Der Bremsklotz der Formel 1

Bernd Mayländer ist seit 17 Jahren Teil der Formel 1. Als Safety-Car-Fahrer las er einst Michael Schumacher am Streckenrand auf.

An der Spitze der Königsklasse: Der 46-jährige Bernd Mayländer gibt den Takt vor. Foto: Getty Images

An der Spitze der Königsklasse: Der 46-jährige Bernd Mayländer gibt den Takt vor. Foto: Getty Images

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Mit 280 Stundenkilometern rast er über die Strassen inmitten von Baku, der Hauptstadt Aserbeidschans. Bernd Mayländer, der ehemalige Rennfahrer, im Rausch der Geschwindigkeit, am Limit. Er blickt in den Rückspiegel – und sieht das: «Die hinter mir fahren zickzack.» Sie wärmen die Reifen auf, nicht, dass die noch abkühlen bei dieser Bummelei. Es kommt der Funkspruch: «Bernd, kannst du noch etwas schneller?» Der Beifahrer schaut ihn mit grossen Augen an. Mayländer sagt: «Ich kann nicht schneller fahren, höchstens schneller abfliegen.»

Der Deutsche muss schmunzeln, während er das erzählt. «Die Formel-1-Autos sind so ungeheuerlich rasant – das kann sich kaum einer vorstellen. Ich weiss, dass es langsam aussieht, wenn ich das Feld anführe. Aber wie hoch das Tempo wirklich ist, kann niemand einschätzen, der noch nie dabei war.»

Bernd Mayländer zeigt das F1 Safety Car Mercedes-AMG GT S. Video: Motorsport-Magazin

Er an der Spitze der Königsklasse des Automobilsports, es ist längst zur Gewohnheit geworden für den 46-Jährigen. Mayländer pilotiert den Safety-Car in der Formel 1, seit 17 Jahren schon und dem Grand Prix von Australien 2000. Damals sei er sich vorgekommen wie ein Schauspieler, der erstmals eine Bühne betritt. «Es war richtig viel Adrenalin dabei.» Das ist heute, 312 Grands Prix später, nicht viel anders. «Wenn ich einen Unfall sehe, schnellt das Adrenalin hoch», er legt automatisch den ersten Gang ein, wartet Ende der Boxengasse auf das Kommando, «deploy Safety-Car», los gehts. Von 0 auf 100.

«Ach ja, ich kenne die Sprüche»

Aus dem ziemlich entspannten Zuschauer, der in seinem Auto auf zwei Monitoren das Geschehen auf der Strecke beobachtet, zusammen mit einem Beifahrer, mit dem er vor jedem Grand Prix auf die ersten drei Plätze wettet, wird ein Rennfahrer, der seinen Mercedes GT S mit 520 PS um die Strecke jagt. Und dann bekommt er von der Rennkontrolle diesen Funkspruch zu hören, oder wird hinterher von den Piloten ­gefoppt wegen seines angeblich lang­samen Tempos.

Mayländer, der einstige Tourenwagenfahrer, der in der DTM ein Rennen gewann, ein Bremsklotz – er stört sich nicht daran. «Ach ja, ich kenne die Sprüche. Aber damit kann ich gut ­leben. Schliesslich wollen wir ja das Feld verlangsamen und zusammenhalten, damit die Helfer bei der Unfallstelle ein grösseres Zeitfenster erhalten», sagt er. «Wenn ich nicht einen Strassen-, ­sondern einen Rennwagen fahren würde, wäre das kontraproduktiv für die Sicherheit.»

Fahrkurse in Lappland

Um die geht es beim Baden-Württemberger meist, nicht nur als Safety-Car-Fahrer der Formel 1, der Formel 2, der GP3 und des Porsche Supercup. Er bietet Fahrkurse an, auf dem Nürburgring oder im Winter in Lappland, ist engagiert bei Projekten der Verkehrssicherheit. Allerdings braucht Mayländer, der 2006 sein letztes Rennen gefahren ist, auch das Gefühl, in einem richtigen Sportauto zu sitzen. Deshalb stellt er sich auch als Renntaxi-Fahrer zur Verfügung, als Pilot für Leute, die auch mal über eine Rennstrecke brettern wollen. «Es ist ganz gut, das Gespür für einen Rennwagen zu behalten.» So weiss er auch besser einzuschätzen, wann es zu gefährlich ist für einen Start.

Wie im letzten Jahr in Silverstone und Monaco, wo er bei nasser Strecke Runde um Runde vor den Rennautos herfuhr, bis die Strecke genügend abgetrocknet war – auch wenn das für Unmut bei Fahrer und Fans führte, für Pfiffe auf den Tribünen. «Ich verstehe das. Auch, dass die Piloten früher losfahren möchten. Aber wenn dann etwas schiefgehen würde, wäre der Spiess ganz schnell umgedreht.» Immerhin sieht das neue Reglement vor, dass nach den langen Prozessionsfahrten bei Regen auch stehend gestartet werden kann.

Wann das Rennen freigegeben wird, entscheiden die Rennkontrolleure um Direktor Charlie Whiting. «Mein Beifahrer sagt permanent, wie er die Situation einschätzt. Auch ich rede mit, aber er ist für den ganzen Funkverkehr verantwortlich», sagt Mayländer und erklärt damit auch, weshalb er nicht allein unterwegs ist: «Den Funk und die Lichter bedienen, sich auf das Fahren konzentrieren – es wäre zu viel für einen. Und: Vier Augen und Ohren sehen und hören besser.»

«Das hat mich mitgenommen»

Die zwei zusätzlichen Augen und Ohren, die gehörten seit Beginn von Mayländers Safety-Car-Laufbahn Peter Tibbetts. Letztes Jahr ging dieser in Rente, seither ist Richard Darker der Mann an seiner Seite. «Er hat die Ruhe weg, das passt. Wir sind schon ein eingespieltes Team. Und sein Magen verträgt meine Fahrweise», Mayländer schmunzelt.

Einmal, da gehörten die zwei Augen und Ohren, die neben ihm guckten und lauschten, einem ganz Prominenten: ­Michael Schumacher, Rekordweltmeister, Mayländer einer seiner Fans. 2001 war es, als der siebenfache König der Formel 1 auf dem Hockenheimring eine Mitfahrgelegenheit suchte, weil er mit seinem Ferrari stehen geblieben war. «Ich war auf der Auslaufrunde und fuhr hinter dem letzten Auto her. Ich dachte: Der ist sicher froh, wenn ihn einer mitnimmt.» Also lud ihn Mayländer auf, «das war ein schöner Moment.»

Sein Alltag aber ist geprägt von weniger schönen Momenten, von Unfällen. Dann muss manchmal auch Bernd ­Mayländer mit all seiner Erfahrung leer schlucken. Etwa 2014 beim GP von Japan, als der junge Franzose Jules Bianchi auf regennasser Fahrbahn die Kontrolle über seinen Marussia verloren hatte und in das Heck eines Bergungsfahrzeugs prallte. Nach neun Monaten im Koma verstarb er. «Das hat mich sehr mitgenommen. Wenn ich im Safety-Car sitze, mache ich zwar nur meinen Job, aber im Nachhinein muss ich das schon verarbeiten. Plötzlich wird man in die Realität zurückgerissen, die da heisst: Motorsport kann sehr gefährlich sein. Man flieht häufig aus dieser Realität – und dann wachen alle wieder auf.»

Lichter auf dem Dienstwagen

Glücklicherweise hat er wenige solcher Tragödien erlebt in seinen 17 Jahren in dem Job, in den er einst hineingerutscht ist. Mayländer erinnert sich genau an den Anruf, damals, 1996, als Mercedes auf dem Magny-Cours erstmals einen ­Safety-Car stellen sollte und sich kurzerhand bei seinem Angestellten meldete: «Wie viele Kilometer hat dein Auto auf dem Tacho?», wurde er gefragt, so erzählt es Mayländer. Die 4000 Kilometer passten den Verantwortlichen von Mercedes, er solle seinen Dienstwagen doch bitte nach Stuttgart bringen.

Mayländer tat das. «Sie schraubten Lichter drauf, und fertig war der erste Safety-Car von Mercedes. Es war mein Dienstwagen mit dem Kennzeichen Stuttgart, BM 300.» Als der Platz im ­Sicherheitsauto vier Jahre später frei wurde, lag es nahe, dass der Automobilverband FIA auf ihn zukam. Mayländer bereut es bis heute nicht, das Angebot angenommen zu haben. «Ich habe Spass, ein tolles Umfeld und bin Teil der Formel 1.» Wenn auch ein lang­samer Teil.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2017, 22:55 Uhr

«Plötzlich wird man in die Realität zurück­gerissen, die da heisst: Motorsport kann sehr gefährlich sein», sagt Bernd Mayländer. Foto: Morio (Wikimedia)

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