Alles anders – aber nicht besser

Sauber fährt 2018 definitiv nicht mit Honda-Motoren. Der Richtungswechsel so spät im Jahr dürfte die längst geplante Aufholjagd noch weiter erschweren.

Es eilt bei Sauber, die Konkurrenz ist wieder einmal weit voraus. Foto: Alexey Kudenko (Sputnik, AFP)

Es eilt bei Sauber, die Konkurrenz ist wieder einmal weit voraus. Foto: Alexey Kudenko (Sputnik, AFP)

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Eigentlich hätte doch alles gut werden sollen. Fast auf den Tag genau ein Jahr ist es her, dass Sauber verkündete: Käufer gefunden, Zukunft gesichert. Es herrschte Aufbruchstimmung in Hinwil. Und nun? Scheint das Team, das in diesem Jahr sein 25-Jahr-Jubiläum feiert in der Formel 1, doch nicht viel weiter zu sein als in jenem Juli 2016.

Damals hatte es erst nach der Rettung durch die Investmentgesellschaft Longbow Finance mit der Entwicklung des neuen Autos ernsthaft beginnen können. Die Folge: Der C36 dreht derzeit seine Runden ziemlich chancenlos. Fünf Punkte holte Pascal Wehrlein in den zehn Rennen, Marcus Ericsson schaffte es bislang nie in die Top 10. Als Zwischenjahr wurde 2017 denn auch gesehen – zumindest von den Personen, die seit längerem dabei sind im Geschäft und wissen, wie viel Zeit nötig ist, um einen derart grossen Rückstand aufzuholen. Oder, wie es ein Teammitglied sagt: «Wir waren im Keller, die anderen oben. Selbst wenn wir Riesenschritte gemacht hätten und die anderen nur kleine, wäre der Abstand immer noch gewaltig gewesen. Die neuen Besitzer haben sich das wohl zu einfach vorgestellt.»

Der Chef erzeugt gleich Wirbel

Zwar war und ist das Team finanziell wieder in der Lage, am Auto während der Saison laufend neue Teile anzubringen, wie es das nun auch in Ungarn tut. Nur zeigten diese bislang nicht die gewünschte Wirkung. Realistischerweise hätte ein ernsthafter Angriff auf das Mittelfeld ohnehin erst 2018 erfolgen können. Und diesen wollte man mit Motoren von Honda wagen.

Die damalige Sauber-Chefin Monisha Kaltenborn hatte über ein Jahr lang mit den Japanern verhandelt. Ihr schwebte eine «strategische und technologische Partnerschaft» vor, eine «umfassende Zusammenarbeit». Sie wollte nicht mehr länger nur B- oder C-Kunde eines Motorenlieferanten sein, wie das Sauber seit 2010 und dem Rückkauf des Teams von BMW bei Ferrari war. Ende April wurde die Zusammenarbeit mit Honda für 2018 offiziell verkündet.

Nun ist Ende Juli. Und alles anders. Kaltenborn ist weg. Seit gestern ist auch die Zusammenarbeit mit Honda endgültig vom Tisch. Frédéric Vasseur, der auf die entlassene Österreicherin als Teamchef folgte, sorgte gleich vor seinem ersten Grand Prix mit Sauber für Aufregung. Der Franzose sagte in Budapest: «Es ist sehr unglücklich, dass wir die geplante Partnerschaft mit Honda nun abbrechen müssen. Die Entscheidung fiel aus strategischen Gründen und ist im besten Interesse für die Zukunft von Sauber.» Nur fragt sich: Kann das wirklich «im besten Interesse» für Sauber sein? Ist es nicht vielmehr so, dass die Situation nun ganz ähnlich derjenigen von 2016 ist? Schliesslich basierten die bislang erarbeiteten Konzepte für 2018 auf dem Honda-Motor, nun muss sich das Team auf einen neuen Lieferanten einstellen. In der Formel 1, wo die Autos um den Antrieb herum gebaut werden, kommt das Umschwenken einem Neustart gleich – Monate nachdem die Konkurrenz mit der Entwicklung des 2018er-Wagens begonnen hat.

Alles deutet auf Ferrari hin

Zwar deutet alles darauf hin, dass wieder Ferrari Sauber beliefern wird, was die Ausgangslage vereinfachen würde. Nur hat sich auch der Motor der Italiener deutlich gewandelt. Erst recht für die Schweizer, die in diesem Jahr mit einem 2016er-Modell am Start sind.

Dass der Deal mit Honda nicht zustande kommt, zeichnete sich in den letzten Wochen indes ab. In der «Equipe» sagte Vasseur jüngst: «Alles, was ich von McLaren höre, ist beängstigend.» Pascal Picci, CEO von Longbow Finance und Verwaltungsratspräsident von Sauber, sagte in der «NZZ am Sonntag», die bevorstehende Zusammenarbeit mit Honda «bereitet mir starke Kopfschmerzen». Verständlich, kämpfen die Japaner doch mit grossen Problemen. Wenn ein McLaren überhaupt ins Ziel kommt, dann meist ausserhalb der Punkte. Es ist das einzige Team, das hinter Sauber liegt.

Nur kämpft Honda nun schon im dritten Jahr mit den Tücken der hochkomplexen Technik. Wieso also hat Picci, der die Verhandlungen stets eng begleitete, erst jetzt festgestellt, dass Honda nicht der richtige Partner sein soll? Aus verschiedenen gut unterrichteten Quellen heisst es, dass Honda die Konditionen geändert habe, nachdem Kaltenborn entlassen worden war, weil der Deal mit ihr abgeschlossen worden war. Er dürfte deshalb nicht mehr lukrativ gewesen sein für Sauber.

Kaltenborn verlor Machtkampf

Honda-Motorsportchef Masashi Yamamoto sagte gestern: «Wir hatten eine gute Beziehung zu Sauber aufgebaut und freuten uns darauf, gemeinsam die Formel-1-Saison 2018 anzugehen. Nachdem das Management des Teams gewechselt hatte, kamen wir aber nach Gesprächen überein, die Vereinbarung in beiderseitigem Einvernehmen zu beenden.»

Picci reagierte auf wiederholte Anfragen in den letzten Wochen nicht. Auch Kaltenborn mochte sich nicht äussern, sie dürfte mit dem Unternehmen nach ihrer Entlassung noch juristische Fragen zu klären haben.

Mit Kaltenborn mussten und müssen gemäss internen Quellen auch einige Angestellte gehen, die ihr nahe­standen. Dem Vernehmen nach hatten sich im Team zwei Lager gebildet, nachdem Kaltenborn den neuen Technischen Direktor Jörg Zander kritisiert hatte und ihn hatte entlassen wollen. Die Besitzer sollen sich auf die Seite von Zander geschlagen haben, Kaltenborn verlor den Machtkampf.

Nun also verschwindet auch das letzte Vermächtnis der Österreicherin: der Deal mit Honda.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2017, 23:13 Uhr

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