Kimi Räikkönen taut auf

Der 35-jährige Finne fühlt sich wieder wohl bei Ferrari und hofft auf einen Vertrag für 2016.

Die Farben sind noch die gleichen wie im letzten Jahr, aber sonst ist um Kimi Räikkönen fast alles anders. Foto: Imago

Die Farben sind noch die gleichen wie im letzten Jahr, aber sonst ist um Kimi Räikkönen fast alles anders. Foto: Imago

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Kimi Räikkönen lächelte. Und redete. Oft. Kimi Räikkönen? Lächelte und ­redete? Nicht möglich, dachte sein neuer Chef, «das ist doch nicht Kimi.» Er war es. Maurizio Arrivabene war derart irritiert, dass er es für nötig hielt, sich bei seinem Fahrer zu erkundigen, ob auch alles in Ordnung sei. «Ja, ja, ja! Ich bin okay!», habe dieser geantwortet.

Arrivabene schmunzelte, als er diese Episode vor dem ersten Saisonrennen erzählte. Sie war Sinnbild für die neue Gefühlslage des sonst reservierten und schweigsamen Finnen. Und an dieser hat sich seither kaum etwas geändert.

Auf den Ausfall in Melbourne, als die Mechaniker bei einem Boxenstopp das linke Hinterrad an Räikkönens Ferrari SF15-T nicht richtig befestigt hatten, folgten die Ränge 4, 4 und zuletzt in Bahrain 2. Zwischen den beiden Mercedes-Piloten Lewis Hamilton und Nico Rosberg. Sein erster Podestplatz seit dem Grand Prix von Korea am 6. Oktober 2013, als er im Lotus hinter Sebastian Vettels Red Bull Zweiter geworden war. Sein erster Podestplatz seit seiner Rückkehr zur Scuderia, mit der er 2007 den WM-Titel geholt hatte und 2014 in einem nicht konkurrenzfähigen Auto eine Saison zum Vergessen erlebte. Mit 55 Punkten und Schlussrang 12.

Das ist weit weg, und vieles anders. Eigentlich alles. Räikkönen ist nach vier Rennen Vierter mit 42 Punkten, Vettel sein Teamkollege, Arrivabene der Teamchef, Sergio Marchionne der Präsident. Fernando Alonso, Marco Mattiacci, Luca Montezemolo: weg. Nun wurden auch noch Sportdirektor Massimo Rivola, ein Logistikmanager und ein Koch ent­lassen. Der Design-, der Technik-, der Motoren-, der Datenanalysechef: alle neu. Und irgendwie ist eben auch Räikkönen wie ausgewechselt. Irgendwie.

Der verdutzte Fragesteller

An diesem Donnerstag, drei Tage bevor die Formel 1 auf dem Circuit de Catalunya ihr erstes Europa-Rennen bestreitet, sitzt der 35-jährige und älteste Pilot auf einem Barhocker in der Ferrari-Lounge. Umzingelt von Journalisten, Fotografen, Kamerateams. Eine Ferrari-Kappe auf dem Kopf, die Sonnenbrille draufgesteckt, mit rotem Shirt, kurzen schwarzen Hosen, schwarzen Turnschuhen.

Er möchte lässig wirken. Die verhörähnliche Situation trägt das Ihrige dazu bei, dass ihm das nicht gelingt. So zupft er immer wieder an seiner Hose, schaut hoch zur Decke, stützt die Hände auf den Oberschenkeln ab, kratzt sich an seiner muskulösen Wade. Und spricht dabei in der ihm eigenen Monotonie. Kein Wort, das sich vom vorangegangenen in Tonlage oder Intonation unterscheiden würde. Keine Gesichtsregung. Nur einmal verziehen sich die Mundwinkel ein klein wenig nach oben. Als er gefragt wird, was denn der Unterschied sei bei Ferrari gegenüber 2014, muss er seine Antwort wiederholen, weil der verdutzte Fragesteller mit «Es ist ein neues Jahr» offenbar nichts anzufangen wusste.

Räikkönen gefällt sich eben ab und zu und gerade gegenüber Journalisten noch immer in der Rolle des tiefenentspannten, trockenen Nordländers, den nichts und niemand aus der Ruhe bringen kann. Es wäre auch seltsam, wäre sogar das plötzlich anders. Zumal ihn sein ­linker Unterarm an seinen Ruf erinnert, den es zu verteidigen gilt: «Iceman» wurde auf diesen in grossen Lettern ­tätowiert, sein Spitzname, den ihm einst McLaren-Teamchef Ron Dennis verlieh und der ihm bis heute geblieben ist.

Leise Stimme wegen Radunfalls

Doch Räikkönen macht nicht nur Show, ist nicht nur freiwillig der «Eismann» mit der leisen Stimme, wofür er seit seinem Formel-1-Einstieg 2001 bei Sauber bekannt ist. Als Fünfjähriger war er beim Velofahren von der Pedale gerutscht und mit dem Hals auf den Lenker geprallt. Von der Quetschung haben sich seine Stimmbänder nie erholt. Auch deshalb hätte er es in der Vergangenheit wohl bei der Nichtaussage «Es ist ein neues Jahr» belassen. Das tut er in Montmeló nicht und zeigt damit auch der Öffentlichkeit den Ansatz eines Wandels.

Räikkönen antwortet also: «Wir arbeiten nun als Team enger zusammen. Das macht sich auf der Strecke bemerkbar.» Oder: «Das Team wird anders geführt. Es gibt Unterschiede in der Art und Weise, wie Dinge angepackt werden. Ich kenne Maurizio (Arrivabene) noch von früher und kam schon damals gut mit ihm aus.»

Räikkönen fühlt sich rundum wohl im neuen Ferrari-Team. Noch etwas wohler würde er sich fühlen, würde der Teamchef seinen Ende Saison auslau­fenden Vertrag frühzeitig verlängern. «Es kommt ganz auf deine Leistungen an», sagte ihm Arrivabene. Räikkönen wird alles dafür tun, sich seine neue gute Laune nicht zu verderben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2015, 21:45 Uhr

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Für die Aussage von Niki Lauda hatte Sebastian Vettel nur ein müdes Lächeln übrig. Ferrari habe den Rückstand auf die Silberpfeile «auf nahezu null» reduziert, hatte der Aufsichtsratsvorsitzende von Mercedes gesagt. «Niki redet viel», entgegnete der Deutsche, «ich hoffe aber, dass er recht hat.» Danach sieht es nicht aus. In den ersten Trainings zum GP von Spanien, zu denen die Teams mit Modifizierungen am Auto und neuen Teilen angereist sind, war Nico Rosberg vor Lewis Hamilton der Tagesschnellste. Vettel wurde vor Ferrari-­Kollege Kimi Räikkönen Dritter. Sauber zeigte sich derweil in guter Verfassung. Im ersten Teil wurde Felipe Nasr 10., Raffaele Marciello 12., der wie in Malaysia Marcus Ericsson ersetzte. Dass Nasr (15.) und Ericsson (16.) am Nachmittag weiter zurücklagen, beunruhigte die Schweizer nicht: Die Fahrer testeten vor allem die Zuverlässigkeit des C34.(rha)

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