Ferrari droht das böse Erwachen

Als Zweifachsieger ist Charles Leclerc nach Singapur gereist – und doch nicht Favorit. Hier regieren Mercedes und Red Bull.

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René Hauri@tagesanzeiger

So weit weg können zwei Wochen sein. Der Grand Prix von Italien, dieser Festakt in Rot, dieser Ferrari-Freudentaumel im Autodromo von Monza, er ist vielleicht irgendwo, nur nicht hier, nicht in Singapur, der 15. Station der Formel 1.

Das Tempobolzen, das die roten Autos so gut beherrschen wie kein anderes, spielt beim Nachtrennen im Inselstaat keine Rolle. 23 Kurven in engen Gassen, Funkenflug auf der welligen Piste, brütende Hitze und gewaltige Luftfeuchtigkeit erwarten die Rennfahrer. Es ist ein Kraftakt, wie sie ihn sonst nirgends zu leisten haben, 3 Liter Flüssigkeit verlieren sie während des Rennens.

«Ich bin einer, der normalerweise im Rennen nicht trinkt. Ich führe gar keine Flasche mit. Das war im letzten Jahr keine gute Idee. Ich werde nun definitiv Flüssigkeit dabeihaben.» Die Worte kommen von Charles Leclerc. 2018 erlebte der Monegasse mit Sauber seine hitzige Premiere in Singapur, nur ein Jahr später ist er als Shootingstar der Szene an die Südspitze der malaiischen Halbinsel gereist.

In Belgien gewann der 21-Jährige seinen ersten Grand Prix, in Monza doppelte er eine Woche darauf nach. In Italien träumen sie beim Anblick des charismatischen Wunderknaben schon von ganz Grossem, vom ersten Fahrertitel für die Scuderia seit 2007 und dem Coup von Kimi Räikkönen. Mit seinem Instinkt, seiner Lernfähigkeit und seiner kompromisslosen Art scheint Leclerc auch geradezu geschaffen für Wundersames. Nur sind Spa-Francorchamps und Monza nicht überall, sind nicht alles Hochgeschwindigkeitsstrecken.

Vettel: Zaudern statt zaubern

Leclerc hat als Hoffnungsträger der Ferraristi Sebastian Vettel abgelöst, den vierfachen Weltmeister, der jüngst mehr zauderte denn zauberte. Fünfter ist der 32-Jährige noch in der WM, überflügelt auch vom Teamrivalen, obwohl dieser seine erste Saison beim Traditionsrennstall als klare Nummer 2 begonnen hatte. Nun ist Leclerc in der internen Hierarchie auf die Stufe Vettels vorgerückt, wenn er nicht sogar noch einen Tritt höher steht.

Vierter ist zwar auch er nur in der WM hinter Lewis Hamilton, Valtteri Bottas und Max Verstappen, doch der Junge hat gerade einen Lauf. Vielleicht hilft ihm das am Sonntag in Singapur, er dürfte darauf angewiesen sein, hier, wo Monza in allen Belangen weit weg ist.

Der Stadtkurs liegt den auf maximalen Abtrieb getrimmten Mercedes und Red Bull viel besser. Ferrari versucht, mit neuer Nase, neuen Luftleitelementen an der Seite und einem T-Flügel über dem Getriebe dagegenzuhalten. Doch allzu zuversichtlich klingt es nicht, wenn Teamchef Mattia Binotto sagt: «Die Erfolge haben wir hinter uns. In Singapur erwartet uns eine ganz andere Herausforderung. Auf Strecken wie dieser werden unsere Schwächen am stärksten sichtbar.»

Vettel fährt «nicht in der Theorie»

Vettel, mit vier Siegen in Singapur zusammen mit Hamilton Rekordhalter, sagt: «In der Theorie passt die Strecke nicht so gut zu uns. Aber ich fahre nicht in der Theorie.» Nur lief es auch in der Praxis zuletzt nicht gut für den Deutschen. Der letzte Triumph im Stadtstaat liegt vier Jahre zurück, der letzte GP-­Sieg über ein Jahr oder 22 Rennen.

Zudem fehlt nicht mehr viel zu einer Sperre. Sein Strafpunktekonto hat Vettel in Monza mit einer ungestümen Rückkehr auf die Strecke und der Karambolage mit Lance Stroll um drei auf neun Punkte geäufnet. Ab zwölf Strafpunkten muss er einen Grand Prix auslassen. «Das habe ich im Hinterkopf», sagt Vettel.

Es ist nicht unbedingt die ideale Voraussetzung für den Kampf gegen Mercedes und Red Bull. Und das harte interne Duell gegen Leclerc, der die Ferraristi in den letzten zwei Rennen in einen träumerischen Zustand versetzte, aus dem in Singapur das böse Erwachen droht.

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