obwohl er sich schämte. Foto: Reto Oeschger

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Herr Zehnder, Sauber geht es finanziell gut, sportlich ist ein Fortschritt erkennbar. Hat es sich gelohnt, durchzuhalten?
Vielleicht hätte ich doch besser etwas Anständiges gelernt. (lacht)

Ist die Formel 1 unanständig?
Sie ist zumindest eine etwas surreale Welt, in der wir schauen müssen, dass wir mit den Füssen auf dem Boden bleiben.

Gibt es Leute, die den Halt verlieren?
Ganz bestimmt. Wir als Schweizer sind vermutlich weniger prädestiniert dafür, aber es gibt schon manche, die grössenwahnsinnig werden, die plötzlich das Gefühl haben, sie seien wichtiger, als sie es eigentlich sind. Jeder in der Formel 1, jeder Fahrer, jeder Teamchef ist nur Teil eines grossen Ganzen. Keiner darf sich zu wichtig nehmen.

Ist die Formel 1 eine ehrliche Welt?
Sie ist sehr politisch. Und wie überall, wo es um Politik geht, steckt nicht allzu viel Ehrlichkeit drin. Man blufft, man verbreitet Halbwahrheiten, Unwahrheiten – es gibt da einige Möglichkeiten. Viele grosse Teams instrumentalisieren auch die Medien, um etwas zu erreichen. Es werden Gerüchte gestreut, um bei der Konkurrenz Unruhe zu schaffen. Es geht um sehr viel Geld, deshalb ist unsere Welt auch nicht ganz ehrlich. Ich traue nicht vielen über den Weg.

Wem vertrauen Sie?
Es kommt ganz auf die Hierarchiestufe an, auf der man sich bewegt. Ich und die anderen neun Teammanager haben ein relativ gutes Verhältnis untereinander. Uns ist noch wichtig, dass das Produkt für alle gut ist, es schaut nicht jeder zu seinem eigenen Vorteil.

Im Gegensatz zu den Teamchefs?
Wenn einer gewinnen will, darf er nur auf die eigenen Vorteile schauen. So ist es auch in der Formel 1: Investiert jemand 400 Millionen Euro pro Jahr in ein Team, dann möchte er auch Weltmeister werden und tut alles dafür. Dann darf er nicht nach links oder rechts schauen.

Wie schwierig ist es, bei solchen Summen den Bezug zur Realität nicht zu verlieren?
Das kann schon schwierig sein. Wir hantieren mit Beträgen, mit denen man die Relation verlieren könnte. Eine Million mehr oder weniger? Das spielt doch keine Rolle.

So denken Sie?
Absolut nicht. Ich bin bei Sauber für die ganze Logistik zuständig. Auch wenn es uns finanziell besser geht: Mit Hotels zum Beispiel verhandle ich immer noch um die besten Preise. Schlägt eines um zehn Prozent auf, ohne dass es renoviert wurde, dann akzeptiere ich das nicht. Aber es ist schon so: Wenn ich mein Budget um eine halbe Million Franken überziehe, dann ist das heute sehr ärgerlich. Früher wäre es weit mehr gewesen.

Früher heisst 2015, 2016, als Sauber kurz vor dem Ende stand. Gab es Momente, in denen Sie alles hinschmeissen wollten?
Natürlich gab es die, da sollten Sie meine Frau fragen. Es war nicht so, dass ich die Nase voll hatte, aber ich war nervlich unglaublich angespannt.

Weshalb vor allem?
Die finanzielle Situation war prekär, der Druck und die nervliche Belastung nahmen enorm zu.

Zeigte sich das auch zu Hause?
Natürlich hat diese Situation auch mein Privatleben beeinflusst. Meine Frau hat mich dazu bewegt, mich zu ändern, als es kritisch wurde.

«Ich versprach Dinge, von denen ich wusste, dass ich sie höchstwahrscheinlich nicht einhalten kann.»

