Die Euphorie endet mit einem Knall

Ferrari sehnte sich nach der grossen Befreiung. Dann kollidiert Vettel in der ersten Runde mit Rivale Hamilton.

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Es reichte ein Rumms, und schon war die ganze schöne Stimmung dahin. Da wurde es plötzlich ­ruhig im mit viel Hysterie aufgeladenen Autodromo Nazionale von Monza, schwappten all die grenzenlos euphorischen Emotionen ins Gegenteil über.

Erste Runde, zweite Schikane, vorbei war es mit den ganz grossen Träumen der Tifosi. Einmal mehr war Lewis Hamilton der Spielverderber im Ferrari-Land. Er attackierte Sebastian Vettel, der als Zweiter hinter Teamkollege Kimi Räikkönen losgefahren war, lag mit der silbernen Nase seines Mercedes vor seinem WM-Rivalen – dann knallte es. Einzig der Ferrari drehte sich. Hamilton aber fuhr weiter, als wäre ihm nur gerade eine Fliege ans Auto geklatscht.

Der Mann dagegen, der nun mit seinem roten Wagen in verkehrter Richtung auf der Strecke stand, der sah richtig Rot unter seinem Helm. «Das war dumm», funkte Vettel also in der ersten Wut. «Wo wollte der da hin?» Nun, Hamilton wollte vorbei, und das gelang ihm auch.

Hinterher, als sich die Aufregung ein klein wenig gelegt hatte, und der Deutsche mit Rang 4 immerhin noch ein bisschen Schadensbegrenzung betrieben hatte, sagte er: «Hätte ich vorher gewusst, wie das ausgehen wird, hätte ich es natürlich anders ­gemacht. Ich hätte auf der inneren Linie mehr attackiert. So aber hatte ich Pech, dass es mich ­erwischt hat.»

Der Titel so nah – eigentlich

Ja, es hat Vettel erwischt. Wieder einmal in dieser Saison, in der Ferrari das in den letzten Jahren übermächtige Mercedes derart unter Druck setzt, dass der seit elf Jahren heiss ersehnte WM-Titel eigentlich so nah scheint wie schon lange nicht mehr – und doch immer weiter in die Ferne rückt. Wegen Situationen wie der gestrigen, in der Vettel durchaus auch mehr hätte zurückstecken können. Wegen Ausrutschern wie auf der nassen Piste in Hockenheim oder anderen Fehlern des vierfachen Weltmeisters.

Wie hatte Nico Rosberg, der Weltmeister von 2016, vor dem Rennen gesagt? «Sebastian weiss, dass er keine Fehler machen sollte. Er hat in dieser Saison schon genug gemacht.» Dann knallte es in der ersten Runde.

Anstatt den Rückstand an diesem für Ferrari wichtigsten Wochenende zu verkleinern, vergrösserte er sich von 17 auf 30 Punkte. Sieben Rennen bleiben, um den italienischen Hunger auf den ersten WM-Titel seit Räikkönen 2007 doch noch zu stillen.

Auch in Monza warten die Südländer schon seit 2010 und Fernando Alonsos Sieg darauf, zum ganz grossen Jubel anzusetzen. Denn auch diesen Gefallen machte Mercedes den Zehntausenden in Rot nicht, die lange die Hoffnung hatten, dass dieser Sonntag doch noch irgendwie gut herauskommen könnte.

Nachdem Hamilton in der vierten Runde auch das Auto von Räikkönen überholt hatte, schlug der Finne gleich zurück und führte das Rennen an. Bis er in einer silbernen Zange steckenblieb: Valtteri Bottas bremste seinen finnischen Landsmann ein und half Teamoberhaupt Hamilton, der mit frischen Reifen aufrücken konnte. Neun Runden vor Schluss war es dann auch um ­Räikkönen geschehen.

Frust, Pfiffe, Buhrufe

Erster Hamilton, Zweiter Räikkönen, Dritter Bottas, Vierter Vettel: Es war nicht das Bild, das sie sich vor diesem Sonntag ausgemalt hatten beim Rennstall mit dem sich aufbäumenden Pferd im Logo. Das Aufbäumen muss warten –vielmehr gab es eine nächste Schmach vor Heimpublikum. Der Frust entlud sich in ohrenbetäubenden Pfiffen und Buhrufen gegen die Männer auf den Rängen 1 und 3.

Hamiltons Laune tat das so wenig einen Abbruch wie die Bemerkung des hadernden Vettels unter dem Helm. «Zu solchen Aussagen kommt es in der Hitze des Gefechts. Ich weiss, wie es ist, solche Emotionen zu haben», sagte der Brite. Von solchen ist er derzeit aber ganz weit weg.

Monza (ITA). Grand Prix von Italien
(52 Runden à 5,891 km/306,720 km):
1. Lewis Hamilton (GBR), Mercedes, 1:16:54,484 (239,288). 2. Kimi Räikkönen (FIN), Ferrari, 8,705 Sekunden zurück. 3. Valtteri Bottas (FIN), Mercedes, 14,066. 4. Sebastian Vettel (GER), Ferrari, 16,151. 5.* Max Verstappen (NED), Red Bull-Renault, 18,208. 6. Esteban Ocon (FRA), Racing Point Force India-Mercedes, 57,761. 7. Sergio Perez (MEX), Racing Point Force India-Mercedes, 58,678. 8. Carlos Sainz (ESP), Renault, 1:28,140. 9. eine Runde zurück: Lance Stroll (CAN), Williams-Mercedes. 10. Sergej Sirotkin (RUS), Williams-Mercedes. 11. Charles Leclerc (MON), Alfa Romeo Sauber-Ferrari. 12. Stoffel Vandoorne (BEL), McLaren-Renault. 13. Nico Hülkenberg (GER), Renault. 14. Pierre Gasly (FRA), Toro Rosso-Honda. 15. Marcus Ericsson (SWE), Alfa Romeo Sauber-Ferrari. 16. Kevin Magnussen (DEN), Haas-Ferrari. - * = 5-Sekunden-Strafe (Behinderung Bottas)
Ausfälle: Brendon Hartley (NZL), Toro Rosso-Honda (1. Runde/an 16. Stelle): Aufhängung. Fernando Alonso (ESP), McLaren-Renault (9./11.): Motor. Daniel Ricciardo (AUS), Red Bull-Renault (24./11.): Motor. - Disqualifiziert: Romain Grosjean (FRA/SUI), Haas-Ferrari (nicht regelkonformen Unterboden).

WM-Stand (14/21).
Fahrer: 1. Hamilton 256. 2. Vettel 226. 3. Räikkönen 164. 4. Bottas 159. 5. Verstappen 130. 6. Ricciardo 118. 7. Hülkenberg 52. 8. Magnussen 49. 9. Perez 46. 10. Ocon 45. 11. Alonso 44. 12. Sainz 34. 13. Gasly 28. 14. Grosjean 27. 15. Leclerc 13. 16. Vandoorne 8. 17. Stroll 6. 18. Ericsson 6. 19. Hartley 2. 20. Sirotkin 1.
Teams: 1. Mercedes 415. 2. Ferrari 390. 3. Red Bull-Renault 248. 4. Renault 86. 5. Haas-Ferrari 76. 6. McLaren-Renault 52. 7.* Racing Point Force India-Mercedes 32. 8. Toro Rosso-Honda 30. 9. Alfa Romeo Sauber-Ferrari 19. 10. Williams-Mercedes 7. - * Nach dem Besitzer- und Namenwechsel wurden die zuvor gewonnenen 59 Punkte aus der Team-Wertung gelöscht.
(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.09.2018, 20:09 Uhr

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