Es ist Zeit, stolz zu sein

Sébastien Buemi war einst Formel-1-Pilot wie viele andere – doch er ist mehr als das. Der Schweizer ist doppelter Weltmeister. Und noch immer Gold wert für ein Team der Königsklasse.

«Bei den Kindern zu schlafen wäre schwierig»: Sébastien Buemi im Interview vor dem Rennen. Video: Fabian Sanginés und René Hauri.

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Sébastien Buemi also ist einer von denen. Einer der Fahrer, die sich aus der Formel 1 nach ein paar Grands Prix hatten verabschieden müssen und in der Formel E gelandet sind, der Elektro­serie, über die sie noch immer schmunzeln in der selbst ernannten ­Königsklasse des Motorsports. In diesem Auffang­becken, in dem diese Saison acht Piloten am Start sind, die sich beim grossen Bruder nicht hatten durchsetzen können.

Bei Buemi kam das Ende 2011, nach drei Saisons, 55 Rennen, den Rängen 16, 16 und 15 in der WM. Red Bull, das auch Toro Rosso unterhält, Buemis damaligen Rennstall, hatte kein Cockpit mehr für den Waadtländer. Die Enttäuschung sass tief. 2005 hatte er vom Getränkegiganten noch den Ritterschlag erhalten, war in dessen Förderprogramm aufgenommen worden. «Und ich hatte auch das Gefühl, in der Formel 1 einen guten Job gemacht zu haben. Aber Red Bull bezahlt, Red Bull entscheidet», sagt er.

Das Lob von Red Bull

Der Traum endete abrupt, ist aber noch nicht ausgeträumt. Wobei Buemi nicht von einem Traum reden mag, wenn er über die Formel 1 spricht. Vielmehr ist sie für ihn noch immer eine realistische Option. Er sagt: «Wenn ein Angebot kommt, müsste ich das gut anschauen. Es macht auch in der Formel 1 keinen Spass, nur um Platz 15 zu kämpfen.»

Einmal ums Central mit Sébastien Buemi. Video: Tamedia

Zurück um jeden Preis, das ist nichts für Buemi. Er hat Ansprüche. Und: Er weiss um seinen Wert, um seine Qualitäten. Für Red Bull, das in dieser Formel-1-­Saison die Werksteams von Mercedes und Ferrari fordert, sind diese immerhin so unverzichtbar, dass dem Romand im Team weiterhin eine zentrale Rolle zukommt. Der 29-Jährige ist seit der Absetzung als Stammpilot Ersatz- und Testfahrer bei den Österreichern. Rund 30 Tage im Jahr verbringt er in deren Simulator im englischen Milton Keynes, hilft, den Rennwagen weiterzuentwickeln. Ende Jahr läuft der Vertrag aus, Buemi ist zuversichtlich, dass er verlängert wird.

Helmut Marko, Berater des Teams und in der Formel 1 ehrfurchtsvoll «der Doktor» genannt, sagt: «Er macht einen fantastischen Job.» Doch nicht nur auf der künstlichen, auch auf der echten Strecke stellt Buemi seine Fähigkeiten regelmässig unter ­Beweis. Etwa 2014, als er mit Toyota Langstreckenweltmeister wurde und in der Premierensaison der Formel E Zweiter – ein Punkt fehlte zu Nelson Piquet junior.

Ein Jahr später war er mit seinem Renault auch Meister dieser Klasse. Buemi ist der Mann mit den meisten Siegen, mit den meisten Polepositions in der Elek­troserie. Den derzeitigen 5. Zwischenrang erklärt er so: «Wir haben uns zu sehr auf das Auto der nächsten Generation konzentriert.» Nissan wird dann in seinem Team Renault ablösen.

Ein Kart zu Weihnachten

Buemi jedenfalls ist überzeugt: Er würde es auch in der Formel 1 noch einmal ­hinkriegen. Er wendet seine dunkelbraunen Augen ab, löst den festen Blick, er sagt: «Aber ich bin eigentlich ganz ­zufrieden mit dem, was ich habe.»

Er ist Rennfahrer von Beruf. So simpel das klingt, so beschwerlich ist der Weg dorthin. Bei Buemi begann dieser in den Weihnachtstagen 1993, er war fünf und sein Vater Toni auf der Suche nach einem passenden Geschenk. Wie Onkel Olivier Gachnang für seine Tochter Natacha. Also sassen die beiden zusammen, überlegten – herausgekommen ist das: Die beiden sollen Karts kriegen. Es gibt durchaus Dinge, über die sich Kinder weniger freuen würden.