Was haben Sie getan?
Ich musste versuchen, die Probleme nach Arbeitsschluss so gut wie möglich hinter mir zu lassen. Aber: Ich war nie so weit, dass ich wirklich dachte, ich müsste aufhören. Ich wäre mit mir selber nicht klargekommen, wenn ich den Bettel hingeschmissen hätte. Eher wäre ich noch mit der Firma untergegangen.

Aber Sie verstehen, dass einige Ihrer Kollegen damals absprangen?
Natürlich verstehe ich das. Familienväter konnten das Risiko nicht eingehen, plötzlich auf der Strasse zu stehen.

Sie konnten Lieferanten, Hotels und Airlines nicht mehr oder nur verspätet bezahlen. Gab es Situationen, in denen Sie sich schämten?
Sicherlich. Es war ein schmaler Grat zwischen dem, was wir sagen konnten, und dem, was wir verheimlichen mussten. Wir mussten Prioritäten setzen, um die Firma am Leben zu halten. Es war der Tiefpunkt unserer Geschichte.

Sie wurden selber zum Schwindler?
Klar. Manchmal beabsichtigt, manchmal unbeabsichtigt. Ich versprach Dinge, von denen ich wusste, dass ich sie höchstwahrscheinlich nicht einhalten kann.

Wie haben Sie zu dieser Zeit Peter Sauber erlebt, der immer besonders viel Wert darauf gelegt hatte, das Unternehmen seriös zu führen?
Ich weiss, dass ihn das hart mitgenommen hat. Die negativen Schlagzeilen in der Schweiz waren damals sehr gross.

Wer trug die Schuld an diesem Desaster?
(überlegt) Wenn wir so wollen: BMW. Als es uns 2005 übernahm, hat niemand damit gerechnet, dass nach vier Jahren schon wieder Schluss sein würde. Dann aber kamen bei BMW ein neuer CEO und Technikvorstand, die neue Führung hatte mit der Formel 1 nicht mehr viel am Hut. Das alles hat uns erst in diese schwierige Situation gebracht.

Peter Sauber kaufte die Firma 2009 zurück. War er damit gut beraten?
Er hat das nur wegen uns Mitarbeitern getan, damit er von den 450 wenigstens 320 den Arbeitsplatz sichern konnte. Doch ich bin mir sicher, dass er sich ein paarmal gefragt hat, ob das wirklich sinnvoll war. Aber wenn wir schon dabei sind, Schuldige zu suchen, dann könnte man auch Bernie Ecclestone erwähnen.

Was hat der damalige Zampano der Formel 1 gemacht?
Als er plante, mit der Formel 1 an die Börse zu gehen, wollte er die grössten vier Rennställe an sich binden. Er unterbreitete Mercedes, Ferrari, Red Bull und McLaren also lukrative Verträge – und vernachlässigte alle anderen. Rund eine Milliarde Dollar wird pro Jahr an die Teams ausgeschüttet, davon erhalten die vier grossen 600 Millionen. Das ist doch ein Hohn. Würde das Geld gleichmässig verteilt, hätten wir auch 2015 und 2016 anständig leben können. Wir wären zwar nicht reich geworden mit der Formel 1, aber wir hätten nicht ums Überleben kämpfen müssen. Und das taten wir damals. Tag für Tag.

Zu dieser Zeit war Monisha Kaltenborn die Teamchefin. Auch sie wurde stark kritisiert. Wie haben Sie sie erlebt?
Sie hat für meine Begriffe einen guten Job gemacht. Peter hat ihr das Vertrauen geschenkt, dass sie für uns kämpft. Und das hat sie getan. Sie hat alles versucht, was möglich war, um Sauber zu retten.

Dann gelingt ihr das im Sommer 2016, findet in Longbow Finance eine neue Besitzerin – und wird zum Dank ein Jahr später entlassen. Weshalb?
Da kann ich Bernie Ecclestone zitieren, der nach seinem Rauswurf durch den neuen Formel-1-Besitzer Liberty Media sagte: «Wenn ich ein neues Auto kaufe, will ich auch selber damit fahren.» Die neuen Eigentümer wollten auch bei uns Leute hineinbringen, die sie kennen, in denen sie Potenzial sehen, die in ihre Richtung gehen wollen.

