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Ausnahmezustand im Rossiland

Unten am endlos langen Strand liegen sie Körper an Körper und schwitzen. Zehntausende, stundenlang.

Oben auf dem Hügel stehen sie Körper an Körper und schwitzen. Zehntausende, stundenlang. Es ist der letzte Tag im August und Hochsaison an der italienischen Adriaküste. Täglich staut sich der Verkehr kilometerlang, die Hotels und Pensionen sind bis aufs letzte Bett ausgebucht. Und abends flanieren die Menschen dicht gedrängt in den Strassen und Gassen. Wie seit Jahrzehnten schon. Mitten in diesem Trubel gastiert in diesen Tagen noch ein weiterer Zirkus: mit dem klangvollen Namen «Gran Premio Cinzano di San Marino e Riviera di Rimini» auf dem World Circuit im Ortsteil Santa Monica von Misano.

Nur wenige Kilometer ausserhalb des Städtchens

Die 1972 eröffnete Motorradrennstrecke liegt nur wenige Kilometer ausserhalb des beschaulichen Städtchens zwischen Rimini und Pesaro. So nahe am Meeresstrand, dass sogar die Touristen auf ihren Liegestühlen stundenlang das Heulen der Motoren hören können. Auf diesem Rundkurs hat vor 15 Jahren eine Karriere begonnen, die gestern Sonntag unter stahlblauem Himmel und bei 35 Grad Hitze einen weiteren Höhepunkt erreichte.

Der 29-jährige Italiener Valentino Rossi hat in dieser Zeit schon einiges erlebt und viel gewonnen: sieben Weltmeistertitel in drei Klassen und insgesamt 94 Grands Prix. Und gestern egalisierte er den Rekord von 68 Siegen in der Königsklasse der Strassen-WM, den der legendäre Giacomo Agostini seit 31 Jahren halten konnte. «Es ist wirklich ein fantastischer Tag, und ich kann es kaum glauben, dass ich den Rekord von Agostini, den ich immer als Helden verehrte, erreicht habe», freute sich Rossi.

Superstar Rossi wird seit Jahren geliebt, verehrt, angehimmelt und geehrt. Doch was er gestern auf seiner Heimstrecke, 15 Kilometer von seinem Wohnort Tavullia, erlebte, wird auch der verwöhnte «Dottore» nicht so schnell vergessen. Kaum hat der WM-Leader auf dem Hinterrad seiner Yamaha nach einer Triumphfahrt in der letzten Runde die Ziellinie überfahren, ist der Bann gebrochen. Innert weniger Minuten entleeren sich die Hügel entlang der Rundstrecke, die Zuschauer, viele in Rossis Lieblingsfarbe Gelb gekleidet und Fahnen mit seiner Startnummer 46 schwenkend, stürmen in Richtung Tribünen. Dort haben die Carabinieri und privaten Sicherheitsmänner grosse Mühe, die Masse hinter den eilends aufgestellten Gittern zu halten. «Vale, Vale, Vale» skandieren mehr als zehntausend Tifosi immer wieder lauthals.

Nachzahlung an den Fiskus

Bei der Siegerehrung, hoch oben über der begeisterten Menge, legt Rossi einen Moment lang den Kopf in den Nacken und blickt in Richtung Himmel. Vielleicht erinnert er sich in diesem Moment an jene Tage vor einem Jahr auf der gleichen Rennstrecke. Auch damals bejubelten ihn seine Fans bei jedem seiner Auftritte. Doch zum Feiern war ihm nicht zumute. Es war die Zeit, als ihn die italienische Justiz wegen Steuerhinterziehung verfolgte und er deswegen später 35 Millionen Euro nachzahlen musste.

Der GP von San Marino 2007 war für Valentino Rossi bereits nach vier Runden mit einer defekten Maschine in der Boxe zu Ende gegangen, und der Australier Casey Stoner hatte mit einem Sieg den Grundstein zu seinem ersten WM-Titel gelegt. Gestern Nachmittag kann sich Rossi revanchieren. Stoner rutscht mit seiner Ducati bereits nach sieben Runden ins Kiesbett, Rossi beendet das Rennen danach ungefährdet mit grossem Vorsprung auf seinen Teamgefährten Jorge Lorenzo als gefeierter Sieger. Und im WM-Klassement führt er nun fünf Rennen vor Schluss bereits mit 75 Punkten Vorsprung auf Stoner.

Später, als sich der grösste Teil seiner Anhänger auf dem Heimweg im Stau befindet, zeigt sich der strahlende Valentino Rossi noch einmal. Hinter der Tribüne vor seiner Box. Dort, wo seine Fans in den vergangenen Tagen in dichten Reihen oft stundenlang und in brütender Hitze in der Hoffnung standen, ihren Helden einen Moment langzu erspähen. Jetzt hat sich das Warten für die Treusten gelohnt: Rossi erscheint in Begleitung eines anderen Superstars - mit Diego Armando Maradona.

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