Der Traum, aus dem er nicht mehr erwacht

Jeremy Seewer, 23, ist an der Motocross-WM in ­Frauenfeld der heimische Star. Das ist der Lohn für viel Verzicht und Hunderttausende Kilometer im Camper

Jeremy Seewer (Mitte in Rot)zeigte in Frauenfeld, was er einst im Garten der Eltern erlernt hat.

Jeremy Seewer (Mitte in Rot)zeigte in Frauenfeld, was er einst im Garten der Eltern erlernt hat. Bild: Keystone

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Der kleine Bub taucht ab. Die Schule, die Hausaufgaben: weit weg. Er sinniert vor sich hin, tagträumt. Seine Welt: eine bunte. Und dreckige. Gerade hat er sie sich in seinem Heft wieder angeschaut, diese Gladiatoren auf ihren Motorrädern. Wie sie am Startgatter stehen, weit nach vorne gebeugt, den Gasgriff fest in der Hand, wie sie daran drehen, losschiessen Richtung erste Kurve, sich durch tiefen Schlamm wühlen, stürzen, weiterkämpfen, durch die Luft wirbeln – und wie sie dann mit ihren vor Dreck strotzenden Gesichtern vom Podest strahlen.

Manchmal, da wähnt sich Jeremy Seewer zurückversetzt in diese Zeit, in diese Momente, damals im Kinderzimmer in Bülach. Eigentlich müsste er doch auch jetzt bald einmal aufwachen aus dieser Traumwelt, so wie es früher immer war. Doch er tut es nicht.

Ein junger Mann ist Seewer heute, 23 ist er im Juli geworden. Er sagt: «Ich lebe meinen Traum.» Es ist so viel mehr als eine Floskel für ihn. Er ist dort angekommen, wo er sich immer hingesehnt hat, sein Leben lang: an der Weltspitze im Motocross. In der MX2, der zweithöchsten Klasse mit 250-cm3-Maschinen, kämpft er derzeit um den Weltmeistertitel. 50 Punkte Rückstand muss er dafür auf den Letten Pauls Jonass gutmachen, 250 Punkte gibt es noch zu holen an den letzten fünf Rennwochen­enden. «Wir geben alles dafür», sagt Seewer. Er hat das immer getan, alles gegeben für seine grosse Passion. Er hat es so weit gebracht, dass er heute Sonntag der heimische Star ist am MXGP Switzerland in Frauenfeld, wo die besten Motocross-Fahrer aufeinandertreffen.

Also baggerte und schaufelte er sich eine eigene Piste zusammen

Der Weg dorthin war voller Hindernisse. Es forderten ihn vor allem diejenigen neben der Piste. «In der Schweiz hat man schlechte Karten in dem Sport», sagt Seewer. Die Schweiz: motorsportfreie Zone. Er schuf selber Abhilfe, begann, zusammen mit seinem älteren Bruder Roger im Garten des Elternhauses Hügel aufzuschütten, monatelang, bis sie eine kleine Supercross-Piste zusammengeschaufelt und -gebaggert hatten. Jede freie Minute schwangen sich die Brüder auf ihre Motocross-Maschinen, zumindest Jeremy, «Roger hatte nicht die ganz grosse Leidenschaft für den Sport», sagt Jeremy Seewer. Bei ihm war das ganz anders. Er feilte im Garten akribisch an seiner Fahr- und Sprungtechnik, oft bis spätabends, «dafür war die Strecke perfekt».

Doch er wusste: Das wird nicht reichen, um irgendwann einmal der internationalen Konkurrenz beizukommen, den Italienern und Belgiern, die nicht nur selbstgeschaufelte Hügel vor der Haustür haben, sondern Profi-Pisten. Also stiegen die Seewers Wochenende für Wochenende in ihren Camper, fuhren nach Italien, nach Belgien, 50 000 Kilometer im Jahr, Jeremy tobte sich auf den Pisten aus, am Sonntag ging es zurück ins Zürcher Unterland. Die ganze Familie lebte die Passion des Jüngsten, gerade Vater René, 1994 und 1995 Schweizer Meister im Quad, aber auch Mutter Anita, ein grosser Motocross-Fan. «Ich weiss nicht, wie viel Geld sie das alles gekostet hat, aber das war auch noch das Kleinste, was sie auf sich nahmen. Sie haben vor allem sehr, sehr viel Zeit investiert», sagt Jeremy Seewer.

Sein Vater, der eine Motorrad-Werkstatt besitzt, putzte und schraubte in seiner Freizeit am Gefährt seines Sohnes herum, das tat er auch auf den Rennplätzen. Um die Finanzen kümmerte sich Denis Birrer, der einst zusammen mit Vater René Rennen gefahren war. Seit über einem Jahrzehnt schon handelt er die Verträge für Seewer aus, sucht Sponsoren – erfolgreich. «Wir hatten immer tolle Unterstützer an unserer Seite», sagt Seewer. «Sie waren mit Freude und Emotionen dabei, haben den Sport geliebt und gelebt wie wir. Ich glaube deshalb auch, dass keiner böse gewesen wäre, wenn ich es nicht an die Spitze geschafft hätte.» Hat er aber.

Für Birrer ist das keine Überraschung: «Als ich ihn vor elf Jahren erstmals sah, habe ich zu seinem Vater gesagt: ‹Da müssen wir etwas machen.› Er brachte mehr mit, als nur ein guter Motocross-Fahrer zu sein. Er hat viele Sachen nicht lernen müssen, sondern machte sie einfach richtig. Und er hatte den unbändigen Willen, den Ehrgeiz, den es braucht, um der Beste zu werden.»

Seewer verzichtete auf vieles, er ­trainierte schon als Teenager Kraft und Kondition, werkelte an seinem Motorrad und drehte seine Runden, während seine Freunde um die Häuser zogen. Er hatte ihn ja stets vor Augen, diesen Traum, zu den Weltbesten zu gehören. «Ich hatte diese Vision und wusste, was es dafür braucht. Selbstdisziplin war neben dem Talent das Wichtigste.»

Und die Eltern? Die können ­zurücklehnen und geniessen

Sein Aufstieg war rasant. Mit 18 startete er in der Europameisterschaft, 2013 wurde er dort Zweiter, ein Jahr später folgte die erste Saison in der WM, er wurde Werksfahrer bei Suzuki – nun kämpft er sogar um den Titel. Und es geht im gleichen Stil weiter: 2018 wird Seewer in der MXGP, der höchsten ­Kategorie mit 450-cm3-Maschinen, debütieren. Und die Eltern? «Die können zurücklehnen und geniessen.»

Zwar legen sie auch jetzt noch jährlich Tausende Kilometer zurück in ihrem Camper, um an die Rennstrecken in Europa zu reisen. Das aber vor allem, um den Junior wieder einmal zu sehen. Denn dieser hat in der belgischen Motocross-Hochburg Lommel eine neue Heimat gefunden, als Pilot eines Werksteams wird er dort rundum betreut. «Ich kann mich jetzt zu 100 Prozent auf mich und das Fahren konzentrieren», sagt Seewer. Er hofft, dass er das auch in Frauenfeld tun kann. Obwohl der Rummel um ihn nie grösser war. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.08.2017, 22:21 Uhr

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