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«Es ist abartig, was da abgeht»

Am Sonntag startet Tom Lüthi in Katar in sein Moto-GP-Abenteuer. Der 31-Jährige über die Probleme auf der grösseren Maschine, seine Ungeduld und sein Vorbild Valentino Rossi.

Tom Lüthi blickt auf einen Neubeginn: Nach der Grösse in der Moto 2 ist er nun ein Nobody im Moto GP. Foto: Paolo Dutto (13 Photo)
Tom Lüthi blickt auf einen Neubeginn: Nach der Grösse in der Moto 2 ist er nun ein Nobody im Moto GP. Foto: Paolo Dutto (13 Photo)

Sind Sie vor dem ersten Moto-GP-Rennen Ihrer Karriere ungeduldig, stolz oder nervös?

Alles zusammen. Nervös am wenigsten, aber die Grenze ist fliessend zur Ungeduld. Es ist schwierig, zu akzeptieren, dass ich so viel Zeit benötige, um schneller zu sein. Ich bin kein besonders geduldiger Mensch und habe während der Tests in den letzten Wochen gelitten. Es wäre jedoch fatal, etwas erzwingen zu wollen. Das Motorrad würde mich auf den Mond katapultieren, sollte ich es mit der Brechstange versuchen.

Sie waren jahrelang Siegfahrer oder mindestens Top-5-Kandidat in der Moto-2-Klasse. Nun werden Sie im Moto GP auf einmal weit entfernt von der Spitze sein. Ist es für Sie schwierig, damit umzugehen?

Die Leute in meinem Umfeld wissen wie ich Bescheid, was auf mich zukommt. Menschen, die den Sport nicht so genau verfolgen, erwarten von mir möglicherweise zu viel. Sie sind es nicht gewohnt, dass ich hinterherfahre. Aber so ist nun einmal die Realität.

Wie erklären Sie diesen Leuten den Unterschied zwischen Moto 2 und Moto GP anschaulich – ist das wie Skoda und Ferrari?

(lacht) Der grösste Unterschied sind schon die PS, von 130 auf 280, bei ähnlichem Gewicht. Dadurch haben wir deutlich mehr Elektronik, die es zu bedienen gilt. Es ist ein ganz anderes Fahren, eine andere Linie, ein neuer Stil, alles ist viel komplexer. Aber ich will die Moto 2 nicht kleinreden. Das ist nun einfach eine grössere Liga. Doch am Ende ist es keine neue Sportart, es ist immer noch ein Töff mit zwei Rädern.

Erwarteten Sie, dass es für sie so ein gewaltiger Schritt sein würde?

Ich hatte keine exakten Vorstellungen. Ich merkte bald, dass es schwierig ist, schnell schneller zu werden. Es war teilweise zum Verzweifeln. Aber alle sagen, ich müsse ruhig bleiben, jeder Rookie habe es am Anfang schwer, es gehe nur Schritt für Schritt.

Aber es war doch klar, dass Sie als Moto-GP-Lehrling nicht gleich ­Bestzeiten fahren würden.

Logisch, aber es dauert alles so lange. Ich kann leider nicht zwei Lernschritte überspringen, sonst endet das böse. Mir fehlen schlicht die Kilometer, um dort zu sein, wo ich sein möchte.

Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

Das kann ich noch nicht definieren. Ich möchte konkurrenzfähig sein, auch einmal Punkte holen, irgendwann in die Top 10 fahren. Doch es bringt nichts, wenn ich mich noch stärker unter Druck setze. Ich brauche viel Zeit.

Und die Stärke Ihrer Maschine liess sich nicht auf einem Strassenmotorrad simulieren?

Das habe ich mir tatsächlich überlegt, aber es gibt keinen Töff, der auch nur annähernd an die Dimensionen einer ­Moto-GP-Maschine herankommt. Es sind so viele Dinge, die neu sind. Ich kann als Beispiel die Hinterradbremse nennen, die viel öfter im Einsatz ist, weil so viel Leistung zur Verfügung steht. Das ist ein extremes Umgewöhnen, zumal das Kurvenverhalten komplett anders ist. Da muss ich bei 170 Stundenkilometern noch irgendwie den Fuss zwischen ­Asphalt und Töff bringen, im Moto 2 lässt man die Maschine viel mehr rollen in den Kurven.

Sie haben in den Tests um die 2 Sekunden auf die Schnellsten ­verloren. Wissen Sie, wo Sie diese Zeit einbüssten?

Das summiert sich. Wenn ich in einer Kurve nur schon einen halben Meter zu spät dran bin, hat das Auswirkungen auf das Hinausfahren, dann ist sofort eine halbe Sekunde weg. Ich erkenne bei anderen die perfekte Linie, das sieht gar nicht so kompliziert aus. Aber eben, es ist verdammt schwierig, das Timing zu finden. Ich habe im Winter oft am TV stundenlang die Fahrten von Marc Marquez, Valentino Rossi und anderen studiert, während ich auf dem Hometrainer sass. In der Theorie weiss ich Bescheid (schmunzelt).

Sie sagten, es sei manchmal zum Verzweifeln …

… ja, ja, aber keine Sorge, ich habe das im Griff. Die Leute im Team helfen mir, wir haben auch einen Fahrlehrer, der uns unterstützt, Videos dreht, die Strecke beobachtet, Kurventipps gibt. Das ist alles sehr professionell, das Team besitzt viel Erfahrung, es hat jede Menge Fachkräfte.

