Durch das schwarze Loch auf Wolke 7

Marcel Fässler strebt den vierten Sieg bei den legendären 24 Stunden von Le Mans an – es warten viele Tücken.

Bereit für das «wichtigste Rennen des Jahres»: Marcel Fässlers R18 vom Audi Sport Team Joest bei Tests in Le Mans. Foto: Imago

Bereit für das «wichtigste Rennen des Jahres»: Marcel Fässlers R18 vom Audi Sport Team Joest bei Tests in Le Mans. Foto: Imago

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Es sind Namen, die Marcel Fässler «ehrfürchtig» ­werden lassen. Jacky Ickx ist einer ­davon. Eine Motorsportlegende. Gerade in Le Mans. Sechsmal ­gewann der Belgier zwischen 1969 und 1982 das 24-Stunden-Rennen auf dem Circuit de la Sarthe. Am 1. Januar wurde er 70, ­weshalb sie ihm – zusammen mit der gleichaltrigen einstigen Radgrösse Eddy Merckx – in Brüssel eine eindrückliche Ausstellung widmeten.

Derek Bell ist ein anderer. Der Brite, vier Jahre älter als Ickx, triumphierte beim legendären Langstreckenrennen fünfmal – dreimal davon mit dem Belgier als Teamkollegen. Das letzte Mal 1987 ­gemeinsam mit Hans-Joachim Stuck (De) und Al Holbert (USA).

Ickx und Bell prägten die Historie der 24 Heures du Mans. «Das waren Helden», so sagt es Fässler, «ich weiss noch genau, wie ich ihre Fahrten zusammen mit meinem Vater am Fernseher verfolgte, als ich klein war. Und jetzt . . .» Ja, und jetzt? «Jetzt wird mein Hand­abdruck auf einem Dolendeckel mitten in der Altstadt von Le Mans verewigt. Mein Name steht auf diesem Platz neben dem eines Ickx oder Bell. Das ist schon sehr speziell und eine grosse Ehre.» Irgendwie scheint sich der 39-jährige Schwyzer noch immer in einem Traum zu wähnen. Dabei ist längst Realität, dass er selber an der Geschichte des Rennens kräftig mitschreibt.

Eine der Kronen des Motorsports

Dreimal hat er dieses schon gewonnen – in den letzten vier Jahren. Am Sonntag soll mit seinen Fahrerkollegen beim Audi Sport Team Joest, dem Deutschen André Lotterer und dem Franzosen ­Benoît Tréluyer, der vierte Streich folgen. «Wir haben in den letzten zwei Rennen gezeigt, dass wir aus eigener Kraft gewinnen können», sagt Fässler. Mit den sechs Stunden von Silverstone und Spa entschied das Team beide bisherigen Prüfungen der Langstrecken-WM für sich. Und am Wochenende folgt eben «das wichtigste Rennen des Jahres», wie Fässler sagt. Eines, das zur «Triple Crown» des Motorsports gehört, zur dreifachen Krone. Eine inoffizielle Bezeichnung für die renommiertesten Rennen der Welt, neben Le Mans zählen der Formel-1-­­Grand-Prix von Monaco und die 500 Meilen von Indianapolis dazu. Wieder werden 250 000 Zuschauer an der Strecke im Nordwesten Frankreichs erwartet, wenn am Samstag um 15 Uhr zum 83. Mal der Startschuss fällt.

Doch eigentlich hat das Grossereignis längst begonnen. Am letzten Sonntag wurde die technische Abnahme an Fässlers Audi durchgeführt. Oder besser: ­zelebriert. Selbst das verstehen die Franzosen nämlich zu einem Event zu machen. Das Fahrzeug wird dann auf der Place de la République im Herzen der 150'000-Einwohner-Stadt von Station zu Station geschoben, gewogen, per Laser abgemessen, auf einer Hebebühne der Unterboden studiert und zuletzt werden die Sicherheitsvorkehrungen überprüft. Zudem werden die Fahrer ­gewogen, sie müssen die Lizenz, den Helm, die Overalls vorzeigen. Das alles vor rund 5000 Zuschauern. «Viele ­dieser Leute reisen seit Jahren an, um hier die ganze Woche mitzuerleben», sagt Fässler.

Die technische Überprüfung aller 56 Autos dauerte bis Montag, am Mittwochabend wurde auf der Strecke trainiert, gestern stand das Qualifying an (nach Redaktionsschluss). Heute geht es weiter mit der Fahrerparade auf Old­timer-Autos durch die Altstadt. «Die Spannung steigt von Tag zu Tag. Und die Stimmung hier ist einfach genial. So richtig kriegen wir das aber erst nach der Zieleinfahrt mit», sagt Fässler. Um zu präzisieren: «Nach dem Sieg.» Denn dann, beschreibt er, «strömen 60 000 Fans zum Start-Ziel-Gelände, wo das ­Podest steht. Es ist ein gigantisches ­Gefühl, auf eine solche Menschenmenge hinunterzuschauen. Man schwebt wie auf Wolke sieben.» Und das möchte er nun ein weiteres Mal erleben.