Stunde um Stunde, Tag für Tag kurvten die beiden vor der Garage Gachnang in Aigle herum. Als der Platz ausging, fuhren die Familien an Rennstrecken in Frankreich, drei Jahre lang, dreimal pro Woche. Gachnang wurde Rennfahrerin. Buemi setzte zur grossen Karriere an: 1997 konnte er seine erste Lizenz lösen, 1998 wurde er Schweizer Meister im Minikart. 2004 stieg er in den Formelsport ein, 2009 erreichte er die Formel 1, den Gipfel eines Rennfahrerlebens. Dann also musste er erstmals etwas hinuntersteigen, in die Langstrecken-WM, in die Formel E.

Buemi kurvt mit seinem Boliden durch Zürich. Video: Tamedia

«Das wird eine komische Serie»

Doch von wegen Abstieg: Plötzlich ist die Elektrorennserie auf bestem Weg, eine grosse Bühne im Motorsport zu werden. «Teil dieser Meisterschaft zu sein und diese Entwicklung hautnah mitzuerleben, macht mich stolz.» Sagt Buemi heute. Und zu Beginn? «Da dachte ich: ‹Das ist ein Witz. Das Auto ist nicht schnell, das wird eine komische Serie.›» Er liess sich umstimmen.

Es klopfte 2014 ja auch nicht irgendwer an: Es war Alain Prost, Renn-Ikone, vierfacher Formel-1-Weltmeister und: Mitbesitzer des e.Dams-Renault-Teams. Bereut hat Buemi die Zusage nie. Das Fahrerfeld ist stark, das Auto schwierig zu handlen, «und es macht Spass». Im Rennen geht es nicht nur darum, sich zu behaupten, sondern auch darum, mit dem Boliden möglichst haushälterisch umzugehen. Bis zu 80 Prozent der verbrauchten Energie können per Rekuperation zurückgewonnen werden, etwa beim Anbremsen. Die Fahrer entscheiden, wo sie wie viel Kraft einsetzen. Es ist ein ständiges Tüfteln, die Gedanken kreisen, die Ansprüche sind hoch.

Auch die Formel E kann also durchaus ihren Reiz haben und eine passable Heimat sein für einen Rennfahrer. Die ­E-Prix in den Metropolen dieser Welt sind Höhepunkte, jeder für sich.

In diesem Jahr ist alles noch etwas spezieller für Sébastien Buemi. Da ist ein Rennen besonders dick angestrichen in seinem Kalender. 10. Juni: E-Prix von ­Zürich. Heimrennen. «Ich hätte mir nie erträumt, dass ich je in der Schweiz ­fahren würde. Jetzt wird das tatsächlich Wirklichkeit. Ich freue mich riesig», sagt er. Sein letzter Wettkampf auf heimischem Boden? 2002, mit 14, im Kart. 16 Jahre später, als gestandener Pilot, kehrt er also zurück. Es soll einer der grössten Momente werden in seiner Karriere. Wenn es nach ihm geht, müsste der nächste gleich eine Woche später folgen. Dann macht sich wieder eine Viertel­million Menschen auf den Weg nach Le Mans, um das legendäre 24-Stunden-Rennen zu sehen. Buemi möchte dort endlich als Sieger aufs Podest steigen.

Bewusst die Familie geniessen

Es gibt sie also im Leben des Schweizers, die ganz grossen Augenblicke als Pilot, die Auftritte vor Hunderttausenden, die Tage, an denen er an der Geschichte des Motorsports mitschreiben kann. Ganz ohne Formel 1. Buemi sagt: «Klar muss ich in meinem Job immer mehr wollen, nach Höherem streben, sonst werde ich nicht besser. Aber irgendwann muss ich auch sagen: Ich bin stolz darauf, was ich erreicht habe und wo ich bin. Es ist nicht so schlecht gelaufen für mich.»

Er schätzt sein Leben, auch wenn er einige Opfer bringen muss. Weltenbummler Buemi ist nur selten zu Hause in Aigle, wohin er nach acht Jahren in Monaco zurückgekehrt ist und wo er mit Frau Jennifer und den Söhnen Jules (2) und Théo (4 Monate) lebt. «Es ist nicht einfach, so viel unterwegs zu sein», sagt er. «Aber das ist nun einmal meine Arbeit, es gibt keine andere Möglichkeit. Und: Wenn ich dann einmal zu Hause bin, dann geniesse ich das viel mehr, als wenn ich nie weg wäre. Es ist mir in ­diesen Momenten ganz bewusst, wie wichtig die Familie ist.»