Hinter Longbow Finance steckt der Verpackungsriese Tetrapak und damit eine schwedische Industriellenfamilie. Wie viel Benzin fliesst in deren Blut?
Da müsste ich erst einmal an ihnen schnuppern. (lacht) Sie haben uns sicher nicht übernommen, weil sie ein Hobby brauchten. Am Ende ist die Formel 1 ein Geschäft, und ich denke, dass sie auch auf 2021 schauten, wenn sich kommerziell einiges ändern könnte.

Dann enden die Ecclestone-Verträge mit den grossen vier. Was erhoffen Sie sich von der Zeit danach?
Die Veränderungen könnten dazu führen, dass das Team durch eine faire Geldverteilung und dank Sponsoren gewinnbringend betrieben werden kann und wir mehr in Material und Personal investieren können.

Teamchef Frédéric Vasseur schwebt die Zahl 450 vor. Wieso braucht es 450 Angestellte für zwei Autos?
450 ist das Maximum für ein Privatteam, damit ist es möglich, relativ erfolgreich zu sein, also zu den besten Mannschaften zu gehören. Der Unterschied zu weniger Mitarbeitern ist simpel zu erklären: Zerbrechen sich in der Aerodynamikabteilung statt 70 Leute 200 ihre Köpfe und liefern Ideen, dann kommt deutlich mehr Output heraus.

Sauber ist abhängig von einer Firma. Gibt es die Sorge, dass sie die Lust verliert wie damals BMW?
Es ist unsere Aufgabe, zu schauen, dass sie die Lust nicht verliert. Es ist unsere Pflicht, unsere Dankbarkeit zu zeigen, indem wir richtig Gas geben und das Beste machen mit den Möglichkeiten, die sie uns zur Verfügung stellt. Denn ohne sie würde es uns nicht mehr geben, so einfach ist das.

Entschädigt Sie der jetzige Zustand für die Krisenzeit?
Nein, dafür reicht das nicht. Für das, was in den letzten Jahren passiert ist, müssten wir noch viele, viele Punkte gewinnen.

Was sind für Sie Momente der Befriedigung im Sport?
Die Befriedigung liegt darin, Sachen zu bewältigen, von denen jeder in der normalen Industrie sagen würde, dass es nicht geht. Drei Rennen in Folge mit den gleichen Leuten? Unmöglich! Bei uns jubelt zwar auch niemand darüber, wenn er drei Wochen weg ist von zu Hause, aber jeder akzeptiert das, jeder kniet sich voll hinein. Als sich Marcus Ericsson im Training von Monza mehrmals überschlug und das ganze Auto neu aufgebaut werden musste, da motzte keiner. Alle arbeiteten bis am Samstagmorgen um 5 Uhr am Auto. Solche Augenblicke sind für mich noch heute aussergewöhnlich.

Wurde während der Krisenzeitmehr gemotzt?
Es ist sicher einfacher, viel zu arbeiten, wenn man Erfolg hat. Das ist gut für das Seelenwohl und die Motivation. Das macht einen Riesenunterschied. Läuft es einmal nicht gut, sieht man das in den enttäuschten Gesichtern, dann ist die Stimmung im Keller. Aber nur kurz. Noch vor drei Jahren war das der Dauerzustand.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.09.2018, 17:58 Uhr

Beat Zehnder einst unerwünscht, nun schon seit 31 Jahren bei Sauber

Beat Zehnder hatte keine Ahnung vom Rennsport, als er sich 1987 bei Peter Sauber in Hinwil vorstellte. Dieser war in der Sportwagen-WM-Gruppe C engagiert. Maschinenmechaniker Zehnder, damals 21, war dem Patron zu jung und unerfahren. Doch sie versuchten es zusammen. Nun ist Zehnder seit 31 Jahren bei Sauber, seit 1994, der zweiten Saison in der Formel 1, ist er Teammanager und primär für die Logistik zuständig.(rha)

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