«Danke, Gott, dass ich hier bin»

Einst stand sein Name bei Sauber für Hoffnung. Fünf Jahre später ist Sergei Sirotkin in der Formel 1 angelangt.

In der neuen grossen Motorsportwelt: Sergei Sirotkin (22) hat den Aufstieg geschafft, allerdings unter Turbulenzen. Foto: Glenn Dunbar (Imago)

In der neuen grossen Motorsportwelt: Sergei Sirotkin (22) hat den Aufstieg geschafft, allerdings unter Turbulenzen. Foto: Glenn Dunbar (Imago)

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Er sitzt im oberen Stock des Williams-­Gebäudes im Fahrerlager von Montmeló, zurückgelehnt auf seinem Stuhl, Schlafzimmerblick, die linke Hand an der Wange. In seinem Gesicht spriessen Haare, eher punktuell denn grossflächig. Dennoch ist es vielleicht der markanteste Unterschied. Zu damals, zu 2013, als dieser noch immer junge Mann als Teenager nach Hinwil gereist war, um seinen neuen Arbeitgeber kennen zu lernen.

17 war er da gerade einmal, und doch so etwas wie ein Heilsbringer für den verschuldeten Sauber-Rennstall – ein vermeintlicher. Sergei Sirotkin, der Jüngling mit bescheidener Erfahrung im Motorsport, war als Teil einer umfassenden finanziellen Rettung präsentiert worden. Drei russische Partner hätten den Fortbestand des Teams sichern sollen, darunter das Nationale Institut für Luftfahrt und Technologie. Dessen Geschäftsführer: Oleg Sirotkin. Im Gegenzug hätte sein Sohn bei den Schweizern aufgebaut werden sollen, auch im Hinblick auf den GP von Russland, der im darauffolgenden Jahr Premiere feierte.

«Als ich damals in die Sauber-Fabrik kam, war ich beeindruckt: Hightech, klinisch sauber, modern – es war krass.»

Es wurde nichts aus der wundersamen Rettung, der Geldfluss versiegte, falls er überhaupt je begann. Es wurde nichts aus dem Raketenaufstieg Sirotkins von der Formel Renault 3.5 in die Beletage des Motorsports. Ein Training beim Heimrennen in Sotschi, das wars.

Sirotkins Blick schweift ab. Er sagt: «Als ich damals in die Sauber-Fabrik kam, war ich beeindruckt: Hightech, klinisch sauber, modern – es war krass.» Mit grossen Augen schaute er sich das Werk an, träumte von der Zukunft als Formel-1-Fahrer, ein bisschen zumindest. «Die Möglichkeit war da. Und ich würde lügen, würde ich nicht sagen, dass ich es gerne versucht hätte. Aber es sollte nicht sein», sagt er. «Wichtig war für mich, dass ich auch danach Rennen fahren konnte, dass ich das tun konnte, wofür ich lebe. Es war nicht so, dass ich auf die Formel 1 gewartet hätte. Vielmehr hatte ich meinen Fokus auf die Serien gerichtet, in denen ich damals antrat.» Auf die Formel Renault eben, in die er nach dem kurzen Abenteuer zurückkehrte. Es folgten zwei Saisons in der GP2, zweimal der 3. Gesamtrang.

Den Sympathieträger verdrängt

Und nun also ist er doch noch angekommen in der Traumwelt eines jeden Nachwuchspiloten, in der Formel 1, mit 22 und einiger Verzögerung zwar, dafür aber so richtig: Sirotkin ist Stammfahrer des Traditionsrennstalls Williams. «Das ist fast zu gut, um nur schon ein Traum zu sein. Ich kann nur sagen: Danke, Gott, dass ich hier bin», sagt der Russe und nimmt für einen Moment die Hand aus dem Gesicht. «Ich bin hier. Ich meine, was soll ich da sonst noch sagen?»

Doch die Landung auf der höchsten Stufe war alles andere als weich, es gab Turbulenzen. Sirotkin hat den Posten bei Williams dem beliebten Rückkehrer Robert Kubica weggeschnappt, der sich nun hinter dem Russen und dem 19-jährigen Lance Stroll mit der Rolle als Test- und Ersatzfahrer begnügen muss. Alles nur wegen des Geldes, sagen Kritiker.

Die russische Bank SMP, die in der Heimat eine Fahrerakademie unterhält, der auch Sirotkin angehört, soll den auch finanziell schlingernden Rennstall mit einem zweistelligen Millionenbetrag unterstützt haben – SMP-Chef Boris Ro-tenberg, ein enger ­Jugendfreund Wladimir Putins, dementiert das. Sirotkin sagt: «Diese Diskussionen sind nicht angenehm für mich, auch wenn ich versuche, nicht zu sehr darüber nachzudenken. Fakt ist: Ich muss liefern, egal, was vorher war. Wenn mir das nicht gelingt, dann bin ich der Erste, der hinsteht und sagt: Das war mein Fehler. Ja, ich bin nicht gut genug.»

Keine Zeit, zu geniessen

Bei Williams gilt er zwar als disziplinierter Arbeiter, aber bisher wurde es ihm reichlich schwer gemacht, zu liefern. Das Team mit dem grossen Namen ist ein Schatten seiner selbst. Dass Lance Stroll zuletzt in Aserbeidschan als Achter die ersten Punkte holte, war in erster Linie dem Scheitern der Gegner zu verdanken. «Der Start war nicht einfach, gerade für mich als Neuling. Wir sind noch gar nicht dort, wo wir uns sehen. Aber das Team reagierte gut auf die ersten schlechten Rennen», sagt Sirotkin. Und: «Für mich hat das auch etwas Positives. Ich und wir alle sehen uns einer grossen Herausforderung gegenüber, wir haben viele schwierige Momente zu überstehen. Wenn wir da herausfinden und Erfolge feiern können, dann bedeutet das auch entsprechend viel.»

Zurzeit deutet wenig darauf hin, dass das bald der Fall sein könnte. In den gestrigen Trainings zum Grand Prix von Spanien gab es für Stroll und Sirotkin die beiden letzten Plätze.

Es bleibt dem Russen keine Zeit, seine neue grosse Welt zu geniessen. «Ich habe jeden Tag so viele Sorgen und so viel zu tun, dass ich mich nicht in Ruhe hinsetzen und sagen kann: Wow! Jetzt bin ich tatsächlich in der Formel 1!»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.05.2018, 22:50 Uhr

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