Am Sonntag wird sie an der Strecke stehen und Papa Buemi anfeuern. Bei seinem ersten Heimrennen seit seinem 15. Lebensjahr. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.06.2018, 15:18 Uhr

Herausforderer I

Lucas di Grassi - Der ewige Rivale

Seit dem Premierenrennen sitzt Lucas di Grassi in der Formel E am Steuer. Und er tut dies äusserst ­erfolgreich. In der ersten Saison noch Dritter, steigerte er sich stetig, wurde in Jahr 2 Zweiter und gewann letztes Jahr die Meisterschaft. Dafür musste der 33-Jährige aber das Pech von Sébastien Buemi beanspruchen: Der in der Gesamtwertung führende Schweizer wurde im zweitletzten Rennen wegen eines untergewichtigen Autos disqualifiziert und musste im letzten E-Prix nach einer Startkaram­bolage wegen eines Trümmerteils an ­seinem Heckflügel an die Box. Der Schweizer holte keinen einzigen Punkt, di Grassi war Weltmeister. Der Brasilianer, der auch schon 18 Formel-1-Grands-Prix bestritt und 2016 Zweiter in der Langstrecken-WM wurde, liefert sich seit Beginn der Serie ein Duell mit Buemi. Mit 24 Podestplätzen bei 42 Starts hat er die Nase vorn (Buemi 20 bei 40), bei den Siegen liegt der Schweizer aber klar in Führung (12:6).

Herausforderer II

Jean-Eric Vergne - Der Führende

58 Formel-1-Rennen bestritt Jean-Eric Vergne in seiner Karriere. In Erinnerung bleibt aber vor allem der Start in seine letzte Saison in der Königsklasse: 2014 schaffte er es in den ersten acht Rennen nur dreimal ins Ziel. Am Ende des Jahres musste er seinen Platz bei Toro Rosso dann Max Verstappen überlassen. Also kam der Franzose in die Formel E. Sein erstes Rennen bestritt er im Andretti, am Ende wurde er WM-Siebter. Für die Saison 2015/16 sass er am Steuer eines Virgin, ehe er beim chinesischen Team Techeetah unterschrieb. Während es in der ersten Saison noch so wirkte, als würde er von seinem alten Fluch eingeholt werden, er in drei von zwölf Rennen ausschied, fuhr er in dieser Saison konstant gut. In den neun bisherigen ­E-Prix war er nie schlechter als Fünfter, fuhr fünfmal aufs Podest. Er führt in der Gesamtwertung. Vor dem Rennen in ­Zürich und den zwei abschliessenden in New York liegt er 40 Punkte vor dem Briten Sam Bird. Sein Punktekonto kann er nicht nur mit guten Rennen aufstocken: In der Formel E werden auch für die Poleposition (3) und die schnellste Runde (1) Punkte verteilt. (abb)

Der andere Schweizer

Edoardo Mortara - Der Benzin-Italiener

Wer in dieser Saison auf die Formel-E-Ranglisten schaut, sieht: Nicht nur neben Sébastien Buemis Namen hat es ein Schweizer Kreuz, es gibt noch ein zweites. «Edoardo Mortara» steht daneben. Der Sohn einer Französin und eines Italieners wurde in Genf geboren, wuchs dort auf und besitzt den italienischen sowie den Schweizer Pass.
Zum Motorsport fand Mortara früh. Er begann mit Kartrennen und startete 2007 in der Formel-3-Europa­serie, die er zwei Jahre später gewann. 2011 trat er erstmals in der DTM an. In acht Jahren fuhr er bis heute ­23-mal aufs Podest – 9-mal stand er zuoberst. Hierzulande sorgte das nie für Aufsehen, denn der heute 31-Jährige ging in allen Serien mit einer italienischen Lizenz an der Start. Erst seit er in dieser Saison in der Formel E am Steuer eines Venturi sitzt, tut er das unter der Flagge seines Heimatlandes – und das auch erfolgreich. Beim 2. Rennen der Saison in Hongkong fuhr Mortara auf den 2. Platz. (abb)

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