Ihr neuer Teamkollege Franco Morbidelli schlug Sie 2017 im Moto-2-WM-Titelkampf. Wie läuft die Zusammenarbeit bei Marc-VDS-Honda?

Er ist ein cooler Typ, noch ruhiger als ich. Wir haben uns an ein paar Team­anlässen kennen gelernt, einmal feierten wir sogar noch seinen WM-Titel – das wäre nicht unbedingt nötig gewesen (lacht). Er fährt schon ganz ordentlich, aber er hat halt ein paar Testfahrten mehr machen können, als ich im Herbst noch verletzt war.

Nach Ihren ersten Testfahrten vor zwei Jahren sagten Sie mit ­strahlenden Augen, es sei das ­Allergrösste, auf einer Moto-GP-­Maschine zu sitzen. Diese ­Faszination ging nicht verloren?

Nein, im Gegenteil. Es ist abartig, was da abgeht, diese Beschleunigung kann man mit nichts vergleichen, mit keinem Auto, das Drehmoment ist wahnsinnig, nicht zu beschreiben. Das muss man erlebt ­haben. Und jetzt geht es ja in Katar erst richtig los.

Sie sagen, Sie benötigen Zeit. Aber die haben Sie ja im Grunde nicht, weil Sie sich sofort für einen neuen Vertrag aufdrängen müssen.

So ist es. Ich habe einen Einjahres­vertrag, aber das darf keine Rolle spielen. Das Team besitzt eine Option, die es bis im Sommer einlösen kann. Ich muss mich auf mich und den Moment konzentrieren, Runde für Runde, Training für Training, Rennen für Rennen. Es ist frustrierend, dass ich noch nicht besser bin. Aber man muss auch sagen, es ist alles sehr eng, teilweise sind 15, 17 Fahrer innerhalb 1 Sekunde klassiert, das macht es für mich nicht einfacher. Zudem weiss ich nicht, wie es im Rennen sein wird; es ist viel taktischer, meine Pace ist auf langer Strecke ganz gut. Und ich habe hart geschuftet, um körperlich voll bereit zu sein.

Sie sehen fit aus wie noch nie.

Ich habe immer Wert auf Kondition und Kraft gelegt. In diesem Winter war es unser Ziel, mein Gewicht von 67 auf 70 Kilo zu steigern. Das ist uns fast gelungen.

Wieso ist es wichtig, dass Sie mehr Muskeln haben?

Es gibt Fahrer wie Rossi oder Morbidelli, die sind Striche in der Landschaft, bewegen den Moto-GP-Töff aber brillant. Ich sprach kürzlich mit Marc Marquez, der im Winter wie ich Muskeln aufgebaut hat. Ich fragte ihn, wieso er das tue, er sei doch wieder Weltmeister geworden. Marc meinte, er brauche das, er fühle sich noch besser und sicherer.

Was bringt Ihnen die grössere Muskelmasse konkret?

Es geht mir nicht darum, einfach ein Kasten zu sein. Es hilft zum Beispiel auch bei Stürzen, wenn man kompakter ist. Aber der Lüthi wird nie ein riesiges Dreieck sein (schmunzelt), das will ich auch gar nicht. Durch den Aufstieg in die Moto-GP-Klasse haben sich einfach die Anforderungen an mich total verändert.

Wie äussert sich das?

Viele Details müssen stimmen, um ein guter Moto-GP-Fahrer zu sein. Wenn ich topfit und kräftig bin, habe ich den Kopf während des Fahrens völlig frei. Wir sind viel schneller unterwegs, fahren mit 340 Stundenkilometer auf eine Kurve zu, das sind gewaltige Kräfte, die wirken. Und ich muss dabei noch ständig überlegen, was ich mit der viel umfangreicheren Technik nun genau machen muss, es hat mehr Knöpfe – für die Fahrhilfe, die Traktionskontrolle, das Bremsverhalten. Es ist vorteilhaft, wenn ich mich total darauf konzentrieren kann und nicht auch physisch ständig am Limit bin.

Haben Sie bei all der Arbeit auch einmal Zeit gehabt, stolz zu sein, sich Ihren Bubentraum erfüllt zu haben?

Das ist eine gute Frage. Ich habe viele Gratulationen erhalten; die Menschen freuen sich mit mir über den Aufstieg in die Königsklasse. Aber so richtig bewusst wird es mir wohl erst am Startwochenende in Katar werden. Das ist der Lohn für die harte Arbeit der letzten Jahre. Irgendwann sah es ja so aus, als ob ich es nicht mehr schaffen würde.

Nun treten Sie gegen Ihr Vorbild an, Superstar Valentino Rossi.

Ich denke nicht, dass er schlaflose Nächte hat, weil ich nun auch dabei bin. Ernsthaft: Das ist unglaublich, sein Poster hing in meinem Kinderzimmer, wobei er damals selber noch sehr jung war, 16 oder 17, und noch in der kleinsten ­Kategorie fuhr. Und heute ist er der grösste Star in der Szene.

Um es nochmals mit einem Vergleich zu versuchen: Der Moto-GP-Fahrer hat Champions- League-Niveau, der Moto-2-Fahrer Europa-League-Niveau?

Im Schnitt stimmt das, in der Moto GP sind die Fahrer viel kompletter. Fast jeder wurde einmal irgendwo Weltmeister. Das Niveau ist wirklich gigantisch hoch.

Und wer wird 2018 Weltmeister?

Es hat einige Kandidaten, Marquez gilt es zu schlagen. Aber eigentlich ist es mir egal, ich habe genug mit mir zu tun.

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