Hauptsache Lärm

Frauenfeld erlebt ein rauschendes und ohrenbetäubendes Motocrossfest mit speziellen Fans und zwei Schweizern im Fokus.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dann liegt er im Dreck. «Umgefallen wie ein Anfänger», wie er selber sagt. Abgedrängt von Jorge Prado Garcia, einem 16-jährigen Spanier, bekannt für seine harten Manöver. In der ersten Kurve. Sollte so sein Tag enden, der eigentlich ein ganz grosser hätte werden sollen für ihn? Jeremy Seewer rappelt sich auf, steigt zurück auf seine Motocross-­Maschine, mit schlechten Erfolgsaussichten. Von Platz 33 aus fährt er wieder los.

Doch dann zeigt der 23-jährige Bülacher, weshalb er als Ausnahmekönner gilt in seinem Sport. Seine Aufholjagd lässt noch einmal Gänsehautstimmung aufkommen in diesem Kessel nahe Frauenfeld. Sie endet auf Rang 5. Er sagt: «Ich weiss nicht, wie ich das gemacht habe.» Egal wie, jedenfalls ist er jetzt erst recht der Gefeierte dieses Motorsportfests im Thurgau.

Über 30'000 Zuschauer

Ein paar Stunden zuvor hat Seewer im ersten Rennen der MX2-Klasse (250-cm3-Motorräder) gezeigt, wo er eigentlich hingehört: nach ganz oben. Bis zum Ende wehrte er sich erfolgreich gegen die Angriffe des Franzosen Benoit Paturel – der später den zweiten Lauf für sich entscheidet – und gewann sein siebtes Rennen der Saison. Wegen des Ausrutschers am Nachmittag hat der junge Zürcher im WM-Klassement zwar nur einen Punkt gut gemacht auf Pauls Jonass und liegt noch 49 Punkte hinter dem Leader aus Lettland. Dennoch kann er bilanzieren: «Es war ein grossartiges Ereignis, etwas, das unser Sport in der Schweiz noch nie erlebt hat. Und ich war einer der Hauptdarsteller.» Es ist eine Untertreibung: Seewer war der Hauptdarsteller schlechthin. In den Fokus gerückt von den frenetischen Zuschauern. «Ohne die unglaublichen und verrückten Fans hätte ich es im zweiten Rennen nie so weit nach vorne geschafft», sagt er.

Über 30 000 sind auf das Areal der ­Zuckerfabrik im Frauenfelder Ortsteil Gachnang geströmt. Eigentlich wäre ja die Lärmkulisse hier, umgeben von ­Bauernhöfen und grasenden Kühen, schon wegen der kreischenden Motoren gross genug für Mensch und Tier. Vielen aber reicht das nicht. Deshalb haben sie Kettensägen mitgebracht und die Sägeblätter durch Auspuffe ersetzt. Sie lassen diese während der Rennen aufheulen, vor allem aber dann, wenn einmal süsse Stille herrscht über der Strecke «Schweizer Zucker».

Auch amputierte Motorräder säumen die Strecke, der Hinterteil fehlt, ohrenbetäubend sind sie auch so. Andere sind mit Megafon ausgerüstet oder lassen ihre eindrücklichen Treicheln hin- und herbaumeln. Einen schweren Stand haben da diejenigen, die ihren Ghettoblaster angeschleppt haben, und die Hunde, die von ihren Frauchen und Herrchen entlang der Piste Gassi geführt werden, weshalb auch immer.

Schweizer Überraschungssieg

Nicht einfach haben es auch die Speaker, die nur rund um die Haupttribüne zu hören sind. Viele können deshalb kaum verfolgen, wer wie im Rennen liegt. Doch an diesem Tag haben sie ­ohnehin nur Augen für die Schweizer.

Für Seewer. Und für ihn: Arnaud ­Tonus, der völlig überraschend das erste Rennen der MXGP, der höchsten Kategorie gewinnt. Es ist der erste Triumph für den 26-jährigen Genfer auf dieser Stufe. Der zweite Lauf endet für ihn mit einem heftigen Sturz, bei dem er von einem Motorrad am Helm getroffen wird – aber es endet für ihn auch ohne Verletzung.

Es gibt überhaupt einige Unfälle, das Terrain ist tief, es hat die ganze Woche über geregnet, am ­Morgen haben sie die Piste gewässert, um sie noch ein bisschen schmieriger und schwieriger zu machen. Der beissende Geruch des von der Sonne erhitzten Schlamms sticht in die Nase. Er wechselt sich ab mit Benzin-, Bratwurst- und Knoblauchschwaden.

Durch die braune Landschaft ziehen sich tiefe Furchen. Seewer mag genau das, überhaupt liegt ihm die Strecke. Obwohl er so wenig auf ihr trainieren kann wie die ausländischen Fahrer. Nicht, weil er mittlerweile in der belgischen Motocross-Hochburg Lommel wohnt, sondern weil diese extra für die WM-Läufe gebaut wird.

Jetzt wird wieder gebaggert

600 Lastwagenladungen an Aushub und Humus wurden herangekarrt, um die Piste für die Besten ihres Fachs herzurichten. 1,7 Kilometer lang ist sie, 15 Sprünge sorgen für Spektakel, die Piloten fliegen bis zu 30 Meter weit. Eine ­Erhebung hat beinahe eine senkrechte Anfahrtsrampe, über dieses Hindernis schleichen die Fahrer mehr, als dass sie springen. Auf den Geraden und den ­Kamelbuckeln direkt vor der Haupttribüne wirbeln sie aber mächtig Dreck auf. Ein letztes Mal um Viertel vor 6, als der Holländer Jeffrey Herlings im zweiten MXGP-Rennen als Sieger ins Ziel fliegt.

Die Strecke gehört jetzt wieder den ganz schweren Maschinen. Das Gebiet liegt teilweise in der Landwirtschaftszone, ­einige Hügel müssen nach dem Anlass abgetragen werden. Die Organisatoren hoffen, dass sie für das kommende Jahr, wenn die WM-Piloten zum dritten Mal nach Gachnang kommen, zumindest einen Teil der Strecke stehen lassen dürfen. Der Aufwand ist enorm. Die zahl­reichen Bagger neben und zwischen der Buckelpiste zeugen von der Arbeit, die einen Monat angedauert hat. Deren Schaufeln dienen den Fotografen während der Rennen als Podeste.

Beissender Geruch vom erhitzten Schlamm, Schwaden von Benzin und Knoblauch.

Rundherum füllen sich die Plätze auf den Tribünen und an den Abschrankungen bereits am frühen Morgen nach und nach, rappelvoll ist es dann, als der erste WM-Lauf ansteht. Wer der Liebling der Massen ist, ist unübersehbar.

Überall ist Seewers Nummer 91 zu ­sehen, auf Mützen, Shirts, auf Schweizer Fahnen. Sein Fanshop an der Strecke ist gut besucht. Schon vor seinem Sieg stehen rund 50 Leute Schlange, um eines seiner limitierten roten Leibchen mit goldener Startnummer zu erwerben. Im Fahrerlager, wo für 20 Franken jeder Zutritt bekommt, hat es vor dem Suzuki-Zelt bereits am Vormittag eine grosse Ansammlung von Menschen. Die Fahrer und Mechaniker bahnen sich mit ihren Motorrädern, Rollern, Velos und Quads nur mühsam den Weg durch die Menschenmenge, sie spielen mit dem Gasgriff oder hupen. «Da ist er», ruft ein Mädchen. Seewer kommt zu einem Sponsorentermin, posiert für Fotos.

Rund zwei Stunden sind es noch bis zu seinem ersten Galalauf. «Jetzt müssen wir ihn abschotten», sagt Denis Birrer, sein Manager. Vielleicht ist ihm entgangen, dass Seewer um Viertel vor 12 noch eine Autogrammstunde gibt, die ihrem Namen aber – zum Glück für den Zürcher – nicht gerecht wird. Nach 25 Minuten ist Schluss, Dutzende bleiben ohne Unterschrift des neuen Schweizer Sterns am Motocross-Himmel zurück.

Hinter dem Teambus entfährt Seewer ein Fluch, er hätte sich mehr Zeit gewünscht zur Vorbereitung auf seinen persönlichen Höhepunkt der Saison. Es bleiben nur 45 Minuten. Dass das offenbar reicht, beweist er später eindrücklich.

MXGP. 1. Rennen: 1. Tonus, Yamaha, 34:40,671. 2. Anstie (GBR), Husqvarna, 0,882. 3. Cairoli (ITA), KTM, 1,419. – 2. Rennen: 1. Herlings (NED), KTM, 34:26,611. 2. Paulin (FRA), Husqvarna, 4,557. – Gestürzt und out: Tonus. – WM-Stand (30/38): 1. Cairoli 605. 2. Herlings 508. 3. Paulin 486. – 9. Tonus 328.

MX2. 1. Rennen: 1. Seewer, Suzuki, 35:16,002. 2. Paturel (FRA), Yamaha, 0,620. 3. Jonass (LAT), KTM, 23,088. – 2. Rennen: 1. Paturel 35:22,061. 2. Covington (USA), Husqvarna, 4,826. 3. Jonass 10,043. – 5. Seewer 14,984. – WM-Stand (30/38): 1. Jonass 629. 2. Seewer 580. 3. Paturel 476.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2017, 22:35 Uhr

Artikel zum Thema

Der Traum, aus dem er nicht mehr erwacht

SonntagsZeitung Jeremy Seewer, 23, ist an der Motocross-WM in ­Frauenfeld der heimische Star. Das ist der Lohn für viel Verzicht und Hunderttausende Kilometer im Camper Mehr...

Lichtgestalt im Schlamm

An diesem Wochenende strömen Zehntausende Motocrossfans nach Frauenfeld. Auch, weil der junge Zürcher Jeremy Seewer um den WM-Titel kämpft. Mehr...

Aus dem Garten der Eltern an die Weltspitze

Jeremy Seewer (22) ist einer der besten Motocross-Fahrer. Der Bülacher hat sich den WM-­Titel zum Ziel gesetzt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Weniger Werbung

Der Poller Das Verschwinden aller Dinge

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...