Die Erinnerung schwingt immer mit

Robert Kubica verlor bei einem Unfall fast den Arm. Trotz Handicap setzt das Formel-1-Team Williams auf ihn.

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Tiefe, breite Furchen schlängeln sich den rechten Arm hoch. Es sind zwei, drei Narben, fingerbreit, die sich den Weg bahnen durch die Haut, beim Ellbogen laufen sie zusammen. Ein Strang läuft weiter, den Oberarm hoch, und verschwindet unter dem weissen ­T-Shirt.

Robert Kubica reicht die rechte Hand, schmal ist sie, wie die geschundene Extremität, an der sie hängt, während des Gesprächs liegt sie reglos auf dem Tisch.

Das also ist sie, Kubicas bleibende Erinnerung an das, was ihn 2011 aus seinem Leben als Rennfahrer riss.

Der Pole suchte immer und überall die Grenze, galt am Steuer als waghalsig, als unerschrocken, als ungemein ­talentiert. Im Frühjahr 2011, bei den Formel-1-Tests in Valencia hat er im Renault gerade die Bestzeit gefahren, startet er zu einer kleinen Rallye nahe Genua. Mit einem Skoda Fabia rast er über die Strassen, durch die engen Gassen – bis es heftig knallt. Eine Leitplanke bohrt sich in sein Auto, reisst es auf bis zum Schalthebel und ­seinen Arm fast ab. Es folgen: bange Momente, ­sieben Stunden Operation, künstliches Koma, weitere Eingriffe, zwei Monate im Spital. Die Amputation, die als wahrscheinlich gilt, können die Ärzte abwenden. Seine Karriere als Rennfahrer aber, die würde wohl vorbei sein.

Der Kopf – kahl, aber überzeugt

Über sieben Jahre danach also liegt der gezeichnete Arm auf einem weissen Tisch beim Team Williams, sitzt ein spitzbübisch lächelnder Robert Kubica dahinter. Einige Haare an den Schläfen haben in der Zeit den Kampf gegen den Ausfall verloren, 33 ist er nun. Sonst aber wirkt vieles, wie es einst war.

Kubica ist Rennfahrer wie damals, nach Starts in Rallyes zurück auf der grössten Bühne. Er spricht über Reifentemperaturen, Balanceprobleme beim Auto, von Williams’ Schwierigkeiten in dieser Saison. Er sagt, wie fokussiert er sei, «sobald ich aus der Garage fahre», dass er in dem Moment alles andere vergisst, «auch meine physische Einschränkung. Es spielt sich viel im Kopf ab. Und der hat in letzter Zeit einiges an Überzeugung und Zuversicht gewonnen.»

Doch man fragt sich schon: Wie geht das? Wie will der Mann, der seine ­Formel-1-Karriere 2006 bei BMW Sauber lancierte, nach jahrelangem Unterbruch und mit derart malträtierter rechter Körperhälfte den enormen Belastungen standhalten? Wie soll er am Steuer bei Tempo 350 virtuos Knöpfe drücken und drehen, während er dem Mehrfachen seines Köpergewichts ausgesetzt ist?

Jeder Einsatz nährte die Hoffnungen auf ein wundersames Comeback als Stammpilot.

Nun, es geht. Sagt er. Sagt Nico Rosberg, Formel-1-Weltmeister von 2016 und Kubicas Berater. Sie haben es zur Genüge ausprobiert: im letzten Sommer in einem Lotus von 2012, nach dem GP von Ungarn in einem aktuellen Renault, im Winter bei Tests für Williams.

Jeder Einsatz nährte die Hoffnungen auf ein wundersames Comeback als Stammpilot. Daraus geworden ist dann nichts, der junge Russe Sergei Sirotkin beerbte an Kubicas Stelle den frei gewordenen Sitz von Felipe Massa bei Williams. Dem Rückkehrer blieb der Posten als Test- und Ersatzfahrer.

In der Formel 1 sorgte das nicht eben für Begeisterung. Der schmächtige Mann aus Krakau ist beliebt, bei Fans und Gegnern, er ist hoch geschätzt. ­Lewis Hamilton, der Gefühlsfahrer der Formel 1, adelt ihn mit den Worten: «Er ist ein Naturtalent, wie es in diesem Sport nicht viele gibt, und einer der Schnellsten, gegen die ich je angetreten bin. Hätte er weiterfahren können, wäre er vermutlich Weltmeister geworden.»

Pilot bei den grösten Teams, das wäre er geworden, Weltmeister? Vielleicht.

Ja, was wäre eigentlich gewesen, wenn . . . Kubica zieht die Augenbrauen hoch. Er sagt: «Ich stelle mir diese Frage nicht, weil ich die Antwort schon kenne.» Welche das ist, mag er dann nicht sagen, sie lässt sich aber erahnen. Jüngst hat er verraten, dass er kurz vor dem Unfall auf dem Absprung war zu Ferrari. Pilot bei den grössten Teams, das wäre er geworden. Weltmeister? Vielleicht.

Kubica wird auf seinem langen Weg zurück, diesem «steten Auf und Ab», wie er es nennt, oft darüber nachgedacht ­haben. Über seinen Unfall, seinen Werdegang, die Zeit bei BMW Sauber, an 2007, als er in Kanada mit dem Wagen aus ­Hinwil abflog, durch die Luft schleuderte, aufschlug, bis nur noch das Wrack des F1.07 übrig war – und er praktisch ­unverletzt ausstieg. Oder an 2008: wieder Montreal, noch immer BMW Sauber. Es gab den ersten und bis jetzt letzten Sieg für die Schweizer: Robert Kubica vor Nick Heidfeld, seinem Teamkollegen.

An diesem Wochenende fährt die Formel 1 wieder in Kanada. Doch an den ­Erinnerungen aufhalten mag sich Kubica nicht. Er hat gerade eine Menge zu tun, seine ­Fähigkeiten sind jetzt wieder ­gefragt, Williams will weg vom letzten Platz und braucht dafür die Erfahrung des Polen. Kubica lebt in der Gegenwart. Weil er ­seinen Platz gefunden hat – und es ­keinen Grund mehr gibt für Sehnsucht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2018, 11:54 Uhr

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