Der atemberaubende Wuschelkopf

Charles Leclerc (20) gewann, was es zu gewinnen gab. Morgen startet er mit Sauber in das Abenteuer Formel 1.

Charles Leclerc gilt bereits als potenzieller Nachfolger von Altmeister Kimi Räikkönen im Ferrari. Foto: Mark Thompson (Getty Images)

Charles Leclerc gilt bereits als potenzieller Nachfolger von Altmeister Kimi Räikkönen im Ferrari. Foto: Mark Thompson (Getty Images)

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Monegasse, 20 Jahre alt, Formel-1-Fahrer. Das Bild ist gezeichnet. Viel Glamour, viel Bling-Bling, eine Prise Arroganz.

Es steht ein Jüngling im Fahrerlager, Wuschelfrisur, Grübchen in den Wangen, verträumte Augen. Er unterhält sich mit einem Mann, um die 30, mit Sonnenbrille und Blindenstock. Er sagt: «Morgen habe ich Zeit, um Kaffee zu trinken.» Der Mann lächelt, bedankt sich. Er war glühender Fan von ­Jules Bianchi, dem Franzosen, bis dieser mit einem Knall in einen Bergungskran in Japan aus dem Leben gerissen wurde. Mit dem Jüngling tauscht er Erinnerungen aus, Bianchi war dessen bester Freund.

Charles Leclerc heisst dieser, auch er ein aussergewöhnliches Talent hinter dem Steuer. Aufgestiegen auf diese Saison hin in die Königsklasse, auf direktem Weg, als Sieger der Nachwuchsklassen GP3 und Formel 2. Zwei Saisons brauchte er hierfür. Besser geht es nicht. Nun soll er dem Sauber-Team dabei helfen, näher ans Mittelfeld heranzurücken.

Nicht an Ferrari denken

Marcus Ericsson ist sein Teamkollege. Er sagt: «Seine Karriere ist beeindruckend. Er ist einer der besten Jungen, die je in die Formel 1 kamen.» Und: «Er ist ein netter Kerl. Es ist sehr angenehm mit ihm.» Frédéric Vasseur ist sein Chef. Für dessen Team ART Grand Prix hat Leclerc den Titel in der GP3 geholt. Vasseur sagt: «Ich kenne Charles seit vielen Jahren. Ich weiss genau, wie schnell er ist. Aber noch wichtiger sind sein Charisma und seine positive Einstellung. Er ist im Team sehr beliebt. Ich bin vollkommen davon überzeugt, dass er den Job erledigen kann.» Aber, sagt der Franzose noch, «er muss sich voll auf die Aufgabe bei uns konzentrieren. Er darf nicht an Ferrari denken.»

Ja, denn auch das ist dieses mit Lob überschüttete Wunderkind aus Monaco – noch bevor es sein allererstes Rennen in der Formel 1 gefahren ist: der potenzielle Nachfolger von Altmeister Kimi Räikkönen bei der grossen Scuderia. Die Italiener, die Sauber mit ihren Motoren beliefern, wollen ihren Nachwuchspiloten bei den Schweizern darauf vorbereiten. Es wäre die Erfüllung eines Kindheitstraums, der frühe Höhepunkt einer jungen Karriere.

Es scheint gerade alles sehr rund zu laufen im Leben des Charles Leclerc: Start an diesem Wochenende in Australien, auf der schillerndsten Bühne, in einem Team, bei dem er sich in ziemlicher Ruhe an die neue Herausforderung herantasten kann; die Aussicht auf ein Cockpit beim traditionsreichsten und begehrtesten Rennstall. Das alles mit 20 Jahren. Atemberaubend. Ein Leben auf der Überholspur. Es ist das nicht immer.

Der Sieg nach dem Tod

Sommer 2017: Leclerc soll als Leader der Formel 2 nach Baku reisen, die Läufe 7 und 8 stehen an. Es ist Mittwoch, noch drei Tage bis zum ersten Rennen. Er wird ihm für immer in Erinnerung bleiben. Es ist der Tag, an dem sein Vater Hervé stirbt, völlig unerwartet, mit 54. Es trifft den Sohn wie ein Blitz. Der Mann, der sein Leben lang an seiner Seite stand, so viel geopfert hatte für die Karriere des Sohnes, ist nicht mehr.

Charles macht sich trotzdem auf nach Aserbeidschan. «Er hätte sich gewünscht, dass ich fahre», sagt er. Auf dem Frontflügel seines Autos steht: «Ich liebe dich Papa.» Leclerc rast im Qualifying zur Bestzeit, fährt die schnellste Rennrunde, siegt. «Mein Vater war das ganze Wochenende in meinem Kopf. Ich wollte ihn stolz machen und ehren. ­Genau das hat er verdient», sagt er. Der Weg sollte nicht enden, nicht jetzt, so kurz vor dem Sprung in die grosse ­Motorsport-Welt. Der Weg, der so lange ihr gemeinsamer war.