Der Weg dorthin ist allerdings voller Tücken und Hindernisse. In Le Mans sind nicht nur Autos der höchsten Kategorie LMP1 am Start, sondern auch solche drei weiterer Fahrzeugklassen. «Die grösste Schwierigkeit ist, unbeschadet durch den Verkehr zu kommen», sagt Fässler denn auch. «Es sind Autos mit verschiedenen Geschwindigkeiten und unterschiedlich guten Fahrern unterwegs. Man muss genau abschätzen ­können, wann man welches Auto wo überholen kann. Und wenn man sich entschieden hat, darf man auf keinen Fall zögern, sonst ist es schon zu spät.»

Der Unfall, der nie geschah

In der Nacht vergrössert sich diese Gefahr noch, auch wenn Fässlers Audi über ein spezielles Laserlicht ­verfügt. «Ich habe schon viele brenzlige Situationen erlebt, bis jetzt aber immer Schwein gehabt», sagt der Schweizer.

Einmal aber hatte er auch Pech. 2008 drehte er sich kurz nach Mitternacht ­wegen eines technischen Defekts an seinem Courage-Oreca LC70 und prallte mit 200 Stundenkilometern rückwärts in eine Streckenbegrenzung. Er kam mit einer Hirnerschütterung und Prellungen am Rücken davon. «Weil ich mich an nichts von diesem Unfall erinnern kann, belastet er mich auch nicht. Es ist, als wäre das nie passiert», sagt Fässler.

So stört ihn auch nicht, dass er in diesem Jahr nach Lotterer und Tréluyer als Dritter im Auto Platz nehmen wird – und ­damit wohl erneut bei Einbruch der Dunkelheit. Ein Einsatz eines Piloten dauert drei bis vier Stunden. Es dürfte also gegen 22 Uhr werden, bis Fässler ans Steuer darf. «Ich fahre grundsätzlich gerne in der Nacht. Auch wenn ich mich ziemlich einsam fühle, weil ich keine Konturen erkennen kann, keine Tribünen, keine Fans: Ich fahre wie in einem schwarzen Loch», beschreibt er. In den Phasen zwischen den Einsätzen lässt er sich massieren, er duscht, isst, versucht zu schlafen. «Wichtig ist, sich nicht mit Dingen zu beschäftigen, die absolut nichts mit dem Rennen zu tun haben», sagt er. Und: «Das alles ist schon sehr fordernd – vor allem psychisch.»

Das war es für den Vater von vier Töchtern zwischen sechs und zwölf Jahren erst recht 2013, als der Däne Allan ­Simonsen in Le Mans tödlich verunglückte. «Das war sehr emotional», blickt Fässler zurück. «Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mir da nicht auch meine Gedanken gemacht hätte.» Letztlich aber sagte er sich: «Ich weiss, dass dieser Sport Gefahren mit sich bringt. Aber ganz ehrlich: Die Anfahrt hierher nach Le Mans ist für mich viel gefährlicher als das Rennen. Auf der Strasse lauern viel mehr Risiken – und wenn man immer nur an diese denkt, ist das Leben nicht mehr lebenswert. Schliesslich musste ich mir im ­Klaren darüber werden, was ich will.»

Marcel Fässler weiss, was er will. Möglichst schnell Auto fahren. Und an diesem Wochenende weiter daran arbeiten, sich den Helden seiner Kindheit ­anzunähern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2015, 02:10 Uhr

Marcel Fässler siegte in den letzten vier Jahren dreimal. Foto: J.-C. Bott (Keystone)

Schweizer Gegner

Jani/Buemi

Marcel Fässler ist der einzige Schweizer Sieger der 24 Stunden von Le Mans. In diesem Jahr haben aber auch zwei Landsleute Aussichten auf einen Triumph. Vor allem Neel Jani, der im Porsche 919 zusammen mit Marc Lieb (De) und Romain Dumas (Fr) in den bisherigen zwei Rennen der Langstrecken-WM in Silverstone und Spa jeweils auf Rang 2 fuhr. Und Sébastien Buemi, der dritte Schweizer in der höchsten Kategorie LMP1, belegte im Toyota mit Anthony Davidson (Gb) und Kazuki Nakajima (Jap) in Silverstone noch Rang 3, zuletzt wurde er Achter. Der Weltmeister des Vorjahres war in Le Mans 2013 Zweiter und 2014 Dritter geworden. (rha

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