Gelassenheit schlägt Panik

Lewis Hamilton ist zum vierten Mal Formel-1-Weltmeister. Weil er und Mercedes am Duell gewachsen sind, während bei Ferrari ein Klima der Hektik und Unsicherheit herrschte.

Überrundet – und am Ende trotzdem im Mittelpunkt: Lewis Hamilton feiert in Mexiko den WM-Titel. Foto: Henry Romero (Reuters)

Überrundet – und am Ende trotzdem im Mittelpunkt: Lewis Hamilton feiert in Mexiko den WM-Titel. Foto: Henry Romero (Reuters)

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Das hatte sich Lewis Hamilton anders vorgestellt. Ganz anders. Der 10. Sieg im 18. Rennen hätte es werden sollen, eine Triumphfahrt auch im Autódromo Hermanos Rodríguez vor 115'000 Zuschauern. Sieg und Titel in einem. Alles andere? Seiner unwürdig. Stattdessen kam es zur Demütigung. Hamilton wurde überrundet, zum ersten Mal seit viereinhalb Jahren. Max Verstappen im Red Bull zog vorbei, der junge Holländer, der in Mexiko zum dritten Mal einen Grand Prix gewann.

Hamilton war da ganz hinten im Feld, weil er beim Start mit Sebastian Vettel, dem grossen Rivalen, aneinandergeraten war. Dieser war aus der Poleposition gestartet und hatte im engen Kampf in den ersten Kurven mit seinem Ferrari-Frontflügel erst Verstappens Hinterrad touchiert. Hamilton, als Dritter losgefahren, versuchte zu profitieren. Doch der Deutsche erwischte auch ihn. So heftig, dass der Reifen am Mercedes platzte. Hamiltons Glück im Unglück: Vettel ruinierte sich den Frontflügel. Zwar startete der 30-Jährige eine Aufholjagd, die auf Rang 4 endete – um in den letzten zwei Rennen noch eine Chance auf den WM-Titel zu haben, hätte er aber gewinnen müssen. Hamilton wurde Neunter.

Einmalige Fähigkeiten

So also hatte Hamilton doch noch etwas zu feiern an diesem Sonntag in Mexiko. Der 32-Jährige ist zum vierten Mal Weltmeister und zieht mit Vettel gleich. Ferrari muss weiter auf seinen ersten Fahrertitel seit 2007 und Kimi Räikkönens Coup warten. Das liegt an Mercedes und Hamilton, der am hitzigen Zweikampf noch einmal gewachsen ist, an dessen Gelassenheit und einmaligen fahrerischen Fähigkeiten. Das liegt aber ebenso an den Italienern selbst.

Diese kamen stark aus dem Winter, düpierten den Dominator der letzten Jahre gleich in Australien mit einem Sieg von Vettel. Doch das war nur Ansporn für Mercedes, noch konzentrierter zu arbeiten, noch intensiver nach den Details zu suchen, die in diesem hochtechnologischen Sport den Ausschlag geben. Mercedes war ob der erstarkten Konkurrenz nicht gelähmt, es war motiviert, endlich herausgefordert. Seit der Umstellung im Jahr 2014 von 2,4-Liter-V8- auf V6-Turbo-Hybrid-­Motoren war es das nie mehr gewesen.

Nun lag Hamilton plötzlich zurück. Noch vor der Sommerpause fehlten ihm 14 Punkte auf Vettel. Dennoch kam nie Hektik auf. Die Ruhe und die Konstanz, die bei Mercedes herrschen, zahlten sich aus. «Jedes Rad dreht sich», sagte Toto Wolff, der Teamchef, im Frühjahr 2016 im Tages-Anzeiger. «Wir haben vor 2013 und der Regel­änderung damit begonnen, das Team umzustrukturieren. In dieser Situation befindet sich jetzt Ferrari. Es kamen viele neue Leute. Es dauert, bis diese Wechsel greifen.» Nun also schien das endlich der Fall zu sein.

Der Ferrari, vom ehemaligen Chef­designer Rory Byrne mitkonzipiert, der mit seinen Autos die Schumacher-Ära geprägt hatte, war ebenbürtig mit dem Mercedes, wenn nicht gar über­legen. Doch anstatt das Hoch zu nutzen, gelassen zu bleiben, weil man weiss, auf dem richtigen Weg zu sein, kam doch wieder Unruhe auf. Gift für ein Team. Enzo Ferrari hatte einst gesagt: «Du musst kontinuierlich arbeiten, sonst musst du dir über den Tod Gedanken machen.» Sie haben die Worte in Maranello nicht verstanden.

Ständige präsidiale Attacken

Von Kontinuität ist auch nach dem Umbruch 2014 nur wenig zu sehen. Damals ersetzte Maurizio Arrivabene als Teamchef Marco Mattiacci, Sergio Marchionne als Präsident Luca di Montezemolo, es wurden die Design-, Motoren-, Technik- und Datenanalysechefs entlassen – und insgesamt über 100 Leute. 2016 musste James Allison, der Technische Direktor, gehen. Und der Sitz von Teamchef Arrivabene? Ein Schleudersitz. Immer wieder wurde er von Präsident Marchionne attackiert.

Der 65-Jährige ist der lebende Beweis für das Klima, das bei Ferrari herrscht: Nervosität, Hektik, Dauerdruck. Während sich Vettel als Dritter auf dem Podest von Monza neben den Mercedes-Piloten fühlte «wie der König der Welt», polterte Marchionne: «Ferrari hat auf allen Ebenen versagt.»

Monza war der Wendepunkt im WM-Duell. Hamilton gewann danach auch in Singapur, Japan, den USA. Nur in Malaysia und nun in Mexiko war Verstappen schneller. Vettel dagegen war in Singapur in eine Startkollision mit Verstappen und Räikkönen verwickelt, in Malaysia und Japan versagte die Technik. Man kann das Pech nennen, doch das greift zu kurz. Selbst Marchionne sagt: «An Pech glaube ich nicht.»

Vettel passt mit seinem Temperament ganz gut zu seinem Arbeitgeber. In Baku fuhr er während einer Safety-Car-Phase neben Hamilton und rempelte ihn an, weil er sich von einem angeblichen Bremsmanöver des Briten provoziert fühlte. Den Unfall in Singapur hat er zumindest mitverursacht.

Und dass nur Ferrari, nicht aber Mercedes unter technischen Defekten litt, hat auch wenig mit Pech zu tun. Das sah auch Marchionne so. Er redete von der Unfähigkeit seiner Leute, entliess kurzerhand den Chef der Ferrari-­Qualitätskontrolle. Ross Brawn, einst der starke Mann hinter Michael Schumacher, kommentierte: «Was für ein Albtraum! Das Team gerät unnötig unter Druck. Dabei sollte es gerade jetzt ruhig bleiben und sich angstfrei auf die WM-Entscheidung konzentrieren können.» Der Rat kam zu spät. Wahrscheinlich hätten sie ihn bei Ferrari ohnehin nicht gehört.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.10.2017, 23:27 Uhr

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