2010 steht die Karriere vor dem Ende: Dem ­Vater ist das Geld ­ausgegangen.

Viereinhalb ist der kleine Charles, als er eines Morgens nicht in den Kindergarten gehen mag. Er fühle sich nicht gut, sagt er seinen Eltern. Also nimmt ihn sein Vater mit zu einem Bekannten, Philippe Bianchi, ein Jugendfreund. Der hat eine Kartbahn, weiter die Küste runter, in Brignoles. Und einen 12-jährigen Sohn, der schon ganz flott seine Runden dreht: Jules Bianchi. Charles will es ihm gleichtun, setzt sich in einen Kart. Philippe Bianchi zieht ihn an einem Seil hinter seinem Kart her, eine halbe Runde, dann löst er es, Charles ist begeistert.

So sehr, dass er das nächste Mal direkt in den Wagen hüpft und losfährt. Sein Vater steht am Rand der Kartbahn, winkt und schreit seinen Namen. Es sind keine Anfeuerungsrufe, der Knirps hat den Helm nicht aufgesetzt. «Ich war so fasziniert vom Motorsport, dass ich alles andere vergass.»

Der Enthusiasmus bringt ihn weit. 2005 ist sein erstes Jahr im Kartsport, er wird französischer Meister. Er gewinnt fast alles, was es zu gewinnen gibt. Bis seine Karriere 2010 vor dem Ende steht. Nichts von Bling-Bling und Glamour: Dem Vater ist das Geld ausgegangen. Jules Bianchi, längst ein Freund, wendet sich an seinen Manager Nicolas Todt, Sohn von Jean Todt, Präsident des Welt-Automobilverbands FIA. Todt junior verspricht, sich dieses Talent anzuschauen. Leclerc muss liefern – und gewinnt den prestigeträchtigen Monaco Kart Cup.

Die Parallelen zu Jules Bianchi

Nicolas Todt kümmert sich fortan um die Verträge und Sponsoren, Leclerc fährt weiter von Sieg zu Sieg, wird 2016 in Ferraris Junioren-Programm aufgenommen, wie einst Bianchi, entscheidet die höchsten Nachwuchsklassen im Formelsport für sich und erhält einen Sitz im Sauber-Team. Diesen hatte auch ­Bianchi in Aussicht, als es zum verhängnisvollen Abflug in Japan kam.

In nur zwei Jahren hat Charles Leclerc zwei seiner wichtigsten Bezugspersonen verloren. «Es war eine sehr schwierige Zeit, aber es hat mich auch stärker gemacht. Ich musste sehr schnell erwachsen werden», sagt er. «Ich verdanke meinem Vater und Jules sehr viel. Ich widme ihnen jedes Rennen.»

Morgen gibts in Australien das erste auf der ganz grossen Bühne. Der ­Wuschelkopf verschwindet dann wieder unter dem Helm. Wenn er ihn vor lauter Aufregung nicht vergisst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2018, 00:11 Uhr

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Sie machten sich keine Illusionen bei Sauber. Frédéric Vasseur, im letzten Sommer als Teamchef für die entlassene Monisha Kaltenborn gekommen, sagte immer und immer wieder: «Es ist ein mittel- bis langfristiges Projekt.» Niemand soll in dieser Saison Wunder erwarten von seinem Rennstall. Schon gar nicht zu Beginn in Australien.

Nur: Was es gestern gab, war enttäuschend für die Schweizer. Dass Marcus Ericsson und Charles Leclerc in beiden Trainings am Ende des Feldes lagen, kam nicht unerwartet. Dass der Rückstand auf Rang 18 und Rookie Sergei Sirotkin im Williams aber über acht Zehntel betrug, ist ernüchternd. «Ich hatte erwartet, viel näher dran zu sein», sagte Ericsson. Es scheint, als müsste sich der Schwede, der seit 48 Rennen auf einen Punktgewinn wartet, weiter gedulden.

Die Hoffnung bei Sauber ist, dass der Abstand Schritt für Schritt verringert werden kann. Mit diesem Auto sollte das möglich sein, glaubt Jörg Zander, der Technische Direktor. Unter seiner Leitung entstand ein komplett neuer Rennwagen. Dieser bilde eine gute Basis, auf der nun aufgebaut werden könne, sagt der Deutsche. Die finanzielle Grundlage dafür ist gegeben: dank der Übernahme durch die Investment-Gesellschaft Longbow Finance im Sommer 2016 und Neo-Partner Alfa Romeo, der vorerst nur Sponsor und Namensgeber zu Alfa Romeo Sauber ist. Zudem brummt im C37 ein aktueller Ferrari-Motor, 2017 tat das noch ein Vorjahresmodell. (rha